Ortsheimatpfleger erinnert an Bomben auf Holsen

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Auf dem Ehrenfriedhof an der Oberholsener Straße fanden viele, die durch die Bomben auf Bockum-Hövel gestorben sind, ihre letzte Ruhestätte. Auch heute noch kommen dorthin Angehörige, um der Getöteten zu gedenken.

BOCKUM-HÖVEL - Im Jahre 1958 hat die damals junge Stadt Bockum-Hövel aus Anlass der 50. Wiederkehr der Gründung des Amtes Bockum-Hövel eine lesenswerte heimatkundliche Schrift der Autoren Artur Schauerte und Fritz Schumacher allen Haushalten geschenkt.

Fünf Jahrzehnte später, also zum „100-Jährigen“ dieses Ereignisses, wurde dieses Buch „Das Werden und Wachsen von Bockum-Hövel“ neu aufgelegt und ist auch heute noch im Buchhandel und im Bürgeramt zu erwerben.

Wer in diesen Tagen daraus das Kapitel „Der Zweite Weltkrieg“ liest und hier insbesondere seine Auswirkungen vor Ort, kann sich gerade ansatzweise in diese grausame Zeit hineindenken – außer als selbst Betroffener.

Den ersten Angriff auf Bockum-Hövel durch die britische Luftwaffe gab es nach den Ausführungen von Fritz Schumacher in der Nacht des 25. Mai 1940. Sieben Häuser wurden dabei schwer und 33 leicht beschädigt. Ein Verletzter war zu beklagen. Die Royal Air Force wagte einen Einflug bei Tage in den ersten Kriegsjahren nicht, da sie die Abwehr durch deutsche Jäger und Flak fürchtete.

Am 19. November 1943, also vor jetzt 70 Jahren, gab es einen weiteren Angriff der britischen Luftwaffe. Dabei nahmen, wie der Bockumer Ortsheimatpfleger Günter Bachtrop recherchierte, die Anwesen Berkhoff, Reher und Jochmann (heute Buschkötter) in Unterholsen und Döbbe in Oberholsen erheblichen Schaden.

Beim jährlichen Fahrrad-Kreuzweg am Karfreitag erinnert Günter Bachtrop immer an die Geschichte des Kreuzes am Hof Berkhoff, das auf ein Gelübde des 1820 geborenen Heinrich Berkhoff zurückgeht. Er war in jungen Jahren an lebensbedrohendem Brustfieber (heute Lungenentzündung) erkrankt. In der Nazi-Zeit wurde der Korpus des von ihm gestifteten Kreuzes häufig mit Steinen beworfen und zum Schutz daher auf dem Balken des Bauernhauses gelagert.

Als nach dem Bombenangriff am 19. November 1943 die Löscharbeiten beendet waren, fand man – so die mündliche Überlieferung – den Korpus völlig unversehrt auf der Mitte des Bauernhofes wieder. Niemand konnte erklären, wie er dorthin gekommen war.

Die nur wenige hundert Meter entfernten Anwesen Reher und Jochmann gingen ebenfalls in Flammen auf. Der Familie Reher wurden zunächst zwei Zimmer auf dem benachbarten Hof Oestermann zugewiesen; die Familie Jochmann fand vorübergehend Unterkunft im Gemeindehaus an der ehemaligen Badeanstalt an der Horster Straße. Bei den Löscharbeiten bei Jochmann kam ein Feuerwehrmann zu Tode. Sein Gedenkstein findet sich auf dem Bockumer Friedhof.

Fast an ein Wunder grenzt, dass auf dem Hof Döbbe in Oberholsen die Söhne Theo, Ferdi und Heinz den Angriff in den frühen Abendstunden des 19. November 1943 lebend überstanden haben. Ihre Mutter war an diesem Tage, an dem die Kirche das Fest der Heiligen Elisabeth feiert, zum Namenstagskaffee bei der Oma in Hövel. Die Jungen, die sonst wegen der häufigen nächtlichen Alarme in der Regel schon gegen 18 Uhr von ihr ins Bett geschickt wurden, blieben an diesem Abend länger auf und spielten mit dem Opa Ludolf Stenkamp in der Küche Karten. Das bedeutete ihre Rettung nach dem Einschlag einer Luftmine in nur 20 Meter Entfernung vom Haus.

Eine wenige Wochen zuvor gezogene massive Außenwand stürzte durch die große Sprengkraft in den Schlafraum der drei Söhne.

Die Familie – Vater Theo Döbbe war noch im Kriegsdienst in Berlin – fand eine Bleibe auf dem Hof des Nachbarn Hermann Knippenkötter (heute Leifeld) auf der Heide.

Ortsheimatpfleger Günter Bachtrop plant für das kommende Jahr, wenn sich die schwersten Bombenangriffe auf Bockum-Hövel am 26. September, 2. und 25. Oktober 1944 ebenfalls jähren, die Befragung von Zeitzeugen zu diesen dramatischen Ereignissen, die dann 70 Jahre zurückliegen.

Viele der an diesen Tagen zu beklagenden Bombentoten haben ihre letzte Ruhestätte auf dem Ehrenfriedhof an der Oberholsener Straße gefunden. Durch den Luftkrieg wurden in Bockum-Hövel insgesamt 166 Menschen getötet und 313 verwundet.

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