Schnee und Minus-Temperaturen

Lebensgefahr für Obdachlose auf Hamms Straßen

Übernachten auf den kalten Platten mitten in Hamm.
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Unterschlupf in einem Geschäftseingang: Hier nächtigen zwei Obdachlose.

Nächtliche Temperaturen von minus 15 Grad: Im Wohnzimmer vor der Wetterkarte sorgt das für warmes Erstaunen, auf der Straße für Überlebensangst. Dabei wollen sich viele Obdachlose nicht helfen lassen.

Hamm – Wie viele Menschen in Hamm tatsächlich kein Dach über dem Kopf haben, ist reine Mutmaßung. Die Stadt, das Sozialamt und die Träger der Wohnungsnotfallhilfe gehen von einer niedrigen zweistelligen Zahl derjeniger aus, die tatsächlich nachts draußen leben. „Niedrig“ klingt vielleicht wenig alarmierend, macht es für diesen Personenkreis aber nicht besser – und bedeutet Lebensgefahr.

Obdachlos in Hamm: Unterkünfte nicht mal ausgelastet

Die Notunterkunft der Stadt an der Dortmunder Straße ist mit etwa 20 Bewohnern aktuell vergleichsweise hoch frequentiert – aber längst nicht ausgelastet. Die Menschen, die hier ankommen, können angesichts der Corona- und Wetterlage in Einzelzimmern auch über Tag bleiben. Sonst wäre das nicht möglich. Weil die Caritas ihren Mittagstisch witterungsbedingt nicht großflächig ausliefern konnte, wurde er am Dienstag in die Unterkunft gebracht. Wer hier angekommen ist, hat es warm und mehrere Mahlzeiten.

Aggressives Verhalten bei manch Obdachlosem

Rational gesehen ist das ein Weg durch die Kältezeit. Aber nicht alle Menschen mit unterschiedlichsten Problem- und Krankheitslagen denken rational. Ein Beispiel: Polizeieinsatz am vergangenen Samstag um 23 Uhr am Widum-Bunker. Nach Bürgerhinweis werden zwei Personen angetroffen, die bei Minusgraden offenbar draußen schlafen wollen. Einer lässt sich von den Beamten überzeugen, in die Unterkunft gefahren zu werden, der andere – sehr aggressiv – nicht und bleibt.

Das zeigt in einem Einsatz die ganze Spannweite der Fälle. Das Dilemma zwischen Hilfsangeboten und dem freien Willen der Menschen. So erlebt es Berthold Schöpe von der Caritas, so sieht es Polizei-Pressesprecher Hendrik Heine in den Einsatzberichten. Schöpe ist bei den Kälte-Shuttles zur Notunterkunft mehrfach mitgefahren. Er hat das Dilemma erlebt: „Es gibt Menschen, die nicht mitfahren wollen. Wir können niemanden zwingen. Das müssen wir aushalten.“ Andererseits, auch das macht Schöpe sehr deutlich, bleibe niemand vor der Tür der Unterkunft stehen.

Am Montag und Dienstag war die von der Caritas mit Ehrenamtlichen betriebene Franziskusküche witterungsbedingt geschlossen, am Mittwoch gab die Caritas an der Brüderstraße wieder Essen aus. Hier ist eine Anlaufstelle, die auch mit der Notunterkunft eng verzahnt ist. Trotz Shuttle-Bus lässt sich auch hier nicht jeder erreichen. „Wenn wir Bürgerhinweise erhalten, holen wir die Menschen auch ab“, sagt Berthold Schöpe. „Von manchen Menschen auf der Straße ist das allerdings nicht gewünscht.“ Bürgern sei das schwer verständlich.

Das gleiche Bild zeichnet Polizeisprecher Hendrik Heine. Zwischen dem 6. und 8. Februar vermeldet die Polizei unterschiedlichste Szenarien zu Kälteeinsätzen und hilflosen Personen. Manche schlafen in Decken gehüllt an Bushaltestellen, in Tiefgaragen oder Bank-Foyers. Manche fahren mit zur Unterkunft, andere nicht. „Wir müssen das akzeptieren und können niemanden zwingen“, sagt Heine. „So schwer sich das anhört.“ Die Polizei hat Zugang auch außerhalb der normalen Öffnungszeiten der Unterkunft und bringt Menschen dorthin – sofern sie es zulassen.

Nach wie vor hat die Unterkunft an der Dortmunder Straße Kapazitäten. Jedem Bürgeranruf wird nachgegangen, Menschen werden – sofern sie es wollen – dorthin befördert. Ob von Polizei oder Kälte-Shuttle.

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