Insolvenz

Ohne Feiern keine Verkäufe: „Modeschlösschen“ in der Weststraße gibt als Folge von Corona auf

Insolvenzmasse: Ohne Hochzeiten, Bälle und Schützenfeste hängen die Kleider bleischwer auf den Ständern. Annette Weige (Modeschlösschen) zog die Konsequenzen.
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Insolvenzmasse: Ohne Hochzeiten, Bälle und Schützenfeste hängen die Kleider bleischwer auf den Ständern. Annette Weige zog die Konsequenzen.

Wer braucht Brautmoden, Abendgarderobe und Schützenausstattung in einer Zeit ohne Trauungen, Bälle und Vogelschießen? „Unser Sortiment braucht momentan kein Mensch“, sagt Annette Weige vom „Modeschlösschen“ in der Weststraße. Genau deshalb hat sie am Montag vergangener Woche ihren Laden abgeschlossen. An diesem Standort für immer.

Hamm-Mitte – „Corona hat mich lahmgelegt“, sagt die Geschäftsfrau, die seit gut 15 Jahren in diesem Segment in Hamm am Markt ist und sich nun gezwungen sah, Insolvenz anzumelden. Mit dem ersten Lockdown im März wurden allein bis Ende April 72 von 120 angemeldeten standesamtlichen Trauungen in Hamm abgesagt. Übers Jahr heiraten in Hamm rund 900 Paare standesamtlich. (News zum Coronavirus.)

Die Absage von Hochzeiten hat Annette Weige schmerzhaft gespürt. Bis Mai seien ihr 49 Brauttermine weggebrochen, also 49 potenzielle Kundinnen und Gesellschaften verloren gegangen. Was dann geschah, ist für sie völlig absurd.

Negative Folgen einer guten Tat

Um den Betrieb am Laufen zu halten tat sie das, was viele andere auch taten: Weige und ihre Mitarbeiterinnen nähten Masken. Auf 3.000 bis 4.000 schätzt sie die Zahl. Einen Teil verkaufte sie im Laden, einen Teil spendete sie, der Rest lagert noch. „Nach einem Monat war das Thema vorbei, weil dann wieder Einwegmasken lieferbar waren“, sagt Weige.

Der gute Gedanke, sich über Wasser zu halten, habe sich schnell negativ ausgewirkt: „Weil ich Einnahmen hatte, habe ich keine Soforthilfe bekommen. Ich bin dafür bestraft worden, dass ich etwas versucht habe. Insofern wäre es vielleicht besser gewesen, keine Einnahmen zu erzielen.“ Inwieweit Weige ihre Insolvenz hätte abwenden können, hätte sie finanzielle Hilfen bekommen, kann sie nur mutmaßen. „Wahrscheinlich wäre es nur ein Aufschub gewesen, denn an der Situation hat sich ja wenig geändert.“

Briefe bleiben unbeantwortet - Weige sauer auf die Politik

Auch eine zweite Soforthilfe habe sie nicht erhalten. Persönliche Schreiben an Landes- und Bundesministerien mit dem Hinweis auf die Not der Branche seien unbeantwortet geblieben. Weige ist sauer auf die Politik, fühlt sich als Geschäftsfrau im Stich gelassen. „Im Gegensatz zu anderen Gewerben haben wir keine Beachtung gefunden“, sagt sie.

Ausdrücklich betont sie, vor Corona sei der Betrieb wirtschaftlich gesund gewesen, habe gute Ergebnisse und Jahresabschlüsse erzielt. Jetzt muss sich Weige, die ihre eigene Geschäftsführerin war und bis zu sechs 450-Euro-Kräfte beschäftigte, arbeitslos melden. Der Strom im Ladenlokal ist abgestellt, um die noch vollen Kleiderständer und die Ware in den Regalen kümmert sich nun der Insolvenzverwalter.

Auch Weihnachtsgeschäft gestorben

Seit 2014 war Weige mit dem Modeschlösschen in dem 300 Quadratmeter großen Ladenlokal auf zwei Etagen in der Weststraße, vorher an der Nordstraße. Eine wirtschaftlich vernünftige Führung des Betriebs sei nicht mehr möglich gewesen, deshalb habe sie schon jetzt und nicht erst zum Jahresende Insolvenz angemeldet.

Laufende Kosten, Einkauf und Erlöse hätten in keinem Verhältnis mehr gestanden. Auf dem Weihnachtsmarkt hatte sie in der veranstaltungsarmen Zeit mit dem Verkauf von Mützen und Schals stets einen Ausgleich erzielt, doch auch das ist in diesem Jahr gestorben.

KfW-Kredit für Weige keine Option

Einen KfW-Kredit über 100.000 Euro hätte sie haben können. „Für eine Branche, von der niemand weiß, wann sie wieder Umsätze macht“, sagt sie. Das sei keine Lösung.

Kurz nachdem Hamm im Zusammenhang mit einer türkischen Hochzeit Anfang September zum Corona-Hotspot geworden war, sagte Weige vor laufender Kamera eines TV-Senders: „Unsere Existenz steht auf dem Spiel, Wenn es so weiter geht, wird es uns zum Jahresende nicht mehr geben.“ Sie sollte Recht behalten, nur trat der Fall für sie schon früher ein.

Aber Renate Weige denkt auch noch positiv: „Ich werde zurückkommen, wenn die Lage stabil ist. In meinem Segment, aber unter anderen Voraussetzungen.“

Bislang ist in Hamm die große Insolvenzwelle in Folge der Corona-Pandemie ausgeblieben. Allerdings erwischte es mit dem Herrenausstatter Benvenuto als erster prominenter Name ebenfalls ein Geschäft aus der Modebranche. Auch der „Oriental Palast“ war zwischenzeitlich insolvent, machte aber kurz darauf als „Kaisergarten“ wieder auf.

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