Von der Fußballer-Kneipe zum Spitzen-Restaurant "Wielandstuben"

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Jürgen Faßbender (rechts) mit Lukas  und Ronja Erfurth und Restauantleiter Herrmann Oberle.

Wiescherhöfen - Generationswechsel in den "Wielandstuben": Nach 53 Jahren zieht sich Jürgen Faßbender zurück. Neuer Besitzer wird Chef-Koch Lukas Erfurth (36). Beide haben viel zu erzählen

Frühere Showgrößen wie Marika Röck und Barbara Valentin haben sich von Jürgen Faßbender ebenso bekochen lassen wie Bundeskanzler Ludwig Erhard und Haribo-Gründer Harald Riegel. Dabei ist der gebürtige Iserlohner gar kein gelernter Koch. Doch auch als „Quereinsteiger“ hat er es geschafft, aus der ehemaligen Fußballer-Kneipe „Am Stadion“ in Wiescherhöfen ein mehrfach für Küche und Service ausgezeichnetes Restaurant der „gehobenen Mittelklasse“ zu machen.

Den Kochlöffel nimmt Faßbender mittlerweile nur noch selten in die Hand – auch privat. „Ich gehe lieber essen“, sagt der Gastronom, der seinen Entschluss, im Alter von gerade einmal 24 Jahren die Gaststätte „Am Stadion“ an der Wielandstraße zu übernehmen, nie bereut hat – und das, obwohl er eigentlich Innenarchitektur studieren wollte. Doch Faßbender hatte, wie er sagt, schon immer einen Faible für die Gastronomie: „Meine Großmutter und Tanten haben dort gearbeitet. Und schon als junger Mann habe ich bei ihnen ausgeholfen.“ 

Nach nur fünf Jahren war die Zeit der Frikadellen, Mettendchen und Riesen-Schnitzel dann aber vorbei – obwohl das Geschäft brummte. Täglich habe er mehr als 100 Schnitzel verkauft. Es sei aber fast ein 24-Stunden-Job gewesen. „Und das in einer vier Quadratmeter großen Küche“, so Faßbender, der sich daher dazu entschied, neue Wege zu gehen und seinen Gästen eine „gute Küche der neuen Zeit“ anzubieten.

Jürgen Faßbender (Mitte) bei der Eröffnung der Gaststätte "Am Stadion" 1965.

Als ungelernter Koch war das ein Risiko – ein Risiko, das sich im Laufe der Jahre aber auszahlte. Heute genießen Faßbenders „Wielandstuben“ – so heißt das Restaurant seit 1970 – ein gastronomisches Alleinstellungsmerkmal in der Region. Zu verdanken hat Jürgen Faßbender dies vor allem seinem Talent und seinem guten Näschen. Viel mitbekommen habe er aber auch von seiner Großmutter und durch unzählige Restaurantbesuche, sagt er. Ein Vorbild seien für ihn die „Walliser Stuben“ in Düsseldorf gewesen, seinerzeit eines der führenden Restaurants in Deutschland. 

Wie Faßbender sagt, habe er nie nach Rezept gekocht. „Immer nur nach Kopf und Bauch.“ Den 77-Jährigen erfüllt es mit Stolz, dass die „Wielandstuben“ viele Gäste haben, die dem Restaurant schon seit Jahrzehnten die Treue halten. „Horst Heinze und seine Frau zum Beispiel kenne ich seit dem ersten Tag. Und sie besuchen mich auch heute noch.“ Zu vielen Gästen habe er in all den Jahren ein enges Vertrauensverhältnis aufbauen können. „Ich kenne ihre Geschichten, ihre Sorgen.“ 

Nur 4 Quadratmeter groß war anfangs die Küche.

Besonders stolz ist Faßbender auf den Westfälischen Gastronomiepreis, den er viermal hintereinander gewann. Warum macht ihn gerade das so stolz? „Weil das ein Publikumspreis und kein Kritikerpreis ist.“ Einen Stern habe er zwar nie erhalten, aber den habe er im Grunde genommen auch nie gewollt. „Denn der Druck, der dadurch entsteht, ist unmenschlich“, sagt Faßbender, den auch sein soziales Engagement ausgezeichnet hat, sei es für Kinder, die Aids-Hilfe oder die „Burundi-Kids“.

Nach dem Verkauf der „Wielandstuben“ wird Faßbender seinen Lebensmittelpunkt nach Köln verlegen. Ganz abbrechen werde er die Kontakte nach Hamm aber nicht. Er werde seinen Nachfolger beraten und zu bestimmten Anlässen in den „Wielandstuben“ sein.

Im Gegensatz zu seinem Noch-Chef hat Lukas Erfurth den Beruf des Kochs von der Pike auf gelernt: Bereits seit acht Jahren ist er als Chefkoch in den "Wielandstuben" tätig. Seine Ausbildung absolvierte er im Hotel Der Lennhof in Dortmund – jener Stadt, in der Erfurth auch aufgewachsen ist. Danach arbeitete er eine Zeit als stellvertretender Küchenchef im Sterne-Restaurant Hefter in Düren. „Anfang 2008 kam ich in die ,Wielandstuben’“, berichtet er. 

So manch eine Riesen-Torte hat Jürgen Faßbender kreiert.

Dort lernte er Ronja Diedrich (27) kennen, die gerade eine Ausbildung zur Köchin absolvierte. Während Erfurth in der Küche bleibt, wird seine - künftige - Frau als Gastgeberin auftreten. Dabei können die beiden auf ein eingespieltes Team setzen. Alle Mitarbeiter werden übernommen, angefangen von den Spülhilfen bis zum Restaurantleiter Hermann Oberle. Insgesamt gehören zum Team der „Wielandstuben“ 17 Mitarbeiter. 

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Viel ändern wollen die neuen Betreiber nicht. So werde man auch in Zukunft, sagt Erfurth, eine „gehobene gut bürgerliche Küche mit französischen Einflüssen anbieten“. Auch den Event-Service der „Wielandstuben“ werde es weiterhin geben, sagt Erfurth. Dass er in „große Fußstapfen“ tritt, ist dem 36-Jährigen bewusst. Allerdings werde er nicht ins kalte Wasser geworfen, sondern habe mehr als zehn Jahre mit Jürgen Faßbender zusammenarbeiten und dadurch viele Erfahrungen sammeln können. Und: „Koch war immer mein Traumberuf.“ 

Ihn und seine Frau freut es, dass die „Wielandstuben“ schon seit Jahren konstant gute Bewertungen von Gästen und Kritikern erhalten – und das nicht nur für die Küche, sondern auch für den Service. Denn auch das ist wichtig: „Die Gäste müssen sich bei uns wohlfühlen.“ Deutlich wurde das 2014/15: In der Kategorie „Gehobene Mittelklasse“ wurde das Restaurant zur Service-Oase in Gold ausgezeichnet.

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