Hochkonjunktur hier, Sorgenfalten da: Praktikanten schildern Corona-Auswirkungen auf ihre Zukunftspläne

Merlin Siewert aus Hamm entwickelt im Rahmen seines Praktikums bei der Firma „clockin“ in Münster Anwendungen für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. „Bei uns herrscht Hochkonjunktur“, sagt der 28-Jährige.
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Merlin Siewert aus Hamm entwickelt im Rahmen seines Praktikums bei der Firma „clockin“ in Münster Anwendungen für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. „Bei uns herrscht Hochkonjunktur“, sagt der 28-Jährige.

Für viele Unternehmer ist die Corona-Krise existenzbedrohend. Auch für manche junge Menschen aus Hamm, die ihre berufliche Karriere gerade erst starten wollen, hat sie erhebliche Auswirkungen. Mal bedrohliche, mal auch ganz erfreuliche, wie diese zwei Geschichten zeigen.

Hamm – Sie handeln von zwei jungen Männern, die beide vor einigen Jahren das Abitur in Hamm gemacht haben. Beide studieren. Für beide ist der aktuelle Bildungsweg nicht mehr der direkte ins Berufsleben. Und beide wollen aktuell ein Pflichtpraktikum machen, um von diesem Weg nicht abzukommen. Für einen von beiden läuft dabei – trotz Corona – alles nach Plan. Der andere muss sich allmählich Sorgen machen, ob sein Plan noch aufgeht.

Der Glückspilz

Es gibt nicht wenige Studenten, die ihr Pensum im aktuellen Sommersemester ein wenig runtergefahren haben. Das rein digitale Angebot der Unis im Land ist halt nicht Jedermanns Sache. Und obendrein waren die Vorlesungen coronabedingt erst mit einem Monat Verspätung losgegangen. Merlin Siewert dagegen profitiert von den aktuellen Rahmenbedingungen – und das gleich in zweifacher Hinsicht.

Der 28-Jährige studiert im achten Semester Sport- und Gesundheitstechnik an der Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL), Schwerpunkt „Assistenztechnologien“. Anders als die meisten Kommilitonen hat er sich sein 16-wöchiges Praxissemester ins Frühjahr gelegt. Kaum war er im März ein paar Tage im Büro, musste er auch schon wieder „raus“. Während viele andere Absagen für Praktikumsanfragen erhielten (mitunter auch nach zuvor bereits erfolgten Zusagen), ging es für den gebürtigen Freiburger, der im Teenager-Alter nach Hamm gekommen war, erst richtig los.

Hochkonjunktur dank Digitalisierung

Denn Merlin Siewert absolviert sein Praktikum bei „clockin“, einem Münsteraner Anbieter von digitalen Systemen etwa zur Zeiterfassung und zur Auftragsdokumentation. Im Zuge erhöhter Nachfrage nach digitalen Strukturen „herrscht bei uns gerade Hochkonjunktur“, sagt Siewert, der seit Wochen weitgehend aus dem Homeoffice an der Softwareentwicklung arbeitet.

„Das einzige, was sich verändert hat“, sagt er rückblickend, „war, unseren Bürohund Maui leider nicht mehr so oft zu sehen.“ Glücklicherweise, so Siewert, habe sein Praktikum „zu keinem Zeitpunkt auf der Kippe gestanden“. Die Abläufe liefen wie gewohnt, betreut würden seine Arbeiten online. „Und dank der vielen Tools funktionieren Onlinekonferenzen inzwischen kinderleicht.“

Neben der Arbeit wird fürs Studium gelernt

Was es für ihn bedeutet hätte, wenn er das Praktikum hätte canceln müssen? „Kurz gesagt: Das hätte mich mindestens ein halbes Jahr Zeit an der FH sowie eine Menge Geld gekostet. In meinem ursprünglichen Job als Fachkraft für Veranstaltungstechnik, womit ich mein Studium bisher finanziert habe, lässt es sich aktuell nicht sonderlich gut arbeiten.“

Während Merlin Siewert im Praxissemester also Vollgas geben kann, nutzt er neben der 40-stündigen Arbeitswoche freie Zeitfenster am Abend, an Wochenenden oder Feiertagen zum Lernen anderer – theoretischer – Inhalte des Studiums. „Bis zum Bachelor fehlen mir noch drei Module. Die digitale Lehre im Online-Semester gibt mir die Möglichkeit, diese bestmöglich nachzuholen.“

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Der Pechvogel

Die Reisebranche versucht gerade in ersten Ansätzen, sich von dem vorübergehenden „Knockout“ durch die Corona-Pandemie zu erholen. Tom Schockenhoff kann ein Lied davon singen, was das für diejenigen bedeutet, die nur allzu gerne in diesem Berufsfeld Fuß fassen würden.

Geschichte und Archäologie auf dem ersten eingeschlagenen Studienweg nach dem Abi war für ihn ebenso wenig ein Volltreffer wie Sozialwissenschaften im zweiten. Nun, sagt der 22-jährige junge Mann aus Hamm, sei er sich nach den ersten sechs Wochen im Online-Sommersemester an der IUBH, einer privaten Fachhochschule in Dortmund, sicher, den für ihn optimal passenden Weg eingeschlagen zu haben. Doch ob er den Weg weitergehen darf, steht aktuell in den Sternen.

Reiseveranstalter suchen aktuell keine Praktikanten

„Tourismus Management“ nennt sich der Studiengang, für den sich Schockenhoff entschieden hat. Als Duales Studium. Eigentlich. Denn daran, einen Partner für den beruflichen Teil des Studiums zu finden, ist für ihn zurzeit nicht zu denken. „Ich habe keinen Reiseveranstalter und kein Reisebüro als Praxispartner finden können“, sagt Tom Schockenhoff. Auch das Eventmanagement sei zwar theoretisch als Arbeitgeber denkbar, doch hier sieht es mindestens genauso düster aus. An große Feste oder Konzerte ist ja seit Mitte März gar nicht zu denken.

Immerhin: Mit dem Studium starten durfte Schockenhoff trotzdem. „Von uns 25 Studierenden haben etwa 20 keinen Praxispartner finden können. Die IUBH hat uns daher für das erste Semester einen Gastzugang gewährt“, erzählt der Hammer, der nun zumindest in vier Fächern an digitalen Vorlesungen teilnehmen kann. „Der Studiengang ist sehr interessant“, fühlt sich Schockenhoff in seiner Auswahl bestätigt. Nun hofft er, dass der Tourismus bald auch international wieder Fahrt aufnimmt und er zum 1. Oktober noch einen Praxispartner findet – oder der Gastzugang um ein weiteres Semester verlängert wird. Bis dahin heißt es: bewerben, bangen, büffeln.

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