Radioaktivität absichtlich freigesetzt? Verantwortliche dementieren

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Sorgt auch 30 Jahre nach dem Störfall immer noch für Diskussionen: der THTR.

Hamm - Kraftwerksingenieur Dr. Hermann Schollmeyer behauptet, dass im Uentroper THTR vor 30 Jahren absichtlich Radioaktivität freigesetzt wurde. Ein Sprecher der HKG dementiert diese Vorwürfe vehement und verweist auf ein Papier des Wirtschaftsministeriums. 

„Die HKG kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen“, sagte Lothar Lambertz für die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH Hamm-Uentrop (HKG). „Sie widersprechen allem, was wir kennen und wissen“, erläuterte der Sprecher und verwies unter anderem auf den 95-seitigen Landtagsbericht, der wenige Monate nach den Vorkommnissen vom 4. Mai 1986 erstellt worden war. 

In der Tat heißt es in dem im August 1986 vom NRW-Wirtschaftsministerium erstellten Papier: „Abschließend kann festgestellt werden, dass als Ursache für die erhöhte Aerosolaktivitätsabgabe, die zu einer Immissionsabgabe am ungünstigsten Aufpunkt in der Umgebung des THTR 300 von weniger als 1 Bq/m² geführt hat und messtechnisch daher nicht nachweisbar war, durch eine Fehlentscheidung bei der Bedienung der Beschickungsanlage und eine Fehlfunktion in der Einzelantriebssteuerung ausgelöst worden ist.“ 

Kugel und Ventil versehentlich geöffnet

Festgestellt worden war damals auch, dass die Menge der freigesetzten radioaktiven Stoffe deutlich unter den behördlich festgelegten Grenzwerten lag und dass keine Meldepflicht für den Störfall bestanden hatte. Auch Dr. Hassan Daoud (77), der damalige Inbetriebnahmeleiter des THTR, zeigte sich erstaunt angesichts der von Schollmeyer auch in seine Richtung erhobenen Vorwürfe (der WA berichtete). 

„Woher will er das wissen?“, entgegnete der in Soest lebende Physiker auf die Vorhaltungen des 83-jährigen Ingenieurs, das kontaminierte Helium sei auf Daouds Anweisung freigesetzt worden. „Ich war an dem Abend gar nicht vor Ort. Am nächsten Morgen habe ich davon erfahren. Es ging nur um eine Kugel und um ein Ventil, das versehentlich von einem Mitarbeiter geöffnet worden war. Wir haben alles sofort mit dem TÜV besprochen. Es gab kein Problem.“ 

Vorwürfe ziehen weitere Bahnen in Politik

Schollmeyer sei weder eingebunden noch für den nuklearen Bereich, sondern für die Turbinen zuständig gewesen. Ungeachtet dessen, ziehen die Vorhaltungen im politischen Raum weitere Bahnen. „Sollten die Angaben von Dr. Schollmeyer stimmen, ist das ein skandalöser und wohl auch krimineller Vorgang. Ich werde umgehend die Bundesregierung befragen, welche Kenntnisse sie über die damaligen Vorgänge hat und wie sie diese möglicherweise nachträglich aufzuklären gedenkt. Auch die Landesregierung in Nordrhein Westfalen muss zu diesen Vorwürfen jetzt Stellung nehmen“, teilte Hubertus Zdebel, Bundestagsabgeordneter der Linken und Sprecher für Atomausstieg mit. 

Strafrechtliche Folgen für die THTR-Verantwortlichen dürften allerdings per se auszuschließen sein. Selbst wenn sich Schollmeyers Behauptungen als wahr herausstellen sollten, wären die Vorwürfe 30 Jahre nach dem Uentroper Störfall längst verjährt.

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