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Osteuropa-Experte Prof. Gestwa: Der Westen hat versagt

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Von: Frank Lahme

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Klaus Gestwa ist Institutsleiter an der Uni Tübingen.
Russland- und Osteuropa-Experte aus Hamm: Klaus Gestwa ist Institutsleiter an der Uni Tübingen. © Gestwa

Politik und Wissenschaft haben versagt und den Krieg in der Ukraine erst möglich gemacht. Das ist eine der Thesen des Osteuropa-Experten Prof. Klaus Gestwa aus Hamm.

Hamm/Tübingen – Im Gespräch mit WA.de analysiert der aus Hamm stammende Wissenschaftler das aktuelle Geschehen in der Ukraine und gibt einen Ausblick. Zur Person: Prof. Dr. Klaus Gestwa leitet an der Universität Tübingen das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde. Der 58-Jährige wuchs in Hamm auf, spielte beim VfL Mark in der Fußball-Kreisliga und machte sein Abitur am Gymnasium Hammonense. (Sonderressort „Hamm und der Ukraine-Krieg“: hier klicken.)

Gestwa hat unter anderem in Moskau und Leningrad studiert und war Gastwissenschaftler an der University of Chicago. Er hat mehrere Bücher über Russland, die Sowjetunion und russische Revolutionen veröffentlicht. Der Osteuropa-Experte lebt seit 1994 in Tübingen, ist seit 32 Jahren mit einer Russin verheiratet und Vater von fünf Kindern. Regelmäßig besucht er mit der Familie seine Eltern in Werries.

Der Krieg in der Ukraine tobt seit mehr als einer Woche. Herr Gestwa, was hat Sie überrascht – abgesehen von dem Umstand, dass die russischen Truppen nur langsam vorankommen?

Das ist die bewundernswerte Wehrhaftigkeit der Ukraine. Dieser enorme Widerstand, der jetzt geleistet wird, demonstriert sehr eindrucksvoll, was wir schon vorher alle geahnt haben: nämlich, dass die ukrainischen Menschen durch die seit Jahren immer wieder fortgesetzte russische Aggression eine sehr starke Verbundenheit zu ihrem Land und Staat entwickelt haben. Sie kämpfen aufopferungsvoll für ihre Eigenständigkeit. Diesen Punkt haben wir alle unterschätzt.

Was ist die Konsequenz?

Die Wehrhaftigkeit der Ukraine führt jetzt zu einem erheblichen Druck auf den Kreml, weil der erhoffte Triumph ohne Verluste ausgeblieben ist. Die russische Gesellschaft muss jetzt für Putins Angriffskrieg einen hohen Blutzoll bezahlen. Die Ausmaße sind noch nicht bekannt, aber das wird auch für die russische Seite in die tausende, wenn nicht zehntausende Tote gehen. Das hat zur Folge, dass in Russland die Zahl derjenigen, die den Krieg gegen die Ukraine ablehnen, immer weiter wachsen wird. Es gibt heute in Russland im Unterscheid zu 2014, als die Krim annektiert wurde, keinen Hurra-Patriotismus. Wir können jetzt beobachten, dass besorgte Mütter zunehmend danach fragen, was eigentlich mit ihren Söhnen passiert. Ich selbst kenne weder in meinem russischen Familienzweig noch unter meinen vielen russischen Bekannten jemanden, der über diesen Krieg nicht entsetzt wäre. Die meisten schämen sich in Grund und Boden für ihr Land und sagen, dass Putin nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland in Geiselhaft genommen hat.

Trotzdem heißt es, dass 60 bis 70 Prozent des russischen Volkes hinter Putin steht. Haben Sie Erkenntnisse, dass diese Zustimmung möglicherweise kippt?

Diese Meinungsumfragen haben sich im Wesentlich darauf bezogen, ob es eine Zustimmung für die Anerkennung der so genannten ostukrainischen „Volksrepubliken“ gibt. Sie stammen vom 23. Februar, also noch vor dem eigentlichen Kriegsbeginn. Damals haben tatsächlich viele gesagt, dass sie Putins Schritt befürworten. Aber nachdem jetzt der Kriegsschrecken über die Ukraine hereingebrochen ist, kann man beobachten, dass in der russischen Gesellschaft pazifistische Töne deutlich zunehmen. Putin hat selbst immer von der Ukraine als Brudervolk gesprochen. Das hat schnell zu dem Slogan geführt: Auf Brüder schießt man nicht, warum machen wir das? Zudem ist deutlich geworden, wie rücksichtslos die russische Armee mit ihren eigenen Soldaten umgeht. Wehrpflichtige werden gezwungen, Verträge zu unterschreiben und werden unter dem Vorwand, sie würden ins Manöver ziehen, in die Ukraine geschickt. Das sickert immer mehr durch. Genauso wie die Bilder von gefallenen Soldaten, die sich über Social Media verbreiten. Das Kriegsgrauen ist auch in Russland angekommen.

Aber die Fernsehbilder zeigen, dass jeder öffentliche Protest konsequent niedergemacht wird...

Es ist in Russland verboten, öffentlich von einem Krieg zu sprechen. Die russische Berichterstattung spricht lediglich von einer „militärischen Spezialoperation“. Diese Sprachregelungen deuten schon darauf hin, dass der Kreml mächtig Angst davor hat, dass sich Kriegsunmut in der russischen Bevölkerung weiter verbreitet. Ich bin überrascht, wie viele Leute sich zu Wort gemeldet haben. Es gibt unterschiedlichste Petitionen die gegen den Krieg gerichtet sind und die von vielen meiner Kollegen unterschrieben worden sind.

Aber wird dieser Protest etwas bewirken?

Das ist die entscheidende Frage. Ich glaube nicht, dass dieser zivilgesellschaftliche Protest – so bewundernswert er auch ist – den Kreml tatsächlich zum Einhalten bewegen kann. Wenn das Kreml-Syndikat aufgesprengt werden kann, dann muss das von den ökonomischen und politischen Eliten ausgehen. Einflussreiche Personen, die bislang vom Kreml-Regime profitiert haben, müssen sich offen gegen Putin stellen. Wir konnten beobachten, dass selbst die Präsidialadministration Putins unmittelbar nach dem Kriegsbeginn unter Schock gestanden hat. Und es gibt nun einige Oligarchen, die sich schon ein wenig von Putin abgesetzt haben. Am Donnerstag ging die Meldung herum, dass das große russische Ölunternehmen Lukoil, das in Privatbesitz ist, sich vehement für Frieden ausgesprochen hat.

Was überwiegt bei Ihnen: Die Zuversicht oder die Skepsis und der Pessimismus?

Das schwankt bei mir von Tag zu Tag. Ich hoffe und wünsche mir eine Welt ohne Putin. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Solange dieser Mann im Kreml das Sagen hat, wird Europa, wird die Welt nicht mehr zur Ruhe kommen. Es gibt diesen in den Medien oft aufgegriffenen Vergleich: Putin ist mit seiner Aggressionspolitik die Palme bis ganz nach oben heraufgeklettert. Es gelte, ihn nun mit Lockangeboten auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Ich muss sagen: Mir wäre es viel lieber, der Ast, an den sich Putin klammert, würde abbrechen, so dass der Kreml-Chef brutal abstürzt und damit ein für allemal im politischen Nirvana verschwindet

Der französische Präsident Macron hat mitgeteilt, dass Putin nicht nachgeben und dass es sehr blutig werde. Welche weiteren Kriegsszenarien erwarten Sie?

Ich habe gerade mein Wunschszenario geschildert. Aber wahrscheinlich ist, dass Putin die Ukraine mit aller militärischer Zerstörungsmacht zur Kapitulation bomben wird, um dann durch ein Friedensdiktat eine Art ukrainischen Vasallenstaat zu schaffen und dabei Russland große Gebiete der Ukraine zuzuschlagen. Es ist ein besonders blutiger und brutaler Weg, der sich abzeichnet. Macron hat mit seiner Einschätzung bedauerlicherweise recht. Mir und allen anderen Osteuropaexperten fallen unmittelbar die Bilder aus den nach russischen Bombenangriffen total zerstörten Großstädten Aleppo und Grosny ein. Realistisch müssen wir davon ausgehen, dass in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten der Ukraine ein unsägliches Blutbad droht. Putin muss diesen Krieg unbedingt gewinnen. Er wird dafür alles mobilisieren und dabei keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen.

Die Menschen hier sorgen sich, dass der Krieg sich nicht nur auf die Ukraine beschränken wird. Sie auch?

Putins großes politisches Ziel ist es, Russland zur alles dominierenden Großmacht in Europa zu machen. Ja, aktuell wird auch unsere Freiheit am Dnepr verteidigt. Und es ist beschämend, dass wir mit einer viel zu weichen Politik gegenüber Putins Russland zugelassen haben, dass die Ukraine zum Schlachtfeld geworden ist. Das ist der Punkt, der die Politik und uns Osteuropa-Wissenschaftler aktuell so sehr bewegt: Wir haben versagt. Aber wer jetzt nicht mit der Ukraine fühlt, der ist nicht nur herzlos, sondern auch komplett ignorant gegenüber den zukünftigen Gefahren. Jetzt müssen wir Klartext reden und tatsächlich Kante zeigen. Der Westen wird sich militärisch nicht in der Ukraine engagieren. Das würde den dritten Weltkrieg heraufbeschwören. Deshalb sind wir es der Ukraine schuldig, gegenüber Russland ein Maximum an Sanktionen zu verhängen, auch wenn dies uns selbst einiges zumutet. Aktuell reichen dort die finanziellen Ressourcen noch, sie werden aber ziemlich bald verbraucht sein. Dann droht dem nun international weitgehend isolierten Russland der ökonomische Niedergang. Daran wird auch die Unterstützung aus Peking nicht viel ändern. Wir sollten in Deutschland vor den kommenden wirtschaftlichen Herausforderungen keine Angst haben, denn das ist das, was Putin will. Wenn wir jetzt nicht bereit sind, unseren ökonomischen Preis für die Ukraine zu zahlen, wird der Preis, den wir in Zukunft für uns und für ganz Europa zu zahlen haben, um ein Vielfaches höher sein.

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