Dramatische Tage in Hamm

An Ostern 1945 endete der Krieg in Hamm mit einem letzten, sinnlosen Blutvergießen

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April 1945: Amerikanische Soldaten in Hamm. Im Hintergrund links ist das Gebäude Marktplatz 9 (heute Kind Hörgeräte und Optik) und ein Teil des Pauluskirchenschiffs (Mitte) erkennbar. Das Bild stammt aus einem Film des LWL (siehe unten).

Hamm – In den letzten Märztagen des Jahres 1945 war der Krieg im Westen verloren. Die Alliierten hatten den Rhein überschritten und kesselten das Ruhrgebiet ein. Eine Stadt nach der anderen kapitulierte. In Hamm saßen die Menschen in überfüllten Bunkern und Kellern, sie warteten auf den Einmarsch der Amerikaner. Doch deutsche Truppen wollten die Stadt verteidigen. Der Zweite Weltkrieg endete in Hamm vor 75 Jahren mit einem letzten, sinnlosen Blutvergießen.

Die Hammer hatten bereits 23 schwere Luftangriffe hinter sich, als 150 britische Lancaster-Bomber am 27. März 1945 mittags Kurs auf die Stadt nahmen. Ihr Ziel waren zwei Benzolbetriebsanlagen, die in Flammen und dichtem Rauch aufgingen. Getroffen wurde auch die Zeche Sachsen, vermutlich ein Kollateralschaden, die Bergwerke waren von den Briten als nicht sonderlich bedeutend für die deutsche Kriegswirtschaft eingestuft worden.

Die Bomben trafen ein Barackenlager russischer Kriegsgefangener an der Sandstraße. Mindestens 157 Menschen starben, die genaue Zahl wurde nie ermittelt.

Geschützlärm aus Ahlen war in der Hammer Innenstadt zu hören 

Die Front bewegte sich derweil auf Hamm zu. Am Karsamstag, dem 31. März, standen US-Truppen vor Ahlen und Drensteinfurt. Der Geschützlärm war in der Hammer Innenstadt zu hören, in der Osternacht schlugen Artilleriegeschosse in mehreren Altstadtstraßen ein.

Am Ostersonntag (1. April) besetzten die Amerikaner Heessen. Der Sturm auf die Stadt stand bevor. Mehr als 30.000 Hammer drängten sich in Bunkern und Kellern. Doch wer auf eine kampflose Übergabe Hamms gehofft hatte, wurde enttäuscht.

Frauen und Kinder sollten die Stadt verlassen

Nachmittags wurde im Luftschutzbunker Nr. 6 an der Widumstraße bekanntgegeben, dass Hamm verteidigt werden soll. NSDAP-Kreisleitung und Oberbürgermeister forderten die Bevölkerung auf, Frauen und Kinder nach Süden in den Kreis Unna zu bringen. Nur wenige kamen dem nach.

Am Morgen des Ostermontags (2. April) setzte starkes Artilleriefeuer auf die Stadt ein. US-Infanteristen drangen von Norden aus über die Brücken in die Innenstadt vor. Während es deutschen Truppen gelang, die Münsterstraßenbrücke zu sprengen, blieb die Eisenbahnbrücke intakt.

Die Eisenbahnbrücke blieb intakt - der Weg in die Stadt war frei 

Ein Hammer Rechtsanwalt, damals Hauptmann bei der 116. Panzerdivision, soll die zuständigen Offiziere überzeugt haben, die Brücke zu schonen. Um Kriegsgerichten zu entgehen, ließen sie eine zu niedrig berechnete Sprengladung detonieren.

Ob dies Wahrheit oder eine die Militärs entlastende Legende ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Doch damit war der Weg für das 331. US-Infanterie-Regiment frei.

Die Soldaten kämpften sich entlang der Schienen bis zum Bahnhof und zur Hauptpost vor, um sich dort zu verschanzen. Um 11 Uhr begann der deutsche Gegenangriff, die Amerikaner setzten „alle verfügbaren Waffen“ ein, um die Deutschen aus der Bahnhofsunterführung und den umliegenden Häusern zu vertreiben, wie es in Aufzeichnungen der US-Armee heißt.

Das letzte Aufgebot der Deutschen: Jungen ohne Gewehre und Pistolen los 

Die deutsche Seite mobilisierte das letzte Aufgebot. Von Unna aus war eine SS-Einheit nach Hamm geschickt worden und sammelte sich mit Hitlerjugend und Volkssturm im Schulkomplex an der Lessingstraße.

Der Polizeimeister Erich Bulian sah am Ostermontag, wie SS-Männer eine Gruppe von Hitlerjungen zum Bahnhof führte. „Alles so Jungs, kein Gewehr, keine Pistole, nur eine Panzerfaust hatte jeder“, erinnerte sich Bulian später. „Sie wurden vom Bahnhof aus beschossen. Dann lagen sie da tot auf dem Bahnhofsvorplatz. Alles so Jungs von 15 und 16 Jahren. Es war erschütternd.“

In der Nacht und am folgenden Dienstag (3. April) griffen deutsche Verbände erneut an. Selbst Köche und Munitionsträger der Amerikaner griffen jetzt zur Waffe und kämpften mit. Die SS versuchte einen Leitstand auf dem voll besetzten Luftschutzbunker Nr. 7 an der Feidikstraße einzurichten, ein Arzt soll sich dem erfolgreich widersetzt haben.

Oberbürgermeister verlässt die Stadt

Am Mittwoch (4. April) rückten die US-Truppen über die Brüderstraße bis zur Klosterbrauerei vor, in der folgenden Nacht beschossen sie ihre Gegner im Hammer Osten. Erste deutsche Einheiten setzen sich ab.

Oberbürgermeister Erich Deter verließ die Stadt am Donnerstag (5. April). Seit 1933 stand der NSDAP-Politiker an der Stadt- und örtlichen Parteispitze, alle nationalsozialistischen Schandtaten hatte er mitgetragen. In den letzten Kriegstagen scheint selbst ihm der Endzeit-Fanatismus zu viel geworden zu sein. Er lehne eine Verteidigung Hamms „bis zum letzten Mann“ ab, soll er Gauleiter Albert Hoffmann gesagt haben.

Späterer Stadtbaurat übernimmt Stadtführung

In Hoffmanns Hauptquartier bei Hagen musste er sich rechtfertigen. In Hamm übernahm Emil Haarmann die Verwaltung. Der spätere Stadtbaurat zog sich mit den Resten der Stadtführung in die Polizeidirektion an der Hohen Straße zurück. Geschossen wurde immer noch.

Zwischen Grünstraße und Gallberger Weg tobten letzte Infanteriekämpfe, die 15 Soldaten auf beiden Seiten das Leben kosteten. Dann setzten sich die Deutschen in Richtung Werl ab. An der Widumstraße erlaubten US-Offiziere den Menschen im Bunker, nach Hause zu gehen.

Außerhalb Hamms war es mitunter genauso gefährlich wie in der Stadt. Die Bäckersfamilie Pollmeier war seit September ausgebombt, lebte in einem Behelfsheim in Vellinghausen und hatte sich von dort aus auf ein Gut bei Dinker geflüchtet. 

Am 5. April machten die Pollmeiers sich auf, um in den leeren Häusern nach dem Rechten zu sehen. In Eilmsen gerieten sie zwischen die Frontlinien, eine Kugel traf Tochter Marianne (21) ins Bein.

Schwerverletzte stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus

Eine Bauerfamilie verweigerte die Erste Hilfe, erinnert sich ihre Schwester Renate Hering, damals acht Jahre alt. Später nahmen US-Soldaten die Schwerverletzte mit, sie starb auf dem Weg ins Hospital, die Familie hat noch drei Wochen lang nach ihr gesucht.

Der Wehrmachtsbericht meldete am 6. April: „Im Südteil von Hamm wurde der Gegner abgewiesen, über die Lippe vorgedrungene Kräfte zurückgeworfen.“ An jenem Feitagmorgen besetzten die Amerikaner die Polizeidirektion und sperrten erst einmal alle Deutschen in den Keller.

Zwangsarbeiter plündern die Geschäfte

Offiziell war der Krieg in Hamm damit beendet.  Die Bevölkerung konnte Bunker und Keller verlassen, es galt jedoch eine Ausgangssperre zwischen 12 Uhr mittags und 9 Uhr am nächsten Morgen. Polnische und russische Zwangsarbeiter zogen durch die Innenstadt und plünderten Geschäfte.

Außerhalb Hamms wurde weitergekämpft. Gauleiter Hoffmann ließ Oberbürgermeister Deter nicht wie erwartet hinrichten, sondern schickte ihn zum „Endkampf“. Bei Fröndenberg ist Deter am 2. Mai unter ungeklärten Umständen von US-Soldaten erschossen worden.

Gauleiter verfügte Ermordung von Zwangsarbeitern - und erhielt später eine geringe Haftstrafe

Hoffmann selbst hatte in den letzten Kriegstagen noch die Ermordung zahlreicher Zwangsarbeiter und die bedingungslose Verteidigung der Städte verfügt; Anfang Mai tauchte er unter. Er hatte sich als Landarbeiter getarnt, als die britische Militärpolizei ihn im Oktober 1945 verhaftete.

Er verbüßte später eine geringe Freiheitsstrafe, war als Unternehmer erfolgreich und starb 1972 unbehelligt.

Hamm war ein Trümmerfeld, 60 Prozent der Gebäude zerstört

Hamm war im April 1945 ein Trümmerfeld. Etwa 60 Prozent der Gebäude waren beschädigt oder zerstört, etwa 1200 Menschen im Luftkrieg und rund 250 bei der Eroberung der Stadt ums Leben gekommen.

Etwa 150 jüdische Bürger waren von den Nationalsozialisten ermordet worden, weitere gut 250 der Vernichtung durch Flucht und Emigration entkommen. Wie viele Soldaten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Hamm ums Leben kamen, lässt sich nicht feststellen.

Infos: Hier gibt es Filmmaterial zum Thema

Das Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) stellt in der Coronakrise sämtliche Filme im Download-Bereich seines Medien Shops frei zur Verfügung. Interessierte finden hier das gesamte Filmangebot: http://westfalen-medien-shop.lwl.org/download-medien/. Darunter ist auch der Film „Als die Amerikaner kamen. US-Filmaufnahmen vom Kriegsende 1945 in Westfalen."

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