„Drittes Auge“ zur Deeskalation

Hammer Polizei nutzt seit einem Jahr Bodycams: Hat es was gebracht?

Polizeikommissare Robin Verspohl und Dennis Zill aus Hamm mit Bodycam.
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Sie haben die Bodycam, die Mini-Kamera an ihrer Ausrüstung, bereits genutzt: Die Polizeikommissare Robin Verspohl (links) und Dennis Zill zeichneten mit der Bodycam auf, wie ein gewaltsamer Familienstreit in Gewalt gegen Einsatzkräfte endete.

Seit einem Jahr ist die Hammer Polizei mit dem „dritten Auge“ unterwegs. Und? Hat sich seitdem etwas verändert - vor allem zum Positiven? Wir haben nachgefragt.

Hamm - Im Dezember 2019 wurden die Beamten mit der Bodycam (Mini-Kamera an der Ausrüstung) ausgestattet. Einerseits soll sie präventiv und deeskalierend wirken, im Extremfall zeichnet das Gerät aber auch Einsatzverläufe zur Beweissicherung und Rekonstruktion der Geschehnisse auf. Nach einem Jahr glauben viele Ordnungshüter an die präventive Wirkung, auch wenn das objektiv schwer messbar ist.

Wie oft die Bodycam seit Einführung eingeschaltet worden ist, lasse sich bei der Polizei nur mit erheblichem Aufwand feststellen, sagt Pressesprecher Hendrik Heine. Zwar werde jeder Einsatz vermerkt, aber einen Abfragefilter gebe es dafür bisher nicht. Allerdings sind den Kollegen sehr wohl Fälle präsent, bei denen die Bilder als Beweismittel herangezogen werden könnten.

So zum Beispiel bei einem Einsatz an der Langen Straße im August dieses Jahres. Dabei wurden drei Polizeibeamte leicht verletzt. Der Einsatz mündete in die Inobhutnahme dreier minderjähriger Kinder, den Angriff auf die Polizisten durch vier junge Männer und den Wurf eines Fahrrads auf einen Beamten. All das ist auf Film festgehalten und kommt möglicherweise als Beweismaterial infrage. Es wurden Strafanzeigen unter anderem wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und Beleidigung gestellt.

Bodycams gut geeignet für tumultartige Szenen

„Mit den Kameraaufnahmen lassen sich gerade tumultartige Szenen später wesentlich besser rekonstruieren als aus der Erinnerung heraus“, sagt Heine. Bildmaterial sei da wesentlich verlässlicher.

Aber nicht immer muss erst auf den Aufnahmeknopf gedrückt werden. Die Polizeikommissare Dennis Zill, der als Radstreife unterwegs ist, und Robin Verspohl versehen beide ihren Dienst in der Wache Mitte. Sie sind aus ihrer Erfahrung heraus davon überzeugt, dass allein das Vorhandensein der Kamera deeskalierend wirken kann. „Die Kollegen werden von Bürgern auf die Kamera angesprochen. Sie kommt bei den Menschen positiv an“, sagt Heine.

Ohne den offiziellen Zahlen der Polizeistatistik vorgreifen zu wollen, falle die Zahl der Delikte gegen Polizisten 2020 wohl deutlich geringer aus, so der Sprecher. Das möge einer niedrigeren Einsatzzahl und Corona geschuldet sein, es möge aber auch die Außenwirkung und das bloße Tragen der Bodycam sein. Unterm Strich schätzt er die Zahl der Bodycam-Einsätze „eher gering“ ein, auch weil Eskalationsszenarien glücklicherweise selten vorkämen.

Bodycams bei Bundespolizei schon länger im Einsatz

Corona-bedingt sind etatmäßige Einsatzorte der Polizei, wie die Südstraße an Wochenenden, in diesem Jahr fast komplett weggefallen. Daher sei es rein hypothetisch, wie sich die Kamera dort ausgewirkt hätte. Anlässe für den Einsatz hätte es in der Vergangenheit einige gegeben, doch das war vor der Einführung.

Die Bundespolizei weist in ihren Pressemeldungen vornehmlich von Einsätzen auf Bahnhöfen zuletzt verstärkt auf den Gebrauch der Bodycam hin. Bei der Bundespolizei ist sie nach und nach ab 2017 eingeführt worden. „Die bisherigen Erfahrungen der eingesetzten Beamten unterstreichen die deeskalierende Wirkung der Bodycam“, sagt Sprecher Jens Flören. Zahlenmaterial zu Einsätzen in Hamm sei „auf Knopfdruck“ nicht verfügbar, die Recherche umfangreich, zeitintensiv und damit leider nicht zu leisten.

Staatsanwalt kennt keinen relevanten Bodycam-Fall

Flören verweist auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag und die Antwort von Ende Oktober 2019. Demnach gelangten 2017 insgesamt zehn Fälle der Bundespolizei vor Gericht, die Videoaufnahmen mit Bodycams umfassten, 2018 waren es zwei.

Henner Kruse, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund, kann sich in seiner Zuständigkeit bislang an keinen Fall erinnern, bei dem Bodycam-Bilder sowohl von Landes- als auch von Bundespolizei eine Rolle gespielt hätten.

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