Rückblick und Ausblick für die Stadt in Corona-Zeiten

"Anstrengendste Phase der Amtszeit" - Hammer OB im Kontaktlos-Interview

Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann spricht via Internetverbindung über die Lage in Hamm.
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Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann spricht via Internetverbindung über die Lage in Hamm.

Seit ein paar Wochen ist alles anders – in der Welt, in Deutschland, in Hamm. In vielen Bereichen steht das Leben still, in anderen ist es ins Rotieren gekommen wie nie zuvor. Das spürt auch Thomas Hunsteger-Petermann.

Hamm – Der Oberbürgermeister würde in einem normalen April über Baufortschritte in der Stadt sprechen, ganz nüchtern über Haushaltsfragen oder seine Pläne, die Wiederwahl im September zu sichern. In diesen Tagen aber geht es im Interview mit WA.de um Fallzahlen, Krisenstäbe und Ansteckungsängste. Zudem sitzt man sich beim Gespräch zwar gegenüber, aber jeder an seinem Arbeitsplatz – es ist ein OB-Online-Interview.

Herr Hunsteger, willkommen in unserem Konferenzraum und zu der Premiere, via Internet miteinander zu sprechen. Und damit direkt zur Corona-Krise: Wie sieht im Moment eigentlich Ihr Arbeitsalltag aus?

Völlig unterschiedlich. Derzeit arbeite ich sieben Tage die Woche. Meistens ist um 10 Uhr große Hektik und zum Nachmittag wird es dann ein wenig ruhiger. In den ersten Tagen der Krise gab es sehr viel zu tun. Wir mussten die Mitarbeiter einteilen und eine Führungscrew zusammenstellen und definieren, wer wofür zuständig ist. Jeden Tag müssen weitreichende Entscheidungen getroffen werden, für die es keine Blaupause gibt. Das ist mitunter sehr anstrengend.

Das funktioniert aber gut?

Nach meiner Einschätzung schon. Ich kann nicht behaupten, dass alles reibungslos gelaufen ist, aber im Großen und Ganzen schon sehr gut.

Wie treffen Sie Entscheidungen, um die Ausbreitung von Corona in Hamm einzuschränken?

Zum einen orientieren wir uns eng an den Richtlinien des Robert-Koch-Institutes. Alles andere entscheiden wir im Verwaltungsvorstand oder in vielen Stäben, die alle mit der Corona-Krise betraut sind. Da geht es zum Beispiel darum, wie die Telefonhotline organisiert werden oder wie auf veränderte Situation reagiert werden kann.

Mit wem stehen Sie in ständigem Kontakt?

Neben den Ärzten unseres Gesundheitsexperten stehen wir im ständigen Kontakt mit Dr. Löb von der Barbara-Klinik sowie allen Krankenhäusern und der Kassenärztlichen Vereinigung.

Die Krisenbewältigung läuft in der Stadt allem Anschein nach recht konstruktiv: Leiten Sie aus dieser Arbeit auch etwas für die Zukunft ab?

Da bin ich mir ziemlich sicher. Wir lernen in dieser Zeit alle, mit digitalen Medien umzugehen. Wir haben wöchentlich eine Telefonkonferenz mit Düsseldorf und dem Deutschen Städtetag. So langsam kommt da Routine rein; auch beim Thema „Videokonferenzen“. In gewisser Weise bringt dieser Arbeitsablauf auch Vorteile mit sich. Entscheidungen werden offensichtlich schneller getroffen. Es gibt kürzere Kommunikationswege und weniger Diskussionen.

Würden Sie sich das auch für die Zukunft wünschen?

Wenn die Krisensituation vorbei ist, müssen wir bestimmte Diskussionskulturen auch wieder pflegen. Aber im Moment habe ich den Eindruck, dass ich mich über alle Parteigrenzen hinweg darauf verlassen kann, dass alle an einem Strang ziehen. Wenn Vorschläge kommen, sind sie in der Regel konstruktiv und unterstützend.

Es wurden zur Eindämmung der Krise drastische Maßnahmen beschlossen: Welche Schließung oder Absage trifft die Stadt Ihrer Meinung nach am stärksten?

Eigentlich treffen uns alle Maßnahmen gleich. Das kann man schlecht auf eine einzelne Maßnahme reduzieren: Wenn Geschäfte geschlossen haben, wenn Betriebe in Existenznöte kommen, dann spüren wir das auch als Stadt – inhaltlich und finanziell.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube aber, dass wir den Höhepunkt noch nicht hinter uns haben: Allerdings bin ich kein Prophet. Ich glaube nicht, dass nach dem 19. April alle Reglementierungen aufgehoben werden. Im günstigsten Fall werden sie ein wenig abgeschwächt. Es könnte aber auch noch eine zweite Welle kommen. Das müssen wir genau im Blick haben. Ich denke, dass uns die Krise noch lange beschäftigen wird, wahrscheinlich sogar bis in den Herbst hinein.

Wenn Sie die täglichen Zahlen bekommen und sie veröffentlichen, ist das ein besonderer Moment für Sie?

Ja, wir schauen ganz genau, in welche Richtung sich die Zahlen entwickeln. Es ist extrem wichtig, dass uns die Zahlen noch atmen lassen.

Was ist, wenn es noch schlimmer wird?

Dafür haben wir Pläne und sind auch darauf vorbereitet. Wenn die rund 500 Betten, die wir im Augenblick in den Krankenhäusern vorweisen, nicht mehr ausreichen, müssen wir auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Da haben wir schon die entsprechenden Pläne.

Wo wäre das denn?

Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich das nicht sagen. Es macht auch keinen Sinn, die Pferde scheu zu machen. Aber: Wir müssen uns auf alle Eventualitäten vorbereiten und nicht erst dann, wenn die Zahlen explodieren.

Wie sieht es mit dem medizinischen Personal aus: Was spiegelt Ihnen da der Krisenstab wider?

Die Mitarbeiter sind sehr motiviert. Aber auch sie haben Angst davor, sich anzustecken. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Schutzanzüge, Masken und Handschuhe zu bekommen. Das ist zwar eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber letztlich ist es wichtig, dass die Pflegedienste, die Seniorenheime und auch die Krankenhäuser ausgerüstet sind. Wenn die Pflegedienste ausfallen, dann müssten wir die Betreuten in den Krankenhäusern unterbringen. Allein versorgen können sich die meisten nicht mehr.

Gibt es rückblickend etwas, dass Sie anders gemacht hätten?

Nein.

Die Corona-Krise bestimmt den Verwaltungsalltag. Was stünde bei Ihnen auf der Agenda, wenn es die Krise nicht gäbe?

Dann würden wir alle die Beschlüsse, die wir haben, nach und nach umsetzen. Außerdem würden wir uns sicherlich um den Haushalt 2021 kümmern. Zurzeit dreht sich aber alles um Corona. 300 Mitarbeiter machen bei uns im Haus nicht anderes.

Im aktuellen Haushaltsplan sind für das Jahr 2020 rund 77 Millionen Euro alleine an Gewerbesteuereinnahmen vorgesehen. Was bedeutet das für die Stadt, wenn die Mittel wegbrechen?

Natürlich hat die Krise Folgen. Die Gewerbesteuer wird aber nicht auf Null sinken. Wir wissen heute noch nicht, wie lange die Corona-Krise dauert. Die Landesregierung hat aber schon einiges unternommen. Die Kommunen kommen unter den 25-Milliarden-Euro-Rettungsschirm des Landes. Außerdem sollen die Corona-Kosten zusammengefasst und über 50 Jahre abgeschrieben werden können. Es sind 360 Millionen Euro im Topf für die Stärkungspakt-Kommunen und die sollen an eben diese Kommunen ausgezahlt werden. Das Land möchte die Kommunen als Motoren der Konjunktur am Laufenden halten: Daher werden auch die Schuldengrenzen heraufgesetzt.

Was hören Sie aus Düsseldorf, wann das öffentliche Leben wieder hochgefahren werden kann?

Ich glaube nicht, dass wir aus Düsseldorf vor Dienstag oder Mittwoch nach Ostern etwas erfahren werden. Das ist der Termin, auf den wir alle schauen.

Wenn Sie es zu entscheiden hätten: Wann würden Sie die Maßnahmen lockern?

Zurzeit würde ich definitiv nichts lockern. Ich halte es auch für praktischer, die Maßnahmen so streng zu halten. Das Schlimmste, was wir machen können, wäre die Zügel zu früh schleifen zu lassen. Das würde uns nur einholen. Eines muss klar sein: Wir wollen niemanden ärgern!

Wie waren die vergangenen Wochen für Sie ganz persönlich?

Anstrengend. Außerdem will ich nicht verhehlen, dass man selbst natürlich auch Angst vor einer Ansteckung hat. Jedes kleine Hüsterchen wird da ganz genau vernommen. Für mich ist es die anstrengendste Phase, die ich in meiner Amtszeit erlebt habe.

Sie haben ihre eigene Angst angesprochen. Wie gehen Sie selbst damit, dass Sie zur Risikogruppe gehören?

Das viele Arbeiten tut gut, da kommt man nicht ans Nachdenken. Ich sage immer ein wenig flapsig, dass ich den Segen des Heiligen Vaters habe. Aber natürlich: Auch ich habe Angst davor, mich anzustecken.

Haben sie persönliche Kontaktsperren innerhalb der Familie aufgebaut?

Natürlich haben auch wir die Kontakte auf den allerengsten Kreis beschränkt.

Mit wie vielen Menschen haben Sie in der Verwaltung zu tun?

Das ist von Tag zu Tag natürlich höchst unterschiedlich: Aber Kontakt lässt sich nicht vermeiden, wenn man den Laden am Laufen halten muss. Auf die Woche gesehen komme ich mit rund 100 unterschiedlichen Personen in Kontakt – aber natürlich nur mit dem nötigen Sicherheitsabstand. Dazu kommt regelmäßiges Händewaschen und Desinfektion.

Sie sind ein gläubiger Mensch: Hat sich durch die Krise ihr Verhältnis zu Gott verändert?

Nein, ganz und gar nicht. Ich bedauere es ausgesprochen, dass nicht alle Kirchen zehn Stunden am Tag geöffnet haben. Wenn Kirche gebraucht wird, dann in so einer Krise. Wenn man Angst hat, ist Kirche unerlässlich. Das gilt für alle Religionen. Schön finde ich, dass alle Glocken um 19.30 Uhr läuten und zum gemeinsamen Gebet einladen.

Zum Abschluss noch eine Frage: Wie sieht Hamm im April 2021 aus?

Ja, was soll ich jetzt sagen? Das hängt vom weiteren Verlauf ab. Da bin ich Optimist. Wir werden die Krise bewältigen. Da wird es keinen Gewinner und keine Verlierer geben. Hamm im April 2021 wird ein wenig schöner sein als heute.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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