Das Problem mit dem Prämiensparen

Sparer immer öfter aus Verträgen gedrängt - auch von der Sparkasse

Tausende Kunden entschieden sich für das Prämiensparen. Dabei zahlen sie in der Regel einen fixen Betrag pro Monat ein und erhalten ab einer festgelegten Frist zusätzlich zum Zins eine Prämie. 
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Tausende Kunden entschieden sich für das Prämiensparen. Dabei zahlen sie in der Regel einen fixen Betrag pro Monat ein und erhalten ab einer festgelegten Frist zusätzlich zum Zins eine Prämie. 

Prämiensparverträge galten lange als lukrative Form des Sparens. Inzwischen versuchen immer mehr Kreditinstitute die Sparer aus den Verträgen zu drängen - auch die Sparkasse Hamm. Sie lädt vermehrt zu Beratungsgesprächen ein.

Hamm - Lange waren sie Bestseller bei Sparkassen: Prämiensparverträge. Tausende Kunden entschieden sich für diese lukrative Form des Sparens. Dabei zahlen sie in der Regel einen fixen Betrag pro Monat ein und erhalten ab einer festgelegten Frist zusätzlich zum Zins eine Prämie. Je länger so ein Vertrag läuft, desto höher ist diese. Während der Laufzeit kann so eine erkleckliche Summe zusammen kommen, die weitaus mehr Zinsen und Prämien bringt als das Sparbuch. In Zeiten aktueller Niedrigzinsen sowieso.

Angesichts dieser Situation versuchen derzeit einige Finanzinstitute, Kunden aus langfristigen, gut verzinsten Sparverträgen zu drängen. Die Sparkasse München hatte beispielsweise bereits vor einem Jahr auf einen Schlag 28 000 Prämiensparverträge gekündigt. Wie sieht es bei der Sparkasse Hamm aus? „Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt keinen Beschluss gefasst, Prämiensparverträge zu kündigen“, so Torsten Cremer, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hamm. Er gibt allerdings zu, dass sich die Sparkasse intensiv mit dem Thema beschäftige. Cremer: „Solche Entscheidungen trifft kein Sparkassenvorstand leichten Herzens. Der wirtschaftliche Erfolg unserer Kunden hat für die Sparkasse oberste Priorität“. Er sagt aber auch: „Auf Dauer werden wir nicht auf der einen Seite 50 Prozent Prämien an unsere Kunden zahlen können, wenn wir auf der anderen Seite Kredite zum Teil für weniger als ein Prozent vergeben“. Es gelte, mit den betroffenen Kunden angemessene Lösungen zu finden.

„Beratungsoffensiven sind nicht selten“

Nun berichten Leser, dass sie von der Sparkasse Hamm zu Beratungsgesprächen eingeladen worden waren, um über einen Wechsel der Sparstrategie zu sprechen. Das betrifft auch Kunden mit einem Prämiensparvertrag. Ihnen wurde bei diesen Gesprächen nahegelegt, den Vertrag zu kündigen und in andere Anlagemodelle zu investieren. Dieser Wechsel war häufig mit Ausgabeaufschlägen für Fonds oder Depotgebühren verbunden.

Die Sparkasse Hamm bestätigt auf Nachfrage unserer Zeitung solche Beratungsgespräche. „Die Berater der Sparkasse sprechen regelmäßig ihre Kunden an, um mit ihnen Anlagemöglichkeiten in der Niedrigzinsphase zu besprechen“ heißt von dort. Dazu gehörten auch Kunden mit Prämiensparverträgen. „Wir wollen unsere Kunden vor den Belastungen der EZB-Negativzinspolitik bewahren“, so Cremer. Dazu gehöre eine den Rahmenbedingungen angepasste, breit gestreute Geldanlage. Es gebe für die Kunden der Sparkasse Hamm bei den derzeitigen Zinsen häufig bessere Anlagemöglichkeiten als Tagesgelder oder Prämiensparverträge.

Elegant aus den Verträgen kommen

„Solche Beratungsoffensiven sind nicht selten“, sagt die Verbraucherzentrale NRW. Die Sparkassen versuchten so, elegant aus den Verträgen zu kommen, ohne sie kündigen zu müssen. Denn die gut verzinsten Alt-Verträge sind für viele Kreditinstitute zu einer Belastung geworden, weil sie hohe Bonuszahlungen beinhalten – oft 50 Prozent der im Vorjahr eingezahlten Sparbeträge. Zahlt ein Sparer 100 Euro im Monat ein – also 1 200 Euro im Jahr, erhält er in der höchsten Prämienstufe 600 Euro von der Sparkasse obendrauf. Die Sparkassen argumentieren oft, dass das nicht mehr wirtschaftlich ist. Viele Kreditinstitute – auch in der Nachbarschaft – haben solche Verträge inzwischen gekündigt. Nun hat der Bundesgerichtshof vor gut einem Jahr einer Sparkasse Recht gegeben, als sie einen Prämiensparvertrag kündigte, der die höchste Prämienstufe erreicht hatte. Auf diese Rechtsprechung berufen sich zahlreiche Kreditinstitute.

„Kunden sollen skeptisch sein“

Die Verbraucherzentrale NRW mahnt allerdings zur Vorsicht. So einfach sei das nicht und der BGH-Fall nicht auf alle Prämiensparverträge zu übertragen, heißt es von der Verbraucherzentrale. Der BGH habe mit einem Urteil vom Mai 2019 nicht generell erlaubt, dass Sparkassen kündigen dürfen, sondern nur in ganz bestimmten Fällen, und zwar bei unbefristeten Verträgen, wenn die höchste Prämienstufe erreicht ist. Bei Verträgen mit einer Laufzeit von 15 oder 25 Jahren gilt das nicht. Sie rät Kunden, genau hinzuschauen und nicht voreilig einen solchen Vertrag zu kündigen. Bei verlockend klingenden Alternativangeboten zu laufenden, gut verzinsten Prämiensparverträgen sollten Kunden skeptisch sein – vor allem, wenn bei den Beratungsgesprächen auf das BGH-Urteil hingewiesen werde.

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