SPD-Politiker aus Hammer Osten lässt es nach fast 50 Jahren Politik ruhiger angehen

Mal bockig, „verrückt“, aber extrem sozial: Ralf Lenz nimmt Abschied von der aktiven Politik

Der Sozialdemokrat Ralf Lenz, eigentlich Ralf-Dieter Lenz, aber „Dieter“ mag er nicht, verabschiedet sich nach der Kommunalwahl 2020 von der aktiven Politik in Hamm und insbesondere im Stadtbezirk Uentrop, wo er sich rund 50 Jahre lang engagierte.
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Vis-à-vis dem Glaselefanten im Maxipark: Auf seinem Balkon hat Ralf Lenz den Überblick.

Uentrop - Terminlawinen, Streitgespräche, immer wieder in der verbalen Schusslinie und lange Diskussionen ... Ralf Lenz nimmt Abschied davon. Nach rund 50 Jahren aktiver Politik lässt es der Sozialdemokrat aus dem Hammer Osten ruhiger angehen.

Angriffslustig wirkt der Glaselefant im Maxipark mit seinen riesigen Stoßzähnen. Er scheint Ralf Lenz und sein Domizil über den Dächern des Stadtbezirks Uentrop dauerhaft anzuvisieren. Der 71-Jährige steht in Sichtweite auf seinem Balkon, zeigt dem symbolischen Dickhäuter die kalte Schulter und hat gut lachen. Der streitbare Sozialdemokrat, der eigentlich Ralf-Dieter heißt, aber seinen zweiten Vornamen nicht so mag, zieht sich nach einem halben Jahrhundert aus der aktiven Lokalpolitik zurück. Er kandidiert nicht mehr, gibt nach und nach Posten ab und wartet gelassen den Ausgang der Kommunalwahl ab. Von der fünften Etage aus, wo er mit seiner Frau Gudrun lebt, behält er den Überblick und überblickt im Interview mit WA-Redakteur Torsten Haarmann die vergangenen Jahrzehnte.

Zählte ich jetzt alle Ihre Posten und Funktionen der vergangenen Jahrzehnte auf, könnte die maximale Textlänge schnell erreicht sein. Wird Ihnen rückblickend nicht schwindelig?
Ich bin mir manchmal vorgekommen wie ein Hamster im Laufrad. So etwas fällt einem erst auf, wenn so etwas kommt wie die Coronazeit. Ich wache heute auf, merke: Schon so spät? Und ich frage mich: Was hast du vergessen? Und ich stelle fest: Ich bin ganz entspannt.
Wie war das vorher?
Ich hatte etwa zwischen 360 und 380 Termine im Jahr. Das kann ich gut an meinem Kalender im Handy ablesen. Koalitionsausschuss, Ältestenrat, Fraktionssitzung – die Montage waren heftig. Hinzu kamen die Ortstermine, zum Beispiel der Besuch bei den Kaninchen- und Rassezuchtvereinen, die es aber heute kaum noch gibt.
Da dürfte kaum Zeit für die Familie – fünf Kinder, später noch ein Pflegekind, Ehefrau – gewesen sein. Oder?
Ja, es waren zeitweise Sieben-Tage-Schichten, gerade in Wahlkampfzeiten. Ich bin regelmäßig von der Arbeit, nach der Schule ins Parteibüro, abends nach Hause zum Essen, den nächsten Tag vorbereiten. So ein Tagesablauf geht zu Lasten der Familie. Ich will nicht verhehlen, dass es das eine oder andere Mal ernsthafte Auseinandersetzungen mit meiner Frau gegeben hat. Leidtragende waren sie und die Kinder. Sie haben es durchgestanden.
Also einmal und nie wieder?
Im Nachhinein kann ich sagen, es war schön und mal nicht so schön. Aber wäre ich jünger: Ich könnte mir vorstellen, es noch mal zu machen. Ich bin immer noch verrückt genug. Eine gesunde Portion Verrücktheit gehört dazu.
Verrückt, sich die ganze Arbeit ans Bein zu binden?
Ja, und auch als sozialpolitischer Sprecher sozial zu handeln. Viele sagen, das machen sie auch. Obwohl ich weiß, es machen nur wenige
Was haben Sie gemacht, was wir nicht gesehen haben?
Es fing an, als wir, die SPD, noch die Villa gegenüber vom Rathaus hatten. Menschen kamen mit ihren Problemen ins Haus. Die hatten nicht unbedingt mit Kommunalpolitik zu tun, sondern waren meistens sehr persönlich. Wir sind so fit geworden im Ausfüllen von Formularen. Wir, das sind Henny Wilhelm, die zuletzt und bis 2018 hauptamtliche Geschäftsführerin der Ratsfraktion war, und ich gewesen. Eine ganze Menge Fälle haben wir an uns gezogen und mussten schauen, dass wir was für die hilfesuchenden Menschen auf die Reihe bekommen.
Mit welchen Problemen kamen sie zu Ihnen?
wirklich arm waren und sich schämten, einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen. Wir haben das gemacht und haben ihnen die Scham genommen. So verhinderten wir Stromsperren oder besorgten über die WA-Aktion „Menschen in Not“ eine Waschmaschine und regelten gleich den Anschluss mit. Wir haben viele Hausbesuche gemacht, damit Leute ihren Behindertenschein bekamen und Gutachten gemacht wurden. Wir hatten Tipps auf Lager: „Mach dies, mach jenes, dann bekommst du das ...“ Das hat geholfen. Wir verhinderten Abschiebungen ...
Dürfen Sie konkrete Beispiele nennen?
Ich denke ja, wenn ich nicht so ins Detail gehe. Manche Fälle liegen schon viele Jahre zurück.
Da war zum Beispiel eine Mann, Mitte 30, schwer krank, eigentlich erwerbsunfähig, von allen Seiten bestätigt, todkrank. Er wusste sich keinen Rat. Die Rentenkasse verweigerte ihm die Erwerbsunfähigkeitsrente. Ich sagte ihm: „Ich kann nichts versprechen, aber versuchen.“ Über unsere Kontakte, über zehn Ecken haben wir es geschafft, die Rente durchzusetzen, inklusive Rückzahlung. Darüber haben wir uns sehr gefreut.
So haben wir Leute vor uns gehabt in Situationen, die in einem Land wie Deutschland, nicht tragbar sind und nicht vorkommen sollten. Da war eine alleinerziehende Frau in einer, ich möchte es vorsichtig ausdrücken, nicht so intakten Beziehung. Gewalt und Alkohol spielten eine Rolle. Wir versuchten, ein Projekt für sie zu finden, was uns gelang. Sie konnte sich von dem Mann trennen. Ich hoffe, dass sie in Frieden leben konnte. Ich weiß es nicht, irgendwann geht so ein Kontakt verloren.
Oder da war ein Ehepaar mit einem geistig behinderten Kind. Die Stadt vermittelte der Familie ein Haus. Das Problem war, dass es eine offene Küche hatte und die Eltern ihr Kind nicht einen Augenblick unbeaufsichtigt lassen konnte. Uns gelang es, der Familie ein geeignetes Haus zu besorgen. Das entspannte die Familiensituation.
Sie konnten doch sicherlich nicht immer helfen. Oder?
Ja, da war ein Mann, der nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe abgeschoben werden sollte. Er war jähzornig. Ich dachte: „Und wenn er seine Sache nicht durchkriegt?“ Mir war mulmig. Mir war klar: Dem kann ich nicht helfen. Ich wollte es auch nicht. Es war nicht einfach, ihn rauszukriegen. Oft hatten wir Erfolg, gerade, wenn es um die Grundsicherung ging. Wir bekamen auch mal Rückmeldungen, dass es nicht geklappt hat.
Was braucht man, um erfolgreich zu helfen?
Man muss sich Zeit nehmen, Geduld haben, ehrlich sein, wenn man nicht weiß, ob ein Fall gut ausgeht, sagen was zu machen ist und was rechtens ist. Im Grunde braucht man Geld, Glück und ein Netzwerk.
Das geht jetzt mit ihrem Abschied aus der aktiven Politik verloren?
Ich glaube schon, dass es eine Lücke geben wird. Ganz viele Verbindungen werden nicht mehr da sein. So ein Netzwerk, wie ich es gehabt habe, muss man sich mühsam erarbeiten.
Aus der aktiven Politik schon. Raus aus der Schusslinie. Dort haben Sie sich auch den Ruf eines streitbaren (Zeit)Genossen erarbeitet. Sie haben als „unbequemer“ Partner polarisiert.
Zugegeben, ich bin kein einfacher Mensch. Ich kann auch mal bockig sein. Ja, ich war auch nicht immer beliebt. Ich habe aber auch unbequeme Jobs übernommen. Als Fraktionsgeschäftsführer muss ich das eine oder andere Wort laut sagen, damit der Vorsitzende keinen Schaden nimmt. Als Parteivorsitzender musste ich den Leuten auch erklären „So geht das nicht!“ Dabei kann ich es nicht allen recht machen. Ich war der „Zuschläger“. In so einer Position muss man das wissen, darf nicht verzweifeln und daran zerbrechen. Nur, bei internen Wahlen bekommt man dann die Retourkutsche. Das alles bezieht sich auf die Parteiarbeit. Ansonsten habe ich immer versucht, höflich und bestimmt aufzutreten und einen netten Kontakt zum Vorzimmer zu bekommen. Das ist wichtig für das Gelingen der Arbeit.
Was ist Ihnen zum Beispiel in der Politik gelungen?
Mit Penetranz und Ignoranz habe ich mich für die Erneuerung des Sportplatzes in der Mark eingesetzt. Ich habe nie aufgehört, ihn zum Thema zu machen. Und – wie so oft in der Politik – hat der Erfolg immer ganz viele Väter. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre es ein Waisenkind geworden. Eingesetzt habe ich mich für die Hindugemeinde in Uentrop, dass das Gelände des Fährhauses an die Klinik für Manuelle Therapie ging. Im Rat wurden meine Anträge zur Sozialpolitik anfangs abgelehnt. In der großen Koalition wurde es dann besser.
Nach der Wahl endet ein langes und aufreibendes Kapitel in Ihrem Leben, abrupt. Wie geht es für Sie weiter?
Das stimmt, ein Abschied nach so vielen Jahren ist nicht ganz einfach. Doch mir hat die Corona-Krise mit ihren Beschränkungen geholfen. Von heute auf morgen war ich terminlos. Ich musste mich schon jetzt mit der Situation abfinden, die eigentlich erst im November ansteht. Ich freue mich drauf. Meine Frau und ich werden viel mit dem Wohnmobil unterwegs sein. Wir kriegen die Zeit schon rum.
Und was sagt Ihre Frau dazu?
Gudrun Lenz (antwortet selbst): Jetzt gehört er mir.

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