Verwaltung arbeitet an Verfeinerung

Mit Corona in Hamm unterwegs? Kritik an Quarantäne-Strategie der Stadt

Teströhrchen liegen im Corona-Testzentrum in der Alfred-Fischer-Halle in Hamm für Probanden bereit.
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Probenröhrchen: Etliche Menschen in Hamm steckten sich zuletzt in einer bestehenden Quarantäne mit dem Coronavirus an.

Fast 2200 Personen befinden sich in Hamm in der häuslichen Quarantäne. Unter ihnen sind auch Angehörige von Corona-Infizierten und Kontaktpersonen, die das Virus nur vielleicht in sich tragen. Ihre Angehörigen wiederum dürfen sich in der Regel frei bewegen, selbst wenn unklar ist, ob es das Virus in ihrem Haushalt gibt. Das sorgt bei vielen Betroffenen für Unverständnis.

Hamm – Einer dieser Angehörigen ist Stefan P. (Name geändert). Seine Frau und seine Tochter befanden sich in häuslicher Quarantäne, weil beide engen Kontakt zu einer Mitschülerin der Tochter hatten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Während eines Warnstreiktages im öffentlichen Nahverkehr fuhren auch die Schulbusse in Hamm nicht. Deshalb holte die Frau von Stefan P. die 14-jährige Tochter und deren Klassenkameradin vom Unterricht ab. Die wenigen Minuten im Auto reichten aus, um als Kontaktperson der Kategorie 1 unter Quarantäne gestellt zu werden, als die Klassenkameradin Mitte der vergangenen Woche als Infizierte identifiziert wurde.

Hamm
Fläche226,3 km²
Bevölkerung179.397 (2016)

Kritik an Quarantäne-Strategie in Hamm: Kontakt des Kontakts darf das Haus verlassen

Wenn Stefan P. nun als „Kontakt des Kontakts“ das Haus verließ, dann mit einem mulmigen Gefühl. „Meine Frau und Tochter wurden gerade erst getestet. Woher soll ich denn wissen, dass ich das Virus nicht übertrage?“, fragt der Familienvater. Als er die Quarantäne-Anordnung für Frau und Tochter bei seinem Arbeitgeber meldete, verordnete der Stefan P. kurzerhand Homeoffice, bis die Familie wieder aus der häuslichen Isolation entlassen worden ist. „Wir sind eine größere Firma. Nicht auszudenken, wenn sich da das Coronavirus ausbreitet. Das will keiner, mein Chef nicht und erst recht nicht ich.“

Mit den Testergebnissen sollte zumindest die Gewissheit mitgeliefert werden, ob das Virus mit der dreiköpfigen Familie unter einem Dach lebt. „Bis dahin versuche ich auch, zuhause zu bleiben. Sicher ist sicher“, sagte P. Alle drei halten sich die meiste Zeit in getrennten Zimmern auf, lüften viel und benutzen im Badezimmer unterschiedliche Handtücher nach dem Händewaschen.

Die manchmal undurchsichtigen Quarantäne-Anordnungen der Stadt sorgten in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder für Kopfschütteln. Wer wann unter Quarantäne gestellt wird, ist zu einem guten Stück eine individuelle Entscheidung der Mitarbeiter im Gesundheitsamt – je nachdem, wie die jeweilige Verbindung zu einem Infizierten beurteilt wird. Das führt dazu, dass eine Gesamtstrategie für Außenstehende zumindest schwer zu erkennen ist. Zuletzt hatte es auch Irritationen über unterschiedliche Auslegungen der Quarantäne durch die Stadt Hamm und den Kreis Unna für Schüler und Betreuer der OGS an der Kappenbuschschule gegeben.

Kritik an Quarantäne-Strategie in Hamm: Auch Stadt unzufrieden

Bei der Stadt ist man mit der aktuellen Vorgehensweise auch nicht vollkommen zufrieden. „Aus Infektionsschutzgründen müsste man die Quarantäne sicher größer fassen“, sagt Stadtsprecher Tom Herberg. Allerdings könne die Verwaltung dann rechtliche Probleme bekommen. Herberg: „Die Stadt Dortmund hat Kontakte von Kontakten großflächiger unter Quarantäne gestellt als Hamm. Das hat das Verwaltungsgericht schnell wieder eingefangen.“ Das Gesundheitsamt dürfe niemandem die Isolation verordnen, bei dem nicht zumindest ein Anfangsverdacht da ist, dass er sich angesteckt haben könnte. Schließlich werde die persönliche Freiheit für einige Tage massiv eingeschränkt.

Trotzdem hofft die Stadt darauf, die Parameter bald etwas anpassen zu können. „Wir prüfen gerade rechtlich, ob wir – immer in Einzelfällen – schneller die Quarantäne auf einen ganzen Haushalt ausweiten können, wenn die Wohnsituation das erfordert; sich Menschen also nicht räumlich abkapseln können“, erklärt Herberg.

Kritik an Quarantäne-Strategie in Hamm: Bald schnelles Ende?

Viele der derzeitigen Ansteckungen resultierten schließlich aus Kontakten im Familienkreis, weil sich die Menschen in den eigenen vier Wänden nicht aus dem Weg gehen können. „Wenn wir dann alle aus der Familie direkt unter Quarantäne stellen, bleibt das Virus wenigstens in diesem Kreis und wird nicht auf Freunde, Arbeitskollegen oder Fremde übertragen“, so Herberg.

Die Quarantäne könnte bald nicht nur ausgeweitet werden, sondern auch schneller enden. Bei der Landesregierung wird nach Informationen der Stadt darüber diskutiert, die Isolation bei einem negativen Test schon nach fünf Tagen wieder zu beenden. Derzeit müssen Betroffene mindestens 14 Tage zuhause bleiben.

Die Corona-Zahlen in Hamm bleiben in den Ferien auf hohem Niveau. Am Mittwoch kamen nochmal 30 Neuinfektionen hinzu. Das hat natürlich Auswirkungen auf den Inzidenzwert.

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