Schranken-Frust im "gallischen Dorf" Selmigerheide

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Ein gewohntes Bild: Lange Schlangen vorm Bahnübergang Wiescherhöfener Straße-

Selmigerheide - Die meist geschlossenen Bahnschranken in der Selmigerheide nerven nicht nur die Autofahrer.

Die Selmigerheide ist ein wunderbar idyllischer Ortsteil Hamms. Doch wie sich die Gallier über die Römer ärgern, so ärgern sich Anwohner und Berufspendler über die Schrankenanlagen. 

Diese liegen nahe des Bahnhofs Hamm und sind, gemäß einer Erhebung aus dem Jahr 2017, mehr geschlossen als geöffnet. Am Freitag vor den Osterferien nahm sich der WA dieses Themas in Form eines Selbstversuchs an: Ab 16 Uhr, also zur besten Feierabendzeit, wollte ein Mitarbeiter für gut eine Stunde die Öffnungszeiten der Schrankenanlage und die davor wartenden Passanten in den Blick nehmen. 

Der Auftakt gelang nicht so ganz pünktlich, schließlich musste der WA-Mitarbeiter vor einer geschlossenen Schranke warten. Dann wurde das Auto geparkt und „Friedwart“ begrüßt – die mit viel Ironie von den Anwohnern aufgestellte Demonstrations-Figur eines Wartenden.

"Länger geschlossen als offen"

 Bei der nächsten Wartephase ergab sich leider keine Gelegenheit, mit einem der Fahrzeuginsassen zu sprechen, da die Haltephase an der Schranke überraschend kurz war. Zwei Fußgängerinnen überquerten die Gleise aber auch: Anna Bonitz und Filomena Fontana kehrten gerade von einem Spaziergang zurück. Im Gespräch erklärte Anwohnerin Bonitz, wie stark die Schrankenanlage das Nervenkostüm strapazieren kann: „Als Berufspendlerin musste ich schon starke Nerven haben, denn hier ist es öfter geschlossen als offen“, sagte die junge Mutter. Nun, da sie in Elternzeit sei, könne sie gut verfolgen, wie oft die Schranke unten sei. Das sei schon enorm. Fontana ist gerade zu Besuch und erklärt, in Kamen-Methler kenne sie einen ähnlich oft geschlossenen Bahnübergang. Doch findige Anwohner hätten dort die Gelegenheit, die Anlage zu umfahren.

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Von dieser Gelegenheit können die Bewohner der Selmigerheide nur träumen: Während sich die Autos am Bahnübergang Wiescherhöfener Straße stauen, ist auch an der benachbarten Großen Werlstraße warten angesagt. Erstaunlicherweise dauern die Sperrphasen jedoch zumeist nur zwischen einer und drei Minuten, sodass die Fahrer kaum die Zeit zu einem Gespräch finden. Dafür erfolgt die Schließung umso häufiger: 16.31 Uhr, 16.43 Uhr, 16.46 Uhr, 16.50 Uhr – immer wieder stoppt die Schrankenanlage die Menschen auf dem Weg ins Wochenende oder in die Ferien. 

Zeitvertreib der besonderen Art

Es ist schon interessant, zu beobachten, wie die Leute sich die Wartezeit vertreiben: Zwei Jugendliche schreien sich beim Gespräch fast an, da ihr Autoradio unablässig bei hoher Lautstärke wummert. Ein älterer Herr erfüllt alle Klischees, indem er sich in seinem gepflegten Mercedes mit aufgesetztem Hut noch schnell die Zigarre anzündet, und eine junge Frau erschrickt, als sie schnell eine Kurznachricht schreiben will und die hinter ihr Wartenden die sich hebenden Schranken mit lautem Gehupe quittieren. 

Die kurzen Takte halten an: 17.17 Uhr, 17.20 Uhr, 17.27 Uhr – immer wieder schließen sich die Schranken. Als der Schlagbaum einmal länger unten bleibt, ergibt sich ein kurzes Gespräch: „Ich wohne hier seit 13 Jahren“, sagt Thomas Bursig, der gerade seinen Sohn Maximilian zum Sport bringt. Manchmal, wenn gleich mehrere Züge in kurzem Abstand die Schranken passierten, bleibe die Anlage auch bis zu zehn Minuten geschlossen. Derzeit mache ihm das nichts aus, aber als er seine Frau zur Hebamme bringen musste, da habe das die Nerven arg belastet.

Hinter dem Vater-Sohn-Duo sitzt eine gepflegte ältere Dame in einem großen Geländewagen und tippt nervös auf einer Bonbonschachtel herum. Das ist, so stellt der Reporter vor Ort angesichts des Bahnverkehrs fest, gar keine schlechte Idee: Eventuell sollte man, wenn man weiß, dass man durch die Selmigerheide muss, immer etwas Nervennahrung an Bord haben.

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