Ein Pudel als Aufpasser

Blindenhund Curly ist immer an Ruth Reuvers Seite - doch Hürden bleiben

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Hat Hünding Curly dieses Geschirr um, so ist sie im Dienst. Dann ist sogar Streicheln nicht gern gesehen.

Hamm - Nur einen Schritt weiter und Ruth Reuvers wäre vom Auto erfasst worden – wäre da nicht ihre Freundin Curly, die die 59-Jährige gewarnt hätte. Denn: Reuvers ist blind und Curly ihr Blindenhund. Doch so perfekt das Duo harmoniert: Immer wieder muss Reuvers dafür kämpfen, dass Curly sie auch im Supermarkt oder in der Arztpraxis begleiten darf.

„Ich vertraue ihr mein Leben an“, sagt Reuvers über den fast zweijährigen Großpudel, der seit einigen Wochen immer an ihrer Seite ist und ihr ein viel selbstständigeres Leben ermöglicht, als das mit einem Blindenstock möglich ist. „Curly ist meine Freiheit“, sagt die Pelkumerin über den Hund, der speziell für sie ausgebildet wurde. 

Dabei ist das einfach nur ihr gutes Recht, denn der Blindenführhund ist ein anerkanntes medizinisches Hilfsmittel, sodass ihm der Zutritt auch beispielsweise in Lebensmittelmärkte nicht verwehrt werden darf. „Was ich schon an Diskussionen geführt habe, ist nicht schön“, erklärt die Pelkumerin. Fünf Jahre ist es her, als bei Ruth Reuvers die so genannte Retinitis Pigmentosa (RP) diagnostiziert wurden. 

Curly passt gut auf, ab wann Frauchen Ruth Reuvers die Straße überqueren kann und wann sie stehen bleiben muss.

„Setzen Sie sich mal eine Schwimmbrille auf, die sie vorher beklebt und in deren Mitte sie nur ein stecknadelgroßes Loch gemacht haben. So kann man es sich vorstellen“, versucht Reuvers einen Einblick in ihre Sichtweise zu geben. 

Ein Hund „auf Rezept“ 

Was nach der Diagnose beim Augenarzt und der weiteren Verschlechterung der Situation bis zur Erblindung passierte, war nicht schön. „Ich bin nirgendwo mehr hingegangen“, sagt Reuvers, die sich zunächst mit dem üblichen Blindenstock zurechtfinden musste. Weil sie aber schon immer Hunde hatte, war schnell klar, dass sie einen Blindenhund haben wollte. Das war allerdings alles andere als einfach, schließlich kostet ein ausgebildeter Blindenhund um die 30.000 Euro

Ruth Reuvers zeigte sich aber wie immer in ihrem Leben kämpferisch und bekam schließlich auch vom Arzt die für sie so wichtige Zusage. Kurios: Reuvers erhielt ein ganz normales Rezept, auf dem dann„1 Blindenhund“ stand. Den Hund auf Rezept gibt es allerdings nicht „fertig“ zu kaufen, wie Blindenhund-Ausbilderin Anja Gomille erklärt. 

Die Hunde würden speziell für den Halter ausgebildet, sagt sie, die auch für die Ausbildung von Curly zuständig war. Was ein Blindenhund können muss? „Er darf keine Angst haben, braucht ein sicheres Wesen und eine starke Ausstrahlung. Er darf außerdem keinen Jagdtrieb haben“, nennt Trainerin Anja Gomille nur einige der Aspekte. 

Einfach nur „Hund sein“ darf Curly immer dann, wenn sie das Führgeschirr nicht trägt. Ansonsten verrichtet das Tier an Ruth Reuvers Seite seinen „Job“. „Die meisten Hunde sind glücklich, wenn sie eine Aufgabe haben und nicht einfach nur Haustier sein müssen“, betont Gomille mit Blick darauf, dass es für Hund und Halter eine „Win-Win-Situation“ sei. 

Gesetz ist auf ihrer Seite

Nicht immer geht aber alles so glatt. Das Problem: Viele Menschen wissen nicht um die Rechte eines Blinden mit Blindenhund. Schon mehrfach sei es deshalb passiert, dass sie in Geschäften oder auch beim Arzt nicht mit dem Tier hinein durfte – obwohl das Gesetz auf ihrer Seite ist. 

Für Reuvers ist das nicht nur ärgerlich, sondern grenzt schon fast an Ignoranz, wie sie sagt. Was sie sich wünscht? Dass die Menschen besser aufgeklärt sind, damit vor allem eines ermöglichen: Teilhabe. „Nur, weil ich blind bin, bekomme ich kein zweites Leben“, sagt die Powerfrau, die mit Curly sogar schon alleine in Soest war und sich selbst in einer fremden Stadt zurechtfand – dank ihrer „Freundin auf vier Pfoten“, wie die Pelkumerin liebevoll sagt. 

Nächstes Jahr will das selbstbewusste Duo nach Schottland reisen.

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