Bezirksvertretung hat entschieden

Pionier mit NS-Vergangenheit: Wernher-von-Braun-Straße wird umbenannt - Name steht schon fest

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Lange wird es dieses Straßenschild nicht mehr geben: Die Wernher-von-Braun-Straße wird umbenannt.

Hamm - Rund 230 Menschen leben in 90 Haushalten an der Wernher-von-Braun-Straße im Ortsteil Selmigerheide. Und die werden eine neue Adresse bekommen. Das entschied die Bezirksvertretung am Dienstag einstimmig.

Die Straße soll schon zeitnah in Elisabeth-Schiemann-Straße umbenannt werden. Die Initiative zur Umbenennung geht auf einen Bürgerantrag von Hartmut Gliemann aus dem Jahr 2019 zurück, der sich kritisch mit Wernher von Braun (1912 bis 1977) – bekannt wurde er als deutscher und später US-amerikanischer Raketeningenieur sowie als Wegbereiter der Raketenwaffen und der Raumfahrt – auseinandergesetzt hatte. Das Stadtarchiv Hamm wurde daraufhin mit der Prüfung beauftragt.

Auf der Basis von Internetrecherchen und jüngeren Publikationen über Wernher von Braun stellte sich dabei unter anderem heraus, dass von Braun nach Abschluss seines Ingenieurstudiums in das deutsche Heereswaffenamt eintrat. 1937 wurde er zum Technischen Direktor des Werkes Ost der Versuchsstelle in Peenemünde, der späteren Heeresversuchsanstalt, ernannt. 1937, nach anderen Hinweisen auch 1938, trat er in die NSDAP ein. Am 1. Mai 1940 nahm ihn die SS auf.

KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte

„In Peenemünde war er verantwortlich für die Entwicklung und Fertigung der sogenannten V2-Rakete. Mit dem Beginn der Serienproduktion wurden zunächst 800 KZ-Häftlinge in Peenemünde interniert.“ Später sei bei Nordhausen am Harz eine unterirdische Fabrik entstanden. Der größte Teil der Arbeitskräfte seien Häftlinge des eigens dafür eingerichteten Konzentrationslagers Mittelbau-Dora gewesen. 60.000 Häftlinge hätten das KZ durchlaufen, etwa 15.000 bis 20.000 seien den Produktionsbedingungen zum Opfer gefallen.

„Nach neuesten wissenschaftlichen Forschungen ist jetzt nachweisbar, dass Wernher von Braun Kenntnis vom Einsatz der Häftlinge bei der Raketenproduktion hatte. Schriftstücke im Bundesarchiv belegen, dass er bei Fragen des Häftlingseinsatzes aktiv beteiligt war“, so das Stadtarchiv, aus dessen Sicht Wernher von Braun in seiner Funktion „zielgerichtet und bewusst gehandelt und den Tod der Häftlinge in Zusammenhang mit der Raketenproduktion in Kauf genommen hat“. Die Benennung einer Straße nach ihm sei nach dem heutigen Kenntnisstand äußerst fragwürdig.

Schiemann stellte sich gegen Rassenpolitik und Nazis

Und so soll die Werner-von-Braun-Straße der Elisabeth- Schiemann-Straße weichen. Doch wer war diese Frau? Elisabeth Schiemann (1881 bis 1972) war eine deutsche Genetikerin, Kulturpflanzenforscherin und Widerstandskämpferin. Sie gehörte zu der ersten Generation der Frauen in Deutschland, die studieren konnten.

Von 1914 bis 1931 war sie Assistentin beziehungsweise Oberassistentin am Institut für Vererbungsforschung an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. 1931 habilitierte sie an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin. Sie stellte sich offen gegen die Rassenpolitik des Nationalsozialismus, gegen die Judenverfolgung und Abschaffung des Mehrparteiensystems. Nach einer Denunziation und einer Auseinandersetzung über die Umwandlung ihrer außerordentlichen in eine außerplanmäßige Professur wurde ihr 1940 die Berechtigung, an wissenschaftlichen Hochschulen zu lehren, entzogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie 1946 eine Professur an der wiedereröffneten Berliner Universität. Im Jahre 1952 wurde sie Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. Für ihre Forschungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Immer wieder Umbenennungen

Straßenumbenennungen hat es im Stadtbezirk Pelkum schon einige gegeben. 2012 waren es sogar drei auf einmal. Forschungen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hatten nämlich ergeben, dass die Namenspatrone der Haedenkampstraße (Karl Haedenkamp), des Lenardwegs (Philipp Lenard) und der Carl-Diem-Straße (Carl Diem) nationalsozialistische Vergangenheiten hatten.

Nach Beschluss der Bezirksvertretung Pelkum wurde aus der Haedenkampstraße die Heinz-Bülling-Straße, aus dem Lenardweg die Frieda-Rosenberg-Straße und aus der Carl-Diem-Straße die Selma-Löhnberg-Straße. Jeder der drei neuen Namenspatrone hat einen lokalen Bezug.

Heinz Bülling war SPD-Politiker und von 1978 bis 1989 Bezirksvorsteher in Pelkum. Frieda Rosenberg lebte einige Zeit an der Großen Werlstraße und wurde 1942 nach Zamose deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Selma Löhnberg geb. Bachmann stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Sie floh von Hamm nach Belgien und erlebte dort 1944 die Befreiung von den Nazis. Selma Löhnberg, die künstlerisch und musisch begabt war, starb 1967 in England.

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