Viertes Opfer meldet sich

Pädophiler Kaplan: Ein System des Vertuschens wird offenbar 

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Hamm - Das Bild ist so lückenhaft wie die Personalakte im Bistum Münster. Heinz Pottbäcker hatte offensichtlich Charme und einflussreiche Männer an der Seite, die seine pädophilen Taten deckten und vertuschten. Einer davon war der spätere Bischof Reinhard Lettmann, der 1971 als Generalvikar Pottbäckers Versetzungsurkunde von Bockum-Hövel nach Rhede (Kreis Borken) unterzeichnete. Aber es müssen noch mehr gewesen sein.

Was ist eine Woche im Vergleich zu 50 Jahren? Seit eben dieser einen Woche berichtet der WA über das, was sich vor 50 Jahren – von 1968 bis 1971 – in der Bockum-Höveler Christus-König-Gemeinde zugetragen hat. Fünf Jahrzehnte lang hat darüber niemand sprechen wollen, obwohl doch großer Redebedarf bestand.

Vorbehalte wiegen schwer

Vier Opfer – das letzte am Donnerstagabend – meldeten sich in der Redaktion und vertrauten dem WA ihre Leidensgeschichte an. In einer derart engen Taktung hat es so etwas in unserem Verlag noch nicht gegeben. Die Opfer waren damals elf bis 13 Jahre alt, und es besteht kein Anlass, die Schilderungen in Zweifel zu ziehen. Zwei von ihnen wohnen noch immer in Bockum-Hövel, einer in Uentrop und der Vierte im Bezirk Pelkum. Diese Männer hätten sich auch direkt ans Bistum wenden können, doch die Vorbehalte gegenüber der Institution Kirche wiegen in ihnen bis heute schwer. 

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Pottbäcker, und das ist das Erschreckende, verging sich offensichtlich in seinen drei Bockum-Höveler Jahren kontinuierlich an Jungen aus der Christus-König-Gemeinde. 1968 war er wegen einer Missbrauchstat in Waltrop vor dem Landgericht Bochum zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und ziemlich bald danach vom Bistum in die Christus-König-Gemeinde versetzt worden. Er wohnte im Pfarrhaus und sollte womöglich von Pastor Franz-Josef Küper unter Kontrolle gehalten werden. Fragen kann man die Beteiligten nicht mehr: Küper ist lange Jahre tot, Pottbäcker starb 2007 im Alter von 69 Jahren, und auch Bischof Lettmann verschied 2013 im Alter von 80.

Mehrere Übergriffe

Ziemlich bald nach seiner Ankunft verging sich der Kaplan am ersten dem WA bekannten Opfer. Bei Autofahrten geschah das, zu denen der Geistliche seine Lieblingsmessdiener gerne einlud und sie bisweilen auch ans Steuer seines VW Käfers ließ. Fünf oder sechs Übergriffe habe es gegeben, so der heute 59-Jährige. Und: Dieser Mann war im Winter 1970/71 auch dabei, als Pottbäcker mit vier Messdienern in seinem Käfer in den Skiurlaub nach Innsbruck fuhr, wo ein heute 57-jähriger Bockum-Höveler sein weiteres Opfer wurde.

VW Käfer überschlägt sich mehrfach

Auf dieser Fahrt nach Österreich kam der Kaplan mit seinem Käfer von der Fahrbahn ab. Mitten in der Nacht, irgendwo bei Erlangen. Der Wagen überschlug sich mehrere Male und war nur noch ein Schrotthaufen. Wie durch ein Wunder kamen alle Insassen mit leichteren Blessuren davon. Einer hatte einen Nasenbeinbruch, die anderen Schürfwunden und Prellungen. Geschlafen wurde nachts bei einem Geistlichen in Erlangen, der die Gruppe bei sich aufnahm. „Bis heute überlege ich, ob er bei dem Unfall nicht auch einen von uns auf dem Schoß hatte“, so der 59-Jährige.

Am nächsten Morgen telefonierte Pottbäcker mit dem Bistum Münster und berichtete von dem Unfall. Er bekam die Zustimmung, direkt vor Ort bei einem Händler einen neuen Wagen kaufen zu dürfen. Zwei Stunden später, so der 59-Jährige, hatte der Kaplan ein neues Auto und setzte die Fahrt mit der Gruppe nach Innsbruck fort.

Es geschah in Wenholthausen

Hatten bislang alle Opfer – das dritte war Schüler der Albert-Schweitzer-Schule gewesen und während einer Schulfreizeit von Pottbäcker missbraucht worden – vermutet, dass auch während der großen Sommerferien-Zeltlager, die die Gemeinde alljährlich im Sauerland durchführte – etwas geschehen sein müsste, so gibt es nun auch dafür einen Zeugen: Am Donnerstagabend meldete sich ein heute 57-Jähriger, der in jenem Wenholthausen dem Kaplan zum Opfer fiel. Der Geistliche sei zu ihm und seinem Zeltnachbarn ins Doppelzelt gekommen, habe sich zwischen die beiden Jungs gelegt und sich an ihnen vergangen.

1983 verurteilt

Keines dieser vier Opfer fand damals Gehör bei Eltern oder anderen Erwachsenen. Auch deshalb funktionierte das System des Vertuschens der Bistums-Oberen. 1971 – warum ist unklar – wurde Pottbäcker nach Rhede versetzt. Dort verging er sich an mindestens elf Kindern. Auch ein Mädchen soll darunter gewesen sein. Alle Taten – weder die in Hamm noch die in Rhede – wurden juristisch verfolgt. Nach seiner Abberufung aus Rhede war er an weiteren Orten in der Seelsorge im Einsatz, etwa als Religionslehrer an einer Berufsschule und als Pfarrer in Recklinghausen. Dort wurde er 1983 erneut wegen sexueller Handlungen an Jungen verurteilt.

Es kommt alles wieder hoch

Wer nun glaubt, Pottbäckers Übergriffe seien „schon nicht so schlimm“ gewesen, verharmlost an der falschen Stelle. In Rhede gibt es Opfer, die bis heute traumatisiert sind und erhebliche psychische Probleme – bis hin zu Suizidversuchen – davongetragen haben. In Hamm haben die Betroffenen die Übergriffe verdrängt und ausgeblendet. Doch jetzt, wo das Bistum Münster eine Aufklärungsoffensive im Fall Pottbäcker gestartet hat und der Name in den Medien auftaucht, kommt in ihnen alles wieder hoch. Immerhin: Vergleichbare Fälle wie den des Kaplans gibt es in Münster, so ein Bistums-Sprecher, bislang nicht.

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