Hoffen auf Lockerungen in der kommenden Woche

Piercer und Tätowierer frustriert: "Fühlt sich wie ein Spielball"

Mit seinen Corona-Graffiti hat Kai Wohlgemuth seinen Bekanntheitsgrad überregional erhöht. Kunden in seinem Atelier empfangen und sie tätowieren, darf er indes seit Wochen nicht.
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Mit seinen Corona-Graffiti hat Kai Wohlgemuth seinen Bekanntheitsgrad überregional erhöht. Kunden in seinem Atelier empfangen und sie tätowieren, darf er indes seit Wochen nicht.

Körperschmuck wie Tattoos und Piercings erfreuen sich großer Beliebtheit. Einer Studie zufolge ist schon jeder fünfte Deutsche tätowiert. Mehr werden es zurzeit aber nicht, denn aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen dürfen Tattoomaschinen und Piercingnadeln derzeit nicht genutzt werden.

Hamm – Weil diese Situation schon seit Mitte März anhält, haben in Hamm aktuell viele Betreiber Existenzängste. Bei ihnen wächst das Unverständnis darüber, dass Friseure wieder öffnen durften, Piercer und Tätowierer aber nicht. Dabei hätten Piercer und Tätowierer auch unabhängig von Corona schon hohe Hygienestandards, wie Ute Eck vom Piercingstudio „Goa“ in der Oststraße betont. „Wir arbeiten ja schon steril und extrem sauber“, sagt Eck und fügt hinzu, dass dies auch regelmäßig von den Ämtern kontrolliert werde. Heißt: Mundschutz, Handschuhe und Desinfektionsmittel gehören bei Piercern und Tätowierern ohnehin zur Arbeit dazu.

Wirtschaftlich trifft sie die Situation schwer. „Der Umsatz bricht enorm ein“, erklärt Eck. Denn Piercing stechen und Schmuckwechsel durchführen geht derzeit nicht. Immerhin ist das „Goa“-Ladenlokal in der Fußgängerzone wieder offen, auch wenn bisher nur wenige Hammer im Sortiment mit Schmuck, Kunsthandwerk und Räucherstäbchen stöbern. „Jeder Kunde ist ein Geschenk“, sagt Ute Eck, die nun darauf hofft, dass in Kürze bei weiteren Lockerungen des Verbotsregelungen auch Piercer und Tätowierer bedacht werden. Angesichts der bisher nicht eindeutigen Ansagen der Bundes- und Landesregierung hinsichtlich der Frage, wie es weitergeht, fühlt sich Eck alleine gelassen: „Man fühlt sich wie ein Spielball.“

Nach gut sieben Wochen zeigten sich die wirtschaftlichen Folgen deutlich. Zwar erhielt Eck die beantragte Corona-Soforthilfe des Landes NRW. Doch weil diese nur für die Betriebskosten genutzt werden dürfe, könne sie das Geld kaum nutzen. Und da kaum Umsatz hereinkomme, sei die Lage für Eck sehr angespannt – zumal die zwei anderen Mitarbeiter in Kurzarbeit gingen. Ihre Hoffnungen ruhen daher darauf, dass sie endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen kann – zur Not auch, indem zunächst Piercings an Nase, Mund und Ohren vorerst weggelassen werden, wie sie vorschlägt.

Mit Gutscheinverkäufen (wie hier an Kundin Sefi) versucht Ute Eck vom Piercingstudio „Goa“, die behandlungsfreie Zeit so gut es geht zu überbrücken.

Anfragen gibt es jeden Tag

„Wir wollen ja alle arbeiten, können aber nicht“, betont auch Tätowierer und Künstler Kai „Uzey“ Wohlgemuth, in dessen Atelier "Uzey Tattoo" im Künstlerhof der Martin-Luther-Straße ebenfalls seit Wochen keine Kunden erlaubt sind. „Anfragen gibt es jeden Tag“, berichtet der 45-Jährige, der die Fans von Körperschmuck dennoch vertrösten muss. Auf wann? Genau das macht Wohlgemuth Sorgen. „Es ist kein Ende in Sicht.“

Mit den wirtschaftlichen Folgen hat er bereits zu kämpfen. „Die Luft wird langsam dünner, was den Verdienst angeht“, erklärt der Hammer, der seit zehn Jahren als Tätowierer arbeitet. Denn nicht nur das Tätowieren fällt derzeit flach, sondern auch die Workshops, die er etwa zum Thema Graffiti für Jugendliche gibt.

Immerhin hat er die Zeit gut genutzt und es mit seinen Corona-Graffiti in die weltweiten Medien geschafft. „Mein Bekanntheitsgrad hat sich erhöht“, ist er für die PR sehr dankbar. Geld bringt die aber auch nicht – erst, wenn er endlich wieder arbeiten darf. Und dass die Kunden dann auch kommen, glaubt Wohgemuth fest. „Die Leute sind heiß und wollen etwas für sich tun und sich für die Geduld im Lockdown belohnen.“

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