Wenn Prostituierte Hilfe brauchen und "raus wollen" aus dem Bordell

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Wenn Prostituierte aussteigen wollen oder Probleme haben, können sie zur Beratungsstelle Tamar.  

Hamm - In Hamm bieten mehr als 300 Frauen in Clubs, Bars, Appartements, Caravans und Kneipen sexuelle Dienstleistungen an. Wenn sie Schwierigkeiten haben oder "raus wollen", gibt es Hilfe. Die Mitarbeiterinnen der Prostituierten- und Ausstiegsberatungsstelle Tamar unter dem Dach der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen unterstützen sie bei Problemen.

„Das ist sehr sinnvoll und arg nötig“, sagt Tatjana. Die 45-Jährige betreibt ein Bordell mit sechs Frauen. Sexarbeiterinnen, so weiß sie, erfahren häufig Stigmatisierung und stoßen auf Ablehnung. An wen also sollen sie sich wenden? Viele kommen aus Osteuropa oder Asien, sich im fremden Land zurechtzufinden, fällt ihnen schwer. Sie kennen sich möglicherweise nicht mit ihrer rechtlichen Situation aus, sind verunsichert, wissen nicht, welche Behörden zuständig sind. Schulden drücken, die Psyche streikt, die Gesundheit ist angegriffen, Mütter machen sich Sorgen um ihre Familien, zu deren Lebensunterhalt sie beitragen müssen. 

„Die Frauen finden sonst keine Hilfe. Sie wissen einfach nicht, wohin“, sagt Tatjana. „Gut, dass es Tamar gibt“, fügt sie hinzu. Wer vorher Rat brauchte, habe lange Wege, etwa bis ins Ruhrgebiet, zurücklegen müssen. Wer geht ihrer Erfahrung nach ins Gunstgewerbe? „Ganz normale Frauen aus allen Schichten“, antwortet sie, wobei dieAlltersgrenze sehr hoch – jenseits der 60 – liege.

Prostitution suche nicht das Licht der Öffentlichkeit

Das Milieu ist nicht nur größeren Städten und den Ballungsräumen vorbehalten, wo sich in den bekannten Vierteln Freudenhäuser und Erotik-Center aneinanderreihen. Prostitution suche nicht das Licht der Öffentlichkeit, finde aber auch auf dem Land statt, vermitteln die Beraterinnen von Tamar. Leiterin Birgit Reiche sowie die Kolleginnen Sabine Reeh und Tanja Mesic berichten, wofür sie sich einsetzen:für das Recht der Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten. Prostituierte können sich in allen Belangen ihres Alltags an sie wenden, ebenso mit dem Wunsch, ihrer Branche den Rücken zu kehren und sich beruflich neu zu orientieren. Die Beraterinnen sind häufig unterwegs, die Betriebe fanden sie in der Startphase oft durch Internet-Recherche heraus. Sie bauen Vertrauen auf. Weil sich das Angebot offenbar herumspricht, nimmt die Zahl der Kontakte zu. In Hamm trafen sie im vorigen Jahr 156 Frauen in elf Häusern an. Hier kennen sieinsgesamt 19 Prostitutionbetriebe

77 Betriebe aufgesucht, 612 Frauen angetroffen 

Der Zuständigkeitsbereich von Tamar umfasst die Kreise Soest, Hochsauerland, Olpe, Siegen-Wittgenstein, den Märkischen Kreis und die Stadt Hamm. In diesem weiten Gebiet suchten sie voriges Jahr 77 Etablissements auf und kamen mit 612 Frauen ins Gespräch. Dabei handelte es sich vor allem um R umäninnen, Bulgarinnen, Polinnen, Thailänderinnen, Russinnen und Deutsche. Etwa 80 Prozent seien Migrantinnen, heißt es im Jahresbericht von Tamar, viele von ihnen handelten nach eigenen Angaben aus wirtschaftlicher Not. Die Familie dürfe in den meisten Fällen nicht erfahren, wie sie ihr Geld verdienen.

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