Studios wollen mit Vorurteilen aufräumen

Poledance in Pelkum: Wie sexy darf Sport sein?

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Pelkum - Pia ist 31 Jahre alt, hat studiert, dann gearbeitet und zwei Kinder bekommen. Und sie hat ein ungewöhnliches Hobby: Poledance. Schon vor den Kindern hat sie mit diesem Sport angefangen. Nach der Babypause geht’s in Hamms erstem Poledance-Studio weiter.

„Ach, ist das nicht so was wie Table-Dance?“. Nein, ist es nicht. Doch leider denken viele beim Tanz an der vertikalen Stange gleich an Rotlicht und das horizontale Gewerbe. Aber der Ruf dieses mittlerweile zum Trend gewordenen Sports bessert sich.

Während man bei anderen ausgefallenen Sportarten erklärt, was alles dazugehört, scheint man beim Poledance erstmal aufzählen zu müssen, was alles nicht dazugehört. Das Rotlicht zum Beispiel. Auch ist Poledance („Stangentanz“) nicht Table-Dance („Tischtanz“). Ebensowenig wie Synchronschwimmen eine erotische Poolparty ist. Man muss sich nicht ausziehen, es findet nicht in schmuddeligen Clubs statt, es werden keine Scheinchen ins Höschen gesteckt.

Doch da es so schön einfach ist, an Vorurteilen und Schubladen festzuhalten, wird es noch eine Weile dauern, bis der Ruf des Sports so sauber ist, wie er es verdient hätte. Und so lange werden junge Poledancerinnen wie die Hammerin Pia ihren richtigen Namen lieber nicht sagen wollen, wenn sie der örtlichen Presse von ihrem Hobby berichten.

Poledance-Tanzstudio VI-Dance eröffnet in Hamm Pelkum

Ganz anders war das bei Vivien Feld, Inhaberin der Poledance-Studiokette „Vi-Dance“, die vor kurzem in Hamm-Pelkum Eröffnung feierte. „Ich habe mir noch nie etwas daraus gemacht, was andere über mich denken“, sagt die 35-Jährige. Hier und dort angeeckt ist sie trotzdem. „Mein Vater hatte auch zunächst Bedenken. ‘Du bist zu nah am horizontalen Gewerbe’, hat er gesagt.“ Später hat er dann doch bei der Studio-Renovierung geholfen. „Ich habe eine Woche lang nicht mit ihm geredet, damit er zur Eröffnung kommt“, erinnert sich Vivien.

2010 eröffnete sie ihr erstes Studio in Essen, ein Jahr später eines in Münster. 2015 folgte Dortmund, 2017 nun Hamm. „Ich war immer überzeugt, dass das laufen würde“, sagt sie. In den Studios lernt man nicht, wie man mit einer Hand an der Stange ein bisschen herumstolziert und mit dem Hintern wackelt. Das mag in diversen TV-Krimis so dargestellt werden, doch in einem Poledance-Studio geht es weitaus schweißtreibender zu. „Viele unterschätzen den Kraftaufwand“, sagt Vivien Feld. Von den Händen bis zu den Fußspitzen wird jeder Muskel gebraucht. Dazu sollte man gelenkig sein, denn einige Figuren beinhalten beispielsweise einen Spagat. Deshalb werden neben Poledance-Kursen in Hamm noch „Drill your body“ und „Stretching“ angeboten: Krafttraining und Dehnungsübungen speziell aufs Poledancetraining abgestimmt.

Wer dann Talent hat und fleißig trainiert, kann sich mit anderen Poledancern messen: bei deutschen Meisterschaften und auch Weltmeisterschaften. Es läuft sogar ein Antrag zur Aufnahme zu den Olympischen Spielen. Dass sich Poledance aus der Schmuddel-Ecke hin zum Wettkampfsport gemausert hat, daran war und ist auch Vivien Feld maßgeblich beteiligt. Die ausgebildete Sporttherapeutin ist Teil des Vorstandes des ODPS (Organisation des deutschen Polesports e.V.), der die Deutsche Polesport Meisterschaft ausrichtet, und ist selbst auch Wertungsrichterin nach IPSF-Regeln (International Pole Sports Federation).

Nach dem Training werden die Muskeln beim Cooldown-Dehnen entspannt.

„Schon in meiner Schulzeit habe ich hobbymäßig viel Gogo in Discotheken getanzt. Da stand dann irgendwann mal eine Stange“, erinnert sich die 35-Jährige. Vieles brachte sie sich am Anfang selbst bei, denn es gab zu dieser Zeit kaum Kurse und Workshops. „In Hamburg habe ich schließlich meine Trainerausbildung gemacht.“ Heute bildet sie selbst aus. „Die Kombination aus Kraft und Eleganz macht für mich den Sport aus“, berichtet Vivien Feld.

Erst Funkenmariechen, dann Gymnastiklehrerin

Sportlich und begeistert von Tanz und Akrobatik war sie schon immer. „Als kleines Mädchen war ich Funkemariechen“, erzählt sie. Später tanzte sie Rock’n’Roll, nahm an Turnieren teil. Auch beruflich wollte sie schon immer gern etwas machen, das mit Bewegung und Sport zu tun hat. „Nach dem Abitur wurde ich Gymnastiklehrerin.“ Nach entsprechender Ausbildung arbeitete sie als Sporttherapeutin in einer Reha-Klinik, aber nur kurz, denn schon bald wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

„Ich habe immer auf mein Bauchgefühl gehört.“ Aber vor allem hat sie an sich geglaubt und ist selbstbewusst ihren Weg gegangen. „Das ist das Schöne am Poledance, dass es das Selbstbewusstsein stärkt.“ Das stellt Vivien auch bei ihren Schülerinnen fest. „Ein Mädchen, das unter dem Borderline-Syndrom leidet, hat mir erzählt, wie sehr ihr dieser Sport geholfen hat.“ Über so etwas freut sie sich ganz besonders. Denn in den Studios tummeln sich nicht hochnäsige Mädels mit Modelmaßen. Es sind ganz normale Mädchen. Oder Frauen. Auch einige fast 60-Jährige haben mit Poledance angefangen und dabei keine schlechte Figur gemacht.

„Mit Poledance kann man immer anfangen“, sagt Vivien. In den Studios in Dortmund, Essen und Münster bietet sie inzwischen sogar Kids-Pole an – Poledance für Kinder. „Das ist durch Nachfrage entstanden. Viele unserer Schülerinnen haben Kinder und trainieren zuhause zusätzlich an einer eigenen Stange. Da versuchen die Kinder sich dann auch gerne mal dran“, berichtet Vivien Feld.

Fazit: Wer fit bleiben oder werden möchte und ein Full-Body-Workout sucht, ist bei Poledance immer richtig und muss keine Sorge haben, sich plötzlich unter Stripperinnen im Rotlichtmilieu wiederzufinden. Wer mag, darf dabei sogar sexy sein.

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