Rallye-Copilotin Cristina Wegner sagt Männern, wo es lang geht

Cristina Wegner mit ihrem Piloten in einem Renault Elf
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Sicheres Navigieren: Hier gibt Cristina Wegner in einem ihrer Lieblingsautos Renault 5 Turbo Anweisungen.

Hamm – Manche Autofahrer hassen es, wenn ihnen der Beifahrer reinredet. Im Rallyebereich ist das anders: Cristina Wegner aus Ostwennemar sagt vielen Männern, wo es langgeht. Die 38-jährige Unternehmerin aus Ostwennemar ist nicht nur eine sehr erfahrene Co-Pilotin, sondern auch Vorstandsmitglied in der Interessengemeinschaft Historic-Rallye-Cup Deutschland.

2001 schlossen sich Besitzer sogenannter „Youngtimer“ zusammen, um mit- und gegeneinander um Trophäen zu fahren. Seit 2009 ist Cristina Wegner dabei. Ihr Einstieg war ein C-Kadett, mit dem ein Kollege in ihrem damaligen Ausbildungsbetrieb Slalomrennen fuhr. Rainer Eggenstein wollte seinen Kult-Opel gerne auch über längere Strecken steuern und konnte Wegner als Navigatorin gewinnen.

Der Kollege ist inzwischen nicht mehr dabei, aber Cristina Wegner war dem Rallyefieber dauerhaft verfallen. 2009 startete sie bei drei Schnupperrallyes – heute kann sie gar nicht mehr sagen, an wie vielen Wettbewerben sie insgesamt teilgenommen hat. Im richtigen Leben fährt sie einen VW Tiguan und schon mal einen Bulli zur Baustelle, als Springer hat sie schon in den unterschiedlichsten Kultautos den Kurs bestimmt. Ein besonderer Liebling: ein Renault R5 Turbo „mit dicken Backen“. 2010 hatte sie sich beim IG Vorstand als „Ersatzbeifahrerin“ gemeldet. Sie wurde dann eingesetzt, wenn einem Fahrer der feste Co-Pilot ausfiel, etwa durch Krankheit. In ihrer ersten Saison war Wegner mit einem tollen Käfer 1500 von 1969 unterwegs – blau mit schwarzem Dach. „Ich habe aber auch schon in einem Heckflossen-Mercedes navigiert“, so die Frau, die dem Rallyefahrer das Navi ersetzt.

Alles notiert, was auf der Strecke wichtig wird: Cristina Wegner befestigt den Aufschrieb am Klemmbrett.

„100, R4, no cut“ kann so eine Ansage lauten, denn das ist schneller gesagt als „in hundert Metern kommt eine leichte Rechtskurve, die innen nicht geschnitten werden darf.“ Etwas, was ihr die Teilnahme an den Historic Cup Rallyes mit bis zu 40 Teams besonders gefällt: „Hier kann eine Renault Dauphine auch einen Porsche 911 schlagen.“ Natürlich könnte die Dauphine, die zwischen 1956 bis 1968 gebaut wurde, bei einem puren Geschwindigkeitsrennen gegen den Porsche nicht mithalten, aber die Wettbewerbe der IG sind so ausgerichtet, „dass wir nicht auf der letzten Rille ins Ziel fahren“. Die zehn Wettbewerbe, die in normalen Jahren bundesweit durchgeführt werden, sind nämlich sogenannte Sollzeit-Rallyes. Es geht nicht um die Erzielung von Bestzeiten. Der Beste ist der, der in der errechneten oder vorgegebenen Zeit das Ziel passiert. Um das möglichst gut hinzubekommen, werden die Strecken vorab im gemäßigten Tempo abgefahren und ihre Eigenheiten vom Co-Piloten notiert, um anhand dieser Aufzeichnungen den Fahrer durch den späteren Wettbewerb zu lotsen. Dabei entsteht der sogenannte „Aufschrieb“ mit den Anweisungen für den Fahrer, die ihm sein Navigator im Rennen rechtzeitig zurufen muss. Da ist dann auch viel Vertrauen im Spiel. Ein Fehler kann über Sieg und Platz entscheiden.

Dass die Sollzeit-Rennen aber keine reinen Spazierfahrten sind, zeigen die Teilnahmevoraussetzungen für die Gefährte: Zugelassen sind Fahrzeuge von Baujahr 1961 bis 1981, die über eine Straßenzulassung verfügen und technisch dem historischen Vorbild entsprechen müssen. Sicherheitsgurte, idealerweise in H-Form und Überrollbügel oder -käfige sind weitere Vorgaben. In die Vorstandsarbeit ist Cristina Wegner quasi hereingerutscht – als erste Frau in der IG-Geschichte. Sie war und ist bei den Rennen dafür bekannt, immer Pflaster und Gummibärchen gegen Unterzuckerung dabei zu haben. Als Beisitzerin kümmert sie sich inzwischen um die Homepage und bildet auch schon mal „50-jährige Küken“ zu Co-Piloten aus. Allerdings können auch wirklich junge Beifahrer teilnehmen – das Mindestalter ist 14 Jahre, dabei zählt das Geburtsjahr – es könnten auch 13-Jährige teilnehmen. „Viele Fahrer setzen da Sohn oder Tochter ein“, erläutert Wegner. Viele Aktive sind bei ihr in die Co-Piloten-Schule gegangen.

Für Wegner, die seit 2018 Geschäftsführerin im eigenen Fachbetrieb für Türen und Fenster ist, spielt neben der sportlichen Herausforderung vor allem der Zusammenhalt der Gemeinschaft eine entscheidende Rolle. Allerdings hat sie jetzt schon ein Jahr Corona-bedingt kein Rennen mehr erlebt. „2020 hat nur ein Rennen in Ulm stattgefunden, und das hatte ich aufgrund der Entfernung diesmal sausen lassen“, bedauert sie. Im Jahr 2019 hatte sie die Serie mit dem festen Piloten Ralf Schoemann aus Lünen in seinem Volvo 172 S gemeistert. Einen besonderen Siegerpokal hat Crista, wie sie in der IG gerufen wird, auch im Büro stehen: 2013 machte sie als Co-Pilotin einen ersten Platz bei der Reckenbergrallye in Rheda-Wiedenbrück. Mit einem Fahrer, der zur ADAC-Konkurrenz wechselte.

Einen Vereinssitz hat die IG nicht, ihre Mitglieder kommen aus dem gesamten Bundesgebiet – Jahreshauptversammlung und Vorstandswahl finden bei einem Treffen in der Mitte Deutschlands statt, das normalerweise im Februar ansteht. Jetzt hofft auch Cristina Wegner auf einen Wiedereinstieg in den aktiven Sport: Im April könnte die Roland Rallye in Thüringen locken – 53 Prozent der Strecke ist geschottert, Cristina Wegner liebt solche Herausforderungen.

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