Das knallharte Prinzip von Yvonne Klesse aus Hamm

Plastikarm, vegan: Auch so kann Kindertagespflege funktionieren

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Tagesmutter Yvonne Klesse legt wert auf eine plastikfreie Spielumgebung für „ihre“ Kinder.

Eine ganz natürliche Betreuung: Die Kinderstagespflege von Yvonne Klesse ist plastikarm und vegan und deshalb in Hamm mehr als außergewöhnlich. Sie sagt: "Wer damit nicht einverstanden ist, der ist bei mir an der falschen Adresse."

Hamm – Bei Ernährung gehen die Meinungen auseinander, bei der Ernährung von Kindern noch viel mehr – besonders wenn das Stichwort „vegan“ fällt. Yvonne Klesse bietet seit eineinhalb Jahren eine Kindertagespflege in Hamm an, die nicht nur durch plastikarmes Spielen auffällt, sondern auch durch die vegane Ernährung der zu betreuenden Kinder. Damit besäße die Kindertagespflege „Im Sonnenland“ ein Alleinstellungsmerkmal in Hamm, sagt die 41-Jährige.

Klesse ist seit über neun Jahren Veganerin, vorher lebte sie schon einige Jahre als Vegetarierin. „Ich finde diese Massenproduktion einfach grausam. Das kann ich mit mir selbst nicht vereinbaren“, erklärt sie ihre Überzeugungen. Zurzeit betreut die Hammerin drei Kinder in ihrer Kindertagespflege. Jeden Tag erwartet die Kleinen ein anderes Programm: An dem einen Tag malen sie kleine Monster, an anderen besuchen sie Enten am See, gehen auf dem Wochenmarkt einkaufen oder lesen gemeinsam spannende Bücher. Alles ganz normal, bis hierhin.

Das plastikarme Spielen entwickelte sich bei Klesse in der Kindertagespflege stückweise. „Am Anfang hatte ich noch einige Spielsachen, bei denen man nicht auf den ersten Blick gesehen hat, dass sie Plastik beinhalten. Dann gibt es auch noch Grenzfälle, wie Plastikaugen bei Kuscheltieren oder Holzfahrzeuge mit Gummirädern.“ Sofern sich in der Kindertagespflege überhaupt Plastikspielzeug finden lässt, dann sind sie gespendet oder auf einem Trödelmarkt erworben worden. „Wir haben so viele verwertbare Ressourcen, die wir nutzen können. Wir müssen nur hinsehen.“ Das meiste Spielzeug besteht aus Holz. Für die hölzerne Kinderküche gibt es zum Beispiel Milchkännchen aus Edelstahl zum Spielen.

Neben Holzspielzeug werden auch Metallmaterialien genutzt – eben nur kein Plastik.

So funktionieren die Verträge:

„Die Eltern, die ihre Kinder zu mir bringen, leben nicht alle vegan, tierische Produkte gibt es bei mir dennoch nicht. Wer nicht mit meinem Konzept einverstanden ist, der ist bei mir an der falschen Adresse. In der Regel kommt dann auch kein Betreuungsvertrag zustande“, so Klesse.

Für die Betreuung ihrer Kinder schließen Eltern mit den Tagesmüttern immer einen Betreuungsvertrag ab, in dem unter anderem die individuellen Bedürfnisse des Kindes thematisiert werden. Hierbei spielt auch die Ernährung eine Rolle. „Wie die genauen Inhalte des Vertrags aussehen, ist Sache der Eltern und der Tagesmütter“, heißt es auf Seiten der Stadt Hamm. So können Eltern gemeinsam mit den Tagesmüttern im Vertrag festhalten, dass zum Beispiel eine vegane Ernährung während des gesamten Betreuungszeitraums erfolgen soll.

Zucker gibt es bei Yvonne Klasse nicht

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Kinder eine ausgewogene, ganzheitliche Ernährung. Die DGE fördert vollwertige Ernährung, stellt Forschungsbedarf in ernährungsrelevanten Fragen fest, sammelt Ergebnisse, wertet sie aus und macht sie öffentlich. Doch was auf den Teller kommt, entscheiden meistens die Eltern.

Zum Frühstück essen die Kinder in der veganen Tagespflege in Hamm zum Beispiel Naturreisflocken oder selbst gebackene Dinkelbrötchen. Zum Mittag gibt es unter anderem Kartoffeln mit Gemüse. Süßigkeiten gibt es lediglich in Form von Obst oder Trockenfrüchten. Zucker findet man im Haushalt von Klesse nicht, sie verwendet lediglich zum Backen Birkenzucker.

In Yvonne Klesses Tagespflege dominiert Holzspielzeug.

Durch vegane Ernährung Vorbild

Die Auswahl des Essens spielt für Kinder weniger eine Rolle als das Essverhalten ihrer Erziehungsberechtigten. „Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren erlernen ihr Essverhalten durch Imitation von Vorbildern“, schreibt die DGE auf ihrer Internetseite. „Ernährungswissen ist für Kinder irrelevant und beeinflusst sie nicht bei der Lebensmittelauswahl.“ Für die Ernährungsbildung seien sowohl die Kindertageseinrichtungen als auch das familiäre Umfeld verantwortlich. Pädagogische Fachkräfte haben also für Kinder ebenfalls eine Vorbildfunktion inne und sollen das Essverhalten der Kinder positiv beeinflussen können.

Die Tagesmutter aus Hamm versucht gerade durch ihre vegane Ernährung ein Vorbild zu sein. „Ich biete den Kindern immer und immer wieder Essen an. In der Regel probieren sie auch alles, denn wir essen alle gemeinsam und essen auch alle das Gleiche.“ Besonders wichtig ist der Tagesmutter, dass vegane Ernährung nicht gleich gesunde Ernährung bedeutet. „Nicht alles ist gesund, nur weil ‘vegan’ drauf steht.“ So ist veganer Kuchen beispielsweise immer noch etwas Süßes, das man nicht jeden Tag essen sollte.

Mangelernährung wichtiges Thema

Neben der Vorbildfunktion sind wohl die Mangelerscheinungen der noch wachsenden Kinder ein großer Streitpunkt in der Gesellschaft. Die DGE warnt deshalb vor veganer Ernährung bei Kindern: „Nehmen die Kinder keine Nährstoffpräparate ein beziehungsweise verwenden keine angereicherten Lebensmittel, können die Entwicklung und die Gesundheit der Kinder Schaden nehmen.“ Störungen der Blutbildung, Wachstumsstörungen oder teilweise irreversible neurologische Störungen wie Verzögerungen der mentalen Entwicklung können durch einen Mangel von Eisen- und Vitamin-B12, Energie-Protein und Jod verursacht werden.

Klesse ist das Thema der Mangelernährung ein wichtiges: „Die Gesundheit steht für mich an erster Stelle. Ich versuche die Kinder und auch mich selbst ausgewogen zu ernähren. Das geht mit veganer Ernährung, wenn man sich intensiv mit ihr auseinandersetzt und weiß, welche Stoffe in welchen Lebensmitteln sind.“ Lediglich Vitamin B12 und D3 würde sie in Tröpfchenform hinzugeben, da vegane Lebensmittel zu wenig davon beinhalten.

So viele Tagesmütter gibt es in Hamm:

In Hamm gibt es insgesamt 120 Tagesmütter, die eine Qualifizierung als Kindertagespflege nachweisen können. Dabei lernen angehende Tagesmütter ein Jahr lang für insgesamt 300 Unterrichtsstunden pädagogische Konzepte kennen. Ein weiteres Thema ist auch die Ernährung, die sich an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) richtet.

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