Für 1,8 Millionen Euro

Die perfekte Welle: Ein Pilotprojekt soll Autofahrern helfen, grüne Ampeln besser zu nutzen

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Der Lichtblick im grauen Verkehrsalltag: eine Grüne Welle. Wie sie am besten zu nutzen ist, wird derzeit auf der Wilhelmstraße erforscht.

Die Grüne Welle ist ein Versprechen: Bei gleichbleibender Geschwindigkeit gleitet man im Auto ohne Stopp durch die Stadt, alle Ampeln schalten rechtzeitig auf Grün. Die Realität sieht meist ernüchternd aus: Irgendwann steht man doch vor einem Rotlicht und kriecht im „stop-and-go“-Modus weiter. In Hamm lässt das Bundesverkehrsministerium gerade ausprobieren, wie es besser laufen könnte.

Hamm - Rund 40 Mitarbeiter des Tiefbauamtes testen seit Mitte Juni eine App, die Autofahrer effizienter durch die Stadt lotsen soll. Dabei wird auf der Wilhelmstraße gezielt untersucht, ob Autofahrer die Grüne Welle besser nutzen, wenn sie per App informiert werden, wenn die Ampel vor ihnen auf Rot umschaltet: Lohnt es sich, noch mal kurz zu beschleunigen oder lässt man den Wagen sanft ausrollen?

„Citizen Science for Traffic Management“ (Citram) heißt das Projekt, das der Bund sich 1,8 Millionen Euro kosten lässt. Man könnte es mit „Bürgerwissen fürs Verkehrsmanagement“ übersetzen. Durch Daten aus dem Autofahreralltag sollen Kommunen ihre Verkehrsnetze verbessern und Autofahrer ihr Fahrverhalten anpassen können.

Aus der Grünen würde dann vielleicht die perfekte Welle. Neben Hamm machen die Städte Chemnitz und Krefeld mit, außerdem sind die Technische Hochschule Deggendorf (Niederbayern) und die Ingenieurbüros TSC aus Essen und 52°North aus Münster dabei.

Fahrverhalten wird direkt im Auto gemessen

Christian Bressler hat bisher nur gute Erfahrungen mit der App gemacht. Bressler leitet die Abteilung für Verkehrstechnik und Verkehrslenkung im Tiefbauamt und ist selbst mit der App unterwegs. Praktisch sei das ganz einfach, sagt er. Daten zum Fahrverhalten würden automatisch im Fahrzeug aufgezeichnet und den Ingenieurbüros zur Auswertung übermittelt. Dabei gehe es beispielsweise um Geschwindigkeit und Schadstoffausstoß.

Getestet wird auf den stark belasteten Durchgangsstraßen im Bahnhofsviertel und im Hammer Westen: Dortmunder, Goethe-, Hafen- und Wilhelmstraße sowie den einmündenden Querstraßen. „Wir kennen unsere Nadelöhre eigentlich“, sagt Bressler. Aber der Blick von außen sei oft hilfreich. Wenn man an ein paar Stellschrauben drehe, könne man die Engstellen vielleicht durchlässiger machen.

Benzin, Zeit und Geld sparen

Besonders gespannt ist Bressler auf die Ergebnisse der Grüne-Wellen-Untersuchung auf der Wilhelmstraße. „Ecomat“ heißt die App, die auf diesem Abschnitt getestet wird. Der Fahrer erhält dabei Empfehlungen für eine angemessene Geschwindigkeit, mit der er den Straßenzug sicher und ohne unnötigen Halt durchfahren kann – so sollen sich Benzin, Zeit und Geld sparen lassen.

Dafür waren allerdings einige Vorbereitungen notwendig, wie Bressler sagt. Für die Ecomat-App werden die Ampelsignale an der Wilhelmstraße von den dortigen Schaltkästen über den zentralen Verkehrsrechner in Echtzeit in eine Cloud übertragen, um dann per App abgerufen werden zu können. Dafür, sagt Bressler, habe man im vergangenen Jahr eine Schnittstelle geschaffen und die Ampeln entsprechend ertüchtigt.

Wegen Corona nur kleine Testgruppe

Den praktischen Test hatten nach ursprünglicher Planung möglichst viele Bürger mit ihren Autos absolvieren sollen. Coronabedingt habe man sich allerdings auf 40 Freiwillige aus der eigenen Behörde beschränkt, sagt Bressler. Eine Betreuung externer Freiwilliger sei unter den Kontaktverbotsregeln nicht möglich gewesen.

Außer den städtischen Mitarbeitern sind noch drei Elektrofahrzeuge der TH Deggendorf in Hamm unterwegs, die von dortigen Studenten gefahren werden.

Ergebnisse Anfang 2021

Dass Hamm Teil der Studie ist, freut Bressler, schließlich bekommt die Stadt so kostenlos eine Verkehrsanalyse geliefert. Das beteiligte Essener Ingenieurbüro TSC habe für die Untersuchung Städte mit einer bestimmten Größe, einem bestimmten Verkehrsnetz und einem bestimmten Verkehrsrechner gesucht, sagt Bressler. Hamm, Chemnitz und Krefeld haben offenbar einiges gemein.

Der Test in Hamm läuft noch bis Mitte August. Mit Ergebnissen der Studie rechnet Bressler für Anfang 2021. Und vielleicht auch darüber hinaus: Ein Ampel-Assistent wie Ecomat ließe sich wohl ins Display am Armaturenbrett integrieren und könnte zur Standardausstattung eines Autos werden.

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