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Pflege-Skandal in Bönen: Beschäftigte suchen Rat in Hamm - mit bitterer Erkenntnis

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Von: Holger Krah

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Fundierte Ausbildung: Pflegefachkraft Melisa Sahin betreut eine Patientin im Wachkoma. Viele Beschäftigungswillige müssen sich diese Qualifikation erst erarbeiten oder anerkennen lassen.
Fundierte Ausbildung: Pflegefachkraft Melisa Sahin betreut eine Patientin im Wachkoma. Viele Beschäftigungswillige müssen sich diese Qualifikation erst erarbeiten oder anerkennen lassen. © Robert Szkudlarek

Der Pflege-Skandal in Bönen hat Auswirkungen bis nach Hamm. Zahlreiche Mitarbeiter des Bönener Pflegedienstes, der Insolvenz angemeldet hat, hätten dort ohne in Deutschland gültige Papiere gearbeitet. Diesen Vorwurf erhebt Murat Urhan, Geschäftsführer der Hammer Gesundheits- und Pflegezentrum GmbH.

Hamm - Viele der Kunden und auch Mitarbeiter des Bönener Pflegedienstes, dessen De-facto-Geschäftsführer seit Anfang des Monats in Untersuchungshaft sitzt, hätten sich hilfesuchend an ihn gewendet, so Urhan als Chef des Hammer Pflegedienstes.

Pflege-Skandal in Bönen: Viele Beschäftigte haben ohne Anerkennung gearbeitet

Dabei habe sich herausgestellt, dass viele der in Bönen Beschäftigten ohne Anerkennung gearbeitet hätten. Warum? Viele der Abschlüsse aus der Türkei werden in Deutschland nicht 1:1 anerkannt, so Urhan. „Wir stehen in Kontakt zu einigen der Mitarbeiter des Bönener Pflegedienstes, die jetzt gerne bei uns anfangen möchten, und müssen ihnen leider sagen: Mit euren Papieren dürfen wir euch höchstens als Hilfskraft bei uns anstellen“, sagt der Geschäftsführer der Hammer Gesundheits- und Pflegezentrum GmbH. Damit dürften sie die Kunden zwar waschen und für sie Einkäufe erledigen, aber ihnen keine Medikamente oder Spritzen verabreichen.

Pflegeausbildung in der Türkei

In der Türkei gibt es zwei unterschiedliche Ausbildungen in der Alten- und Krankenpflege: Zum einen ein Bachelor-Studium über acht Semester, zum anderen die ebenfalls vierjährige Ausbildung an Berufsgymnasien. „Dadurch dass die Absolventen dort ihr Abitur bauen und gleichzeitig ihre Ausbildung als Pflegekraft machen, ist der Anteil der fachspezifischen Ausbildung geringer als an der Uni“, erläutert Murat Urhan, Geschäftsführer der Hammer Gesundheits- und Pflegezentrum GmbH. Die Folge: Die Uniabsolventen erhalten, sofern sie Deutschkenntnisse auf B2-Niveau vorweisen können und ihre Papiere übersetzt und beglaubigt sind, deutlich einfacher eine Anerkennung ihrer Ausbildung in Deutschland. Wer nur eine Ausbildung am Berufsgymnasium hat, muss in Deutschland noch 500 Stunden Theorie und 540 Stunden Praxis nachholen, eher seine Ausbildung auch hier anerkannt wird.

Für viele der Bönener Beschäftigten ist das ein Schock. „So wurde mir das nie erklärt.“ Das habe er immer wieder von ihnen gehört, so Urhan. Viele, die beim Bönener Pflegedienst trotz Ausbildung beschäftigt waren, hätten gar nicht als Pflegekräfte arbeiten dürfen.

„Einige der dort Beschäftigen haben sogar eine fünf- bis zehnjährige Berufserfahrung in der Pflege, doch das wird in Deutschland nicht anerkannt“, verdeutlicht Alexandra Rzesnitzek, Pflegedienstleiterin beim Hammer Gesundheits- und Pflegezentrum, das Problem.

Selbst eine türkische Pflegerin mit Intensivkrankenschwesterurkunde müsste sich an die Bezirksregierung wenden, um diese anerkennen zu lassen, so Urhan. Schließlich sei die Qualifikation zur Intensivpflegefachkraft in Deutschland eine zweijährige Zusatzausbildung zur normalen Pflegeausbildung.

Pflegekräfte händeringend gesucht

Dabei werden Pflegekräfte in Deutschland händeringend gesucht. Aktuell fehlen 200.000 bundesweit ausgebildete Pfleger.

Urhan selbst beschäftigt 136 Mitarbeiter, davon 85 in der Pflege, aktuell hat er 36 Azubis. Er arbeitet gerne mit türkischen Pflegern. „Gerade beim Waschen müssen wir abhängig von Kultur und Religion bei den Patienten auf ganz unterschiedliche Regeln und Bedürfnisse eingehen“, nennt Rzesnitzek einen der Gründe. In dem Hammer Pflegedienst würden sieben unterschiedliche Sprache gesprochen.

Wir stehen in Kontakt zu einigen der Mitarbeiter des Bönener Pflegedienstes, die jetzt gerne bei uns anfangen möchten, und müssen ihnen leider sagen: Mit euren Papieren dürfen wir euch höchstens als Hilfskraft bei uns anstellen.

Murat Urhan Geschäftsführer der Hammer Gesundheits- und Pflegezentrum GmbH

Damit die Anerkennung türkischer Fachkräfte in Deutschland schneller gelingt, hat Urhan bereits vor einigen Jahren in Hamms Partnerstadt Afyon in der dortigen Uni dafür geworben, dass schon dort die Studenten Deutschkurse machen können, damit sie später in Deutschland schneller ihre B2-Kenntnisse nachweisen können. Tatsächlich seien an der Uni mittlerweile zwei Deutschlehrer angestellt worden, die auch gleich fachspezifische Ausdrücke vermitteln.

Telefon steht seit Wochen nicht mehr still

Zudem steht der Hammer Pflegedienstchef mit anerkannten Übersetzern in Kontakt, die zumindest schon mal die Papiere der arbeitswilligen Pfleger übersetzen. Und sein Team hilft, die nötigen Unterlagen für die Anerkennung zusammenzustellen. Zu seiner normalen Arbeit komme er oft erst nach dem eigentlichen Feierabend. Schließlich gelte es mit Behörden abzuklären, welche weiteren Voraussetzungen noch fehlen und wann die Türken beginnen können, ihre 1040 Stunden Theorie und Praxis nachzuholen, um ihre abgeschlossene Ausbildung in Deutschland anzuerkennen. Drei der Bönener Pflegekräfte, die sich an ihn gewandt hätten, hätten mit seiner Hilfe erste Schritte für die Anerkennung unternommen.

Tatsächlich sei das Interesse noch weit größer. Urhan: „Seit zwei Wochen steht das Telefon bei mir nicht mehr still.“

Pflege-Skandal in Bönen: Ehemalige Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

Während die Staatsanwaltschaft weiter gegen den Bönener Pflegedienstbetreiber ermittelt, melden sich immer mehr ehemalige Mitarbeiter des mittlerweile insolventen Pflegedienstes beim WA. Was sie berichten, könnte ihren Ex-Chef, der aktuell in Untersuchungshaft sitzt, weiter belasten.

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