Mitarbeiter 14 Tage in Quarantäne

Pechsträhne beim Friseur: Corona trifft „Kammbäck“ ins Mark

Motiviert nach der Zwangspause: Dietmar Kreutzburg und sein Team von „Kammbäck“ sind wieder im Einsatz.
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Motiviert nach der Zwangspause: Dietmar Kreutzburg und sein Team von „Kammbäck“ sind wieder im Einsatz.

Die Euphorie war vielerorts groß, als am 1. März die Friseure und etwas später auch weitere Dienstleister sowie Einzelhändler wieder öffnen durften. Wie schnell es allerdings gehen kann, dass ein Laden Corona-bedingt wieder schließen muss, zeigt unser Beispiel aus dem Hammer Süden.

Hamm – „Wir drehen uns im Kreis“, sagt Dietmar Kreutzburg und blickt mit einer Mischung aus Enttäuschung, Unverständnis und Ärger auf die Situation rund um seinen Friseurbetrieb „Kammbäck“ an der Werler Straße 235, die mit einem Anruf des Gesundheitsamtes vor über einer Woche begann. Inhalt des Gesprächs: Weil vier Tage nach der Wiedereröffnung ein unwissentlich mit dem Coronavirus infizierter Kunde den Laden betrat, mussten die sechs Mitarbeiter sowie weitere Kunden, die zu diesem Zeitpunkt vor Ort waren, in Quarantäne – wobei da bereits die ersten sieben Tage vorüber waren. (News zum Coronavirus in Hamm)

Trotz negativer Coronatests, wie Geschäftsinhaber Kreutzburg sagt, mussten die sechs Mitarbeiter die 14 Tage Quarantäne „voll machen“, schließlich handelte es sich bei dem Virus des Kunden um die britische Mutation. Einzige Ausnahme: eine Friseurin, die an jenem Tag, als besagter Kunde da war, frei hatte. „Sie musste nicht in Quarantäne, obwohl wir bis zum Anruf des Gesundheitsamtes noch tagelang zusammengearbeitet haben“, erzählt Kreutzburg verwundert über diese Entscheidung.

Die Quarantäne für ihn und seine Mitarbeiter ist seit Freitag beendet, sodass der Betrieb seit Samstag wieder normal läuft. Doch mit dem Ende der Quarantäne ist das Thema für Dietmar Kreutzburg noch lange nicht abgehakt. Denn die Frage, wie es weitergeht und was passiert, wenn er nach zwei Lockdowns und bereits zwei Quarantänen im Juli 2020 und jetzt im März noch einmal den Laden unverschuldet schließen muss, beschäftigt den Inhaber von „Kammbäck“ sehr.

„Wer schützt mich denn davor, dass das nicht noch mal passiert?“, fragt der Friseurmeister und sieht die Öffnung von Friseuren seit dem 1. März kritisch. „Ich hätte lieber noch gewartet“, sagt Kreutzburg, dem aber keine andere Wahl blieb, wie er erklärt.

„Kammbäck“ schließt nach Corona-Fall: Öffnung lieber später als früher

Denn hätte er seinen Friseurbetrieb nicht geöffnet, hätte er auch keinen Anspruch mehr auf Kurzarbeitergeld, erklärt er. „Es hat sich im Vergleich zur Zeit vor dem Lockdown ab Mitte Dezember doch nichts geändert. Man hätte vor der Wiedereröffnung erst impfen sollen“, merkt Kreutzburg an.

Weil das so schnell aber nicht möglich ist, überlegt er jetzt, das Thema Schutz vor Corona in die eigene Hand zu nehmen und einer erneuten, unverschuldeten Ladenschließung vorzubeugen: durch Selbsttests. Seine Mitarbeiter ziehen bereits mit und lassen sich regelmäßig auf das Coronavirus testen. Ob auch die Kunden diesen Weg mitgehen, möchte er in dieser Woche mit ihnen besprechen.

Wer schützt mich denn davor, dass das nicht noch mal passiert?

Dietmar Kreutzburg, „Kammbäck“

Das heißt also: Nur, wer einen aktuellen und negativen Coronatest vorweisen kann oder einem Selbsttest vor Ort zustimmt, würde einen Termin zum Frisieren bekommen. Ob es so kommt, ist aber völlig offen. Denn zunächst ist Dietmar Kreutzburg der Dialog zu diesem Thema wichtig.

„Kammbäck“ schließt nach Corona-Fall: 

Und der Friseurmeister betont noch etwas: Mit dem Selbsttest für Kunden gehe es nicht nur um die Sicherung der Existenz seines Ladens und seiner Mitarbeiter – er spricht von einem finanziellen Schaden von rund 150 000 Euro in 2020, weil der Laden an vier von zehn Monaten Corona-bedingt zu war –, sondern auch um einen gesellschaftlichen Beitrag, um die Pandemie einzudämmen.

Der Unternehmer glaubt daher fest daran, dass der Schlüssel für mehr Normalität für Bürger und Geschäftsleute im Testen liegt – solange, wie das Impfen noch nicht flächendeckend umgesetzt ist.

Das, was aktuell als Modellprojekt in Tübingen umgesetzt wird, wünscht sich Dietmar Kreutzburg auch für Hamm: Dass alle Geschäfte, Dienstleiter und Gastronomen wieder öffnen können und nur derjenige Zugang zu den Läden erhält, der einen negativen Coronatest vorweisen kann. An die Politik und insbesondere Oberbürgermeister Marc Herter hat er sich deshalb mit diesem Appell schon persönlich gewandt.

Die Lage in Hamm

Situationen wie bei „Kammbäck“ sind derzeit keine Seltenheit in Hamm – egal, ob in den 124 Friseurbetrieben in Hamm oder anderen Dienstleistern oder Einzelhändlern. Stadtsprecher Lukas Huster erklärt: „Als Ort einer Infektion ist bisher kein Friseurbetrieb in Hamm bekannt geworden. Dass infizierte Kunden (unwissend) einen Friseur besuchen und im Anschluss auch Mitarbeiter des Betriebs in Quarantäne müssen, kann immer mal vorkommen (wie in allen anderen Einrichtungen des täglichen Lebens auch).“ Eine Statistik dazu gibt es nicht.

„Kammbäck“ schließt nach Corona-Fall: 

„Ich fände es gut, wenn die Politik den Menschen mitnehmen würde“, sagt Kreutzburg. Mittlerweile würden längst nicht mehr alle beim Coronaschutz mitziehen. Ein Grund sei die vermeintliche Willkür hinter vielen Entscheidungen. Dabei möchte er eigentlich nur das tun, was er am liebsten macht: Kunden mit einem neuen Haarschnitt glücklich machen. Stattdessen war er zuletzt nur damit beschäftigt, die Kunden über die Quarantänesituation aufzuklären, Termine zu verschieben und Formulare auszufüllen, um seinen Anspruch auf Entschädigung geltend zu machen. Letzteres könne aber dauern. „Nach neun Monaten habe ich jetzt das Geld für die erste Quaräntephase im Juli 2020 erhalten“, erklärt er.

Jetzt, wo der Betrieb in seinem Salon wieder hochgefahren ist, hofft Kreutzburg nur eines: Dass es nicht erneut zum Lockdown oder einer unverschuldeten Quarantäne kommt. Denn auch wenn sein Unternehmen und die Mitarbeiter finanziell in einem solchen Fall eine Entschädigung erhielten, er selbst bleibe auf der Strecke. Denn: „Der Unternehmer selbst fällt durch das Raster.“ Die Angst vor einer erneuten Ladenschließung ist daher allgegenwärtig. „Wir drehen uns im Kreis“, wiederholt Kreutzburg und hofft, dass jeder einzelne seinen Beitrag dazu leistet, dass sich die Coronasituation bald endlich ändert. Die Teststrategie bei ihm, seinen Mitarbeitern und Kunden soll ein Anfang sein – wenn denn alle mitziehen...

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