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Queere Community in Hamm beklagt „komische Blicke“

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Von: Svenja Jesse

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Alexandra Dautimann (von links), Ben Böhm und Sophia Zerbo.
Aus der queeren Community in Hamm: Alexandra Dautimann (von links), Ben Böhm und Sophia Zerbo. © Robert Szkudlarek

Erntet man „komische Blicke“, wenn man in Hamm sichtbar queer ist? Ja, meinen drei Vertreter der Szene und erzählen, wie sie ihren Alltag erleben.

Hamm – Der Regenbogen strahlt über der Stadt: Am 20. August findet zum dritten Mal der „Bunte Hammer“ statt. Die Veranstaltung ist an den Christopher-Street-Day angelehnt und soll die Vielfalt und die queere Community in Hamm zeigen. Ben Böhm, Alexandra Dautimann und Sophia Zerbo erzählen über ihre Erfahrungen als queere Menschen.

Ben, du bist schwul, Alexandra lesbisch und Sophia transsexuell, wie erlebt ihr den Alltag in Hamm?

Ben Böhm: Ich glaube, in Hamm gibt es nicht viel Sichtbarkeit für die queere Community. Deshalb gibt es den „Bunten Hammer“, weil es uns wichtig ist, das zu sehen. Wenn man durch die Innenstadt geht, egal ob durch Mitte oder Bockum-Hövel, dann sieht man uns einfach nicht. Ich wurde vor Kurzem noch gefragt „In Hamm gibt’s Schwule?“ – Ja, gibt es!

Alexandra Dautimann: Ich bin vor nicht ganz einem Jahr nach Hamm gezogen. Bisher habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Eher im Gegenteil.

Sophia Zerbo: Es ist, glaube ich, normal, dass man auch mal schlechte Erfahrungen macht. Ich erlebe die queere Community in Hamm als sehr zurückgezogen. Das hängt nicht daran, dass Menschen hier jetzt offen feindselig wären, aber man kassiert schon komische Blicke. Gerade, wenn man sichtbar queer ist. Den meisten Leuten sieht man nicht an, worauf sie stehen, bei Transpersonen ist es aber eben schon manchmal sichtbar.

Sophia, Du hast dich vor etwa zwei Jahren als Transgender geoutet – also offiziell gesagt, dass du ab jetzt nicht mehr als Mann, sondern als Frau gesehen und angesprochen werden möchtest – Was war das für ein Weg für dich?

Sophia Zerbo: Einer, der beinhaltet, sehr viel mit sich selbst zu ringen und sich über Dinge klar zu werden. Wie man wahrgenommen werden möchte. Ich glaube, das ist ein Kampf, den die Meisten erst mal mit sich selber ausmachen müssen. Und dann kommt der zweite schwere Schritt, die Leute anzusprechen, die einem wichtig sind im Leben. Aber der schwerere ist, glaube ich, immer das Outing vor sich selbst. Sich eingestehen zu können, ich entspreche vielleicht nicht der Norm, aber ich weiß, wie ich mein Leben leben möchte und das ist so!

Wann wusstest du, dass du eine Frau bist?

Sophia Zerbo: Angefangen hat das schon in den Teeniejahren. Aber ich hatte in der Zeit als ich 17,18,19 war unglaubliche Angst mir das selbst einzugestehen. Und da offen drüber zu reden. Dann sind queere Rückzugsorte ungeheuer wichtig. Dann kommt die Zeit, in der man sich erst mal nur versteckt. In der man in Bars geht, so wie Bens (Anmerkung der Red.: Gemeint ist Sarafinas Bar) oder queere Jugendzentren aufsucht, um einen sicheren Ort zu haben, an dem man sich ausleben kann, ohne das andere einen dafür angreifen oder man böse Blicke bekommt.

Sarafinas Bar ist ein sicherer Ort für die queere Community und auch für Leute, die ihr Outing noch vor sich haben. Wie kommen die dann auf dich zu?

Ben Böhm: Meistens sagen sie Hallo. Es ist eigentlich viel einfacher, als alle glauben. Man geht hin und unterhält sich. Das hat auch nichts mit dunklen Ecken zu tun, weil es einfach ein Safe-Room ist. Du gehst dahin und weißt, du kannst die Person sein, die du sein willst. Ich glaube, die Hemmschwelle ist niedriger, wenn du merkst, dass ein gestandener Mann da steht und sagt: „Scheiß was drauf, ich hab Fingernägel, ich steh dazu!“ Ich glaube, das nimmt auch vielen jüngeren die Angst. Die Gesellschaft sagt das geht nicht, Männer dürfen keine Kleider tragen. Natürlich, scheiß doch drauf. Kleidung hat kein Gender.

Wie lief denn dein Outing ab und welche Rolle spielt Lady Sarafina dabei?

Ben Böhm: Ich hab mich Ende der 90er geoutet. Da war alles noch etwas anders. Da wärst du nicht händchenhaltend durch die Innenstadt gelaufen. Ich glaube, erst kurz danach wurde das Gesetz verabschiedet, dass Homosexualität nicht mehr strafbar war. Das mit der Drag-Queen kam erst später. Das war eigentlich eine Wette und ich wollte es nur ein Mal machen. Und dann nie wieder. Aber ich glaube nicht, dass die Entscheidung einen großen Unterschied zu meinem queeren Leben gemacht hat. Als schwuler Mann hat das für mich keine Bedeutung.

Wie war es bei Dir, Alexandra?

Alexandra Dautimann: Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich auf Frauen stehe. Ich hatte nie Interesse an Männern, das hab ich schon von klein auf gemerkt und habe mich dann mit 16 geoutet. Meine Mutter war zu neugierig und als ich dann von der Schule nach Hause kam, hat sie mich gefragt: „Na Kind, hast du mir was zu sagen?“. Dann war’s nicht mehr zu verheimlichen.

Werdet ihr häufig auf eure Sexualität angesprochen?

Alexandra Dautimann: Ich werde schon häufiger angesprochen und gefragt, ob ich auf Frauen stehe.

Ben Böhm: Das ist schon verrückt. Bei Heterosexuellen wird das ja nie gefragt. Wir müssen uns dann aber vorstellen und sagen, was wir sind. Dabei passiert das ja eigentlich nur im Schlafzimmer. Unsere Sexualität macht an uns doch nichts anders. Unsere Sexualpartner wissen das und das reicht doch.

Ihr habt es schon gesagt, die queere Community ist in Hamm nicht so sichtbar. Was glaubt ihr, woran liegt das? Was müsste geschehen, um es zu ändern?

Ben Böhm: Ich glaube, es müsste einen öffentlichen Anlaufort in der Innenstadt geben. Der, sagen wir mal, drei Mal in der Woche geöffnet hat zu festen Zeiten. Wo man der oder die sein kann, der man sein will. Das ist ein riesen Punkt, der fehlt. Wir haben so viele Leerstände, das Thema hatten wir auch schon auf einer Podiumsdiskussion im letzten Jahr. Das würde sogar städtisch unterstützt werden, es müsste aber jemand übernehmen. Und derjenige müsste es ehrenamtlich machen.

Sophia Zerbo: Ja, es müsste viel mehr geben, gerade auch für Erwachsene. Für Jugendliche gibt es zum Beispiel ein queeres Angebot bei der AWO – das bieten wir jeden Freitag im AWO-Keller an. Allgemein wird queere Jugendarbeit auch immer mehr ein Thema, aber da wächst man irgendwann raus. Dann startet man ins Berufsleben und sobald man nicht mehr jedes Wochenende in die Bar geht, fallen die Berührungspunkte mit der Community weg. Wenn der Freundeskreis nicht schon da ist, steht man alleine da.

Ein Berührungspunkt ist aber dann der „Bunte Hammer“ am 20. August. Was erwartet die Besucher?

Sophia Zerbo: Es gibt ein Bühnenprogramm, moderiert von Lady Sarafina und Conny Kraft. Wir haben mehrere Sänger und Sängerinnen und Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne. Und dann gibt es noch viele Stände drumherum. Da ist für jeden was dabei. Ich bin da guter Dinge, dass wir da eine schöne Veranstaltung für unsere Community und für die gesamte Stadt hinlegen. Und dass wir da richtig schön Vielfalt zelebrieren können. Gemeinsam.

Ben Böhm: Jeder ist Willkommen. Wir freuen uns drauf!

Was ist der „Bunte Hammer“?

Das Jugendwerk der AWO Hamm, die Aidshilfe Hamm und weitere Akteure veranstalten am Samstag, 20. August, zwischen 14 und 19 Uhr den Bunten Hammer 2022. Es ist bereits die dritte Ausgabe des Straßenfests, an dem Vielfalt und Toleranz gefeiert werden. Die Veranstaltung wird am Bahnhofsvorplatz (Willy-Brandt-Platz) stattfinden. Die Besucher erwartet ein Bühnenprogramm mit verschiedenen queeren Künstlern, moderiert von Lady Sarafina und Conny Kraft. Weiterhin sind verschiedene Organisationen aus der LGBTQIA+ Community und der Gesellschaft vertreten, wie das DRK, die Werkstatt für Demokratie und Toleranz und diverse queere Jugendgruppen.

Der Podcast

Das vollständige Interview gibt es bei Radio Lippewelle Hamm.

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