Von Spott, Scharfmachern und „Eliminierern“

Provokationen (auch) in Hamm: So tickt die Bewegung der „Querdenker“

Aus Sicht der „Querdenker“ ist der Großteil der Bevölkerung von den Regierenden eingeschläfert.
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Wacht auf: Aus Sicht der „Querdenker“ ist der Großteil der Bevölkerung von den Regierenden eingeschläfert, nur sie seien wach und wüssten, welches Spiel im Zuge der Pandemie eigentlich gespielt wird.

Wer sind eigentlich die „Querdenker“, die Woche für Woche in Hamm vor allem gegen die Corona-Politik wettern und dabei zunehmend radikal auftreten? Eine Analyse.

Hamm – Im Lauf der Corona-Krise haben sich Verschwörungstheorien fast genauso schnell verbreitet wie das Virus selbst. Die Mechanismen des Internets und der sozialen Netzwerke erweisen sich als höchst effektiver Katalysator für Falschinformationen. Ein Resultat ist die Bewegung der selbst erklärten „Querdenker“, die in Teilen völlig entkoppelt vom Rest der Gesellschaft das Virus verharmlosen, gegen Maskenpflicht und Lockdown wettern und das Impfen boykottieren wollen. Seit mehreren Monaten versammeln sich die „Querdenker“ auch in Hamm – und werden radikaler. (News zum Coronavirus in Hamm)

Diese Beobachtung bestätigt die Hammer Polizei. „Bei den regelmäßigen Versammlungen wird der Ton zumindest verbal aggressiver“, erklärt Polizeisprecher Hendrik Heine. Während bei den ersten „Spaziergängen zur Stärkung des Immunsystems“ im vergangenen Jahr noch Rosen an die Polizisten verteilt worden seien, würden die Beamten inzwischen von den Rednern als Ersatzgegner für Staat und Politik angesehen. „Die Kollegen werden pauschal als Faschisten bezeichnet. Von den ,Querdenkern‘ wird aktiv die Provokation und Konfrontation gesucht“, so Heine.

Querdenker in Hamm: Wenige Aktive in der Stadt, viele außerhalb

Wer aber sind die „Querdenker“ in Hamm? Der Telegram-Chatgruppedem Haupt-Informations- und Kontaktkanal, Infos dazu weiter unten – gehörten am Dienstag 256 Personen an. Dort kann jeder mitlesen, der ein Nutzerkonto hat, beitreten muss man nicht. Von den tatsächlichen Mitgliedern verfassen rund 50 mehr oder weniger regelmäßig Beiträge. Der Rest liest mit – ob zustimmend oder Kopf schüttelnd ist nicht zu verifizieren. Gegenrede gibt es jedenfalls so gut wie keine. Von den aktiven Kommentatoren sind etwa 25 tatsächlich aus Hamm, der Rest kommt aus anderen Ruhrgebietsstädten, dem Hochsauerland-Kreis, dem Kreis Soest oder weiteren Kommunen im Umkreis. Aus der Umgebung kommen auch die meisten Teilnehmer der Demonstrationen in Hamm. „Diese Leute machen so etwas wie eine Tournee. Es sind auf den verschiedenen Veranstaltungen immer die gleichen“, sagt Heine.

Bei den Redebeiträgen geht es nur bedingt um negative Erfahrungen mit den Corona-Maßnahmen. Auch über gefühlte Drangsalierung durch die Polizei, Schulleiter oder andere Personen sprechen die Redner. AfD-Kreissprecher Pierre Jung hob zuletzt nach einer kurzen Kritik an der Corona-Politik fast ausschließlich auf den kommenden Stadthaushalt ab. Nicht nur in Zwischenrufen werden Andersdenkende beleidigt. Bürgermeister Karsten Weymann etwa wurde vom verschwörungsideologischer Publizisten Thorsten Schulte aus Hamm während seiner Rede als „Schwuchtel“ und „Linksfaschist“ diffamiert. Grün sind sich die „Querdenker“ aber selbst offenbar nicht immer. Ein Redner trat gleich mehrfach nach vorne, wurde durch einen Mitstreiter mit Megafon aber immer wieder unterbrochen. Mehrfach streikte auch die Technik. „Immer wenn ich anfange zu reden, haben wir ein kleines Problem. Was ist hier eigentlich los? Was ist hier los?!“

Querdenker in Hamm: Artur Helios einer der Scharfmacher

In der ebenfalls öffentlich verfolgbaren und nicht verschlüsselten Chatgruppe geht es neben der Organisation von Veranstaltungen in Hamm und Mitfahrgelegenheiten zu „Querdenken“-Events vor allem um pseudowissenschaftliche Videos und Texte, die die Narrative der „Querdenker“ bestätigen. Darüber hinaus werden schon länger existierende Verschwörungstheorien – etwa zu Chemtrails – weiterverbreitet sowie etliche Inhalte der AfD. Auch Videos über fadenscheinige Geldanlagen werden geteilt.

Täglich werden sogenannte „Ansprachen“ oder Wutreden von Meinungsführern hochgeladen. Diese Mitschnitte sind entweder auf Demos aufgenommen oder extra für das Netz produziert worden. Einer dieser Scharfmacher ist Artur Helios. Der 55-jährige Messebauer aus Fröndenberg tritt bundesweit auf „Querdenken“-Veranstaltungen als Redner in Erscheinung.

Helios rief am vergangenen Freitag bei der jüngsten „Querdenken“-Kundgebung in Werries dazu auf, Polizisten und Ordnungskräfte reihenweise anzuzeigen, damit vermeintliche Unrechtstaten gegen die „Querdenker“ aktenkundig würden. Danach wurde er deutlich: „Sollte das ganze kippen, dann haben wir eine Liste mit Namen gegen Leute, gegen die wir vorgehen müssen. Das ist das, was passieren muss. Die Leute, die das mit uns seit einem Jahr machen, müssen anschließend eliminiert werden.“ Für diese Aussage erntete er viel Applaus.

Scharfmacher: Artur Helios (hier bei einer Demo im Januar) will Polizeibeamte „eliminieren“.

Erst nachdem der Versammlungsleiter auf ihn zukam und er im Flüsterton abseits des Mikrofons auf die Brisanz seiner Worte aufmerksam gemacht wurde, ruderte Helios zurück. Er habe bloß gemeint, dass betreffende Beamte neutralisiert, respektive aus dem Polizeidienst entfernt werden müssten. Gegen Helios wird nun wegen der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten ermittelt, der Fall liegt inzwischen beim Staatsschutz.

Querdenker in Hamm: Polizeimaßnahmen aufstachelnd kommentiert

Als die Hammer Polizei am vergangenen Freitag mehrere Kontrollen von Attesten zur Maskenbefreiung durchführte und zwei Teilnehmer von der Veranstaltung ausschloss, war Helios ebenfalls mittendrin. Er redete auf die Beamten ein und animierte seine Mitstreiter, das Geschehen auf Video festzuhalten. „Haben wir das alles drauf? Wer von euch ist live?“, fragt er immer wieder die umstehenden Filmer und moderierte praktisch in die Kameras hinein. So produzierte Clips werden anschließend als vermeintliche Übergriffe der Polizei in die Echokammern der Szene weitergeteilt.

„Die polizeilichen Maßnahmen werden nicht nur infrage gestellt, sondern aufstachelnd kommentiert und bewusst falsch dargestellt“, sagt Heine dazu. Einige Teilnehmer seien nur auf solche Szenen aus.

Die Kollegen werden pauschal als Faschisten bezeichnet. Von den ,Querdenkern‘ wird aktiv die Provokation und Konfrontation gesucht.

Hendrik Heine, Polizeisprecher

Querdenker in Hamm: Merkel-Reden werden missbraucht

Mit der Wahrheit nehmen es die „Querdenker“ auch an anderer Stelle nicht so genau. Als die Polizei gegen Maskenverweigerer vorgeht, wird über einen Lautsprecher eine Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgespielt, in der sie die Einsatzbereitschaft von Demonstranten würdigt. „Unser Herz schlägt mit den friedlich Demonstrierenden. Es ist bewundernswert, mit welchem Mut und mit welcher Entschlossenheit sie für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit auf die Straße gehen“, heißt es wörtlich. Merkel hat diese Sätze allerdings nicht in Richtung der „Querdenker“ gesagt, sondern im vergangenen September an die belarussische Bevölkerung gerichtet, die von Machthaber Alexander Lukaschenko weiterhin unterdrückt, drangsaliert und weggesperrt wird.

Schon zwei Wochen zuvor war ein Zitat der Bundeskanzlerin aus dem Jahr 2005 verfälscht und als versteckte Ankündigung für die jetzigen Maßnahmen umgedeutet worden.

„Querdenker“-Blockade am Autobahnkreuz Werl?

Die Autobahnpolizei Dortmund kontrolliert am Montag verstärkt das Autobahnkreuz Werl auf mögliche gezielte Störer im Verkehr durch Corona-Protestler. Grund dafür ist ein Medienbericht über Ankündigungen aus der „Querdenker“-Szene, „neuralgische Knotenpunkte in NRW wie das Autobahnkreuz Werl lahmzulegen“.

Querdenker in Hamm: Unruhestifter werden „entsorgt“

Dass die selbst erklärten „Querdenker“ die von ihnen vermeintlich so vehement verteidigte Meinungsfreiheit nicht jedem zubilligen, verdeutlicht folgender Umstand. In mindestens zwei Fällen wurden Gruppenmitglieder, die sich kritisch zu Aussagen, Haltungen und der Verbreitung von unseriösen Medienbeiträgen äußerten, „entsorgt“ – also von den Administratoren aus der Gruppe entfernt. Zuvor waren sie von mehreren Kommentatoren unter anderem als Unruhestifter bezeichnet worden. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen sei eine Verschwendung von Zeit, einer der beiden Verstoßenen erhielt als Antwort auf einen sachlichen Beitrag lediglich den Ausspruch „Verpiss dich“.

Viele der besonders aktiven Mitglieder schreiben den ganzen Tag über in die Chatgruppe und besuchen jede Veranstaltung im Umkreis. Das hat offenbar zur Folge, dass sie mehr und mehr von Freunden und Teilen der Familie isoliert sind. Das jedenfalls schildern die „Querdenker“ ihren Mitstreitern und sehen in der neu gefundenen Gruppe nach eigener Aussage eine Art Ersatzfamilie. Im vermeintlichen Schutzraum der Chatgruppe werden deshalb auch mal andere Töne angeschlagen. „Ich glaube, wir schaffen es nicht friedlich“, schreibt ein Kommentator. Ein anderer beklagt sich darüber, regelmäßig wegen seiner Maskenbefreiung angepöbelt zu werden. „Es dauert nicht mehr lange, dann gehe ich nur noch mit Machete einkaufen und es rollen die ersten Köpfe“, schreibt er weiter. Beobachter der Szene erinnere die aktuelle Entwicklung der „Querdenker“ an die Anfänge der rechtspopulitischen Pegida-Organisation.

Querdenker in Hamm: „Der teuerste Döner Deutschlands“

Wie verächtlich auch die „Querdenker“ mittlerweile auf die Staatsorgane blicken, zeigt auch das für KOD und Polizei äußerst unglückliche Ende der Veranstaltung am Freitag. Wie zwei Wochen zuvor hatten sich die „Querdenker“ entgegen der Auflagen zu Fuß auf den Weg in Richtung Innenstadt gemacht. Diesmal hielten sie vor einem Döner-Imbiss im Hammer Osten und „feierten“ dort den Geburtstag einer ihrer Mitstreiterinnen, die als Maskenverweigerin zuvor von der offiziellen Veranstaltung ausgeschlossen worden war.

Der Einsatz von Polizei und KOD lief da seit über drei Stunden, vonseiten der „Querdenker“ wurde darüber gespottet, den Staat durch diesen spontanen Spaziergang Tausende Euro extra zu kosten. „Das ist der teuerste Döner Deutschlands“, sagte ein Teilnehmer.

Querdenker in Hamm:

Kaum hatte die Polizei ihren Einsatz dann um 20.45 Uhr beendet, nutzten die „Querdenker“ die ungewohnte Ungestörtheit für ein Gruppenfoto, auf dem neben rund 25 „Querdenkern“ auch zwei Imbiss-Mitarbeiter zu sehen sind. Keiner der „Querdenker“ trug eine Maske, die Abstände wurden nicht eingehalten. Auch das Essen wurde direkt vor dem Imbiss verspeist. Beobachter fragten am Montag bei Stadt und Polizei nach, wie das mit der vorherigen Überwachung und den geltenden Corona-Regeln zusammenpasse.

Auch beiden Behörden war das entstandene Bild und der suggerierte Eindruck, in Hamm könne man so etwas ja machen, ein Dorn im Auge. „Die Polizei hat inzwischen einige Personen identifizieren können. Gegen sie wurden Ordnungswidrigkeitsverfahren“, eingeleitet, erklärte Stadtsprecher Detlef Burrichter. Das Verhalten bliebe somit nicht ungestraft. Auch der Imbiss-Besitzer habe sich nach einer Ansprache durch den KOD sofort aus der Situation zurückgezogen und das bereits auf seiner Facebook-Seite gepostete Gruppenfoto entfernt. Für die kommenden Veranstaltungen wollen Polizei und Stadt nun das gemeinsame Konzept so überarbeiten, dass bis zum tatsächlichen Ende der Demonstration alle Regeln eingehalten werden und nicht wieder solche Fotos in die „Querdenker“-Welt verschickt werden können.

Das ist Telegram:

Telegram ist eine Messenger-App, die von ihren Nutzern als anonymere Alternative zu Whatsapp angesehen wird, weil Telegram die Chats besser verschlüsselt und Handynummern nicht speichert. In einigen Ländern galt Telegram als Protest-App für Oppositionelle im Kampf gegen autoritäre Regimes. Die App funktioniert selbst bei einer langsamen Internetverbindung und ist auch dort über Umwege nutzbar, wo sie von staatlicher Seite offiziell verboten oder unterdrückt ist.

Wegen dieser Vorzüge ist Telegram allerdings auch beliebt bei Drogendealern, Rechtsextremen oder anderen Kriminellen. Unter anderem wird die App als „Darknet-Alternative“ bezeichnet.

Nutzer können außerdem nahezu ungefiltert ihre Meinung austauschen, egal wie extrem oder absurd diese ist. Während Facebook und Twitter mittlerweile einige Inhalte einem Faktencheck unterziehen und Hassbotschaften löschen, ist das auf Telegram nicht der Fall.

Die „Querdenker“-Bewegung hat für jeden Gruppenstandort eigene Diskussions- und Info-Kanäle eingerichtet.

Wer sich selbst ein Bild von einer „Querdenken“-Kundgebung machen will, kann das unter anderem hier bei Youtube tun.

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