Was braucht Uentrop?

Nur nicht ins Heim? Senioren und die Sehnsucht nach Mobilität und Kontakten

Viel Unterstützung, aber bitte mehr Kontakte: Margit Bruß aus Hamm (Uentrop) hat viele Hilfsgeräte, wie einen Lifter.
+
Viel Unterstützung, aber bitte mehr Kontakte: Margit Bruß hat viele Hilfsgeräte, wie einen Lifter. Er erlaubt es ihr, in ihrem Haus wohnen zu bleiben. Über Elisabeth Manteufel von „Miteinander und nicht allein“ bekommt sie etwas, was sie schon lange vermisst: den Kontakt zu anderen Menschen, wie hier zu einer Frau, die sie besucht.

Uentrop sieht nicht alt aus, aber ist es. Es ist der Stadtbezirk mit dem höchsten Anteil an Senioren. 2 276 Menschen im Bezirk sind über 80. Wird für sie genug getan? Diskutieren Sie mit (Formular unten im Artikel)!

Hamm-Osten – Hilflos wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte. Margit Bruß weiß, wie sich das anfühlt. Die „fast“ 81-Jährige ist mehrfach gestürzt. „Ich konnte mich aber aufrappeln“, sagt sie. Blaue Flecken und Schrammen trug sie davon. Nachdem das drei Mal passiert ist, trägt sie einen Hausnotruf bei sich – seit rund zwei Jahren. „Es wird immer beschwerlicher“, sagt die Seniorin. Aber ein Pflegeheim ist für sie keine Alternative. Sie lebt mehr oder weniger allein in ihrem Reihenhaus am Rande von Hamm-Osten. 

Seit rund zehn Jahren ist die Pflege ein Thema im Hause Bruß. Zuerst war es ihr Mann. „Ich habe ihn gepflegt“, sagt sie. Er ist 2019 verstorben. Mittlerweile war sie selbst erkrankt. Das Laufen bereitet ihr Mühen. Ihre fortschreitende Krankheit nimmt ihr immer mehr die Kraft. Aber ihr Verstand ist ganz wach.

Selbstbestimmt leben im Alter: Margit Bruß will zu Hause wohnen

Ihre Maxime ist: „So lange ich laufen kann, ist alles okay.“ Alles heißt, dass sie selbstbestimmt im Haus lebt. Sie hat aus ihrem persönlichen Umfeld „abschreckende“ Situationen in Pflegeheimen erfahren, etwa die Hilflosigkeit, wenn das gestresste Personal nicht hinterherkommt. Die Vorstellung, in so eine Einrichtung zu kommen, ist für sie „furchtbar“.

Sie hat vorgesorgt. In einer Vorsorgevollmacht hat sie erklärt, nicht ins Pflegeheim zu kommen. Auch „an Schläuche angeschlossen“ werden will sie nicht, wenn die Krankheiten sich dramatisch verschlechtern sollten. Für eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes meint sie indes vorbereitet zu sein. „Unser Dachgeschoss ist ausgebaut mit einer kompletten Wohnung“, sagt sie. Da nehme sie sich eine „Dame“ rein, die sie pflegen könne.

Die Möglichkeit hat nicht jeder, sowohl räumlich als auch finanziell. Doch das Geld für die Umbauten hatten die Familie nicht. Trotz Förderungen, „wir mussten einen Kredit aufnehmen“, sagt sie. Die Hilfe erst einmal anzuleiern, war dagegen kein Problem für die Eheleute. Den Anfang machte der Sozialdienst im Krankenhaus. Margit Bruß selbst ist seit einer Behandlung im Jahr 2018 auf Hilfe angewiesen. „Meine Kraft hat nachgelassen.“ Seit etwa zwei Jahren braucht sie einen Rollator und hat einen Lifter, um vom Keller bis ins Obergeschoss zu gelangen.

Ihr E-Mobil verschafft ihr Freiheiten. „Wo haben Sie denn ihren Ferrari stehen?“, werde sie manchmal gefragt. Mit ihrem kleinen Elektro-Fahrzeug fällt sie auf. Allerdings kann der vermeintliche Sportwagen nur maximal Schrittgeschwindigkeit fahren. Doch so kommt sie zum Arzt in die Innenstadt, „da bin auch schon mal eine Stunde unterwegs“, zum Amt oder zum Einkaufen ins Maxicenter. Beim Busfahren hat sie Bedenken.

Selbstbestimmt leben im Alter: „Manchmal fühle ich mich schon einsam“

Geräte allein reichen der Seniorin nicht. Der ambulante Pflegedienst kommt morgens und abends, in größeren Abständen die Physiotherapeutin, die Haushaltshilfe und die Putzkraft. Sie hat den Pflegegrad drei. Der steht im fünfstufigen Bewertungssystem für schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit, aber ohne Einschränkungen der Alltagskompetenz. Bei Pflegegrad vier besteht oft schon eine vollständige Immobilität. Margit Bruß ist aber noch selbst unterwegs, „nur nicht mehr so weit“.

Soweit scheint es ihr also gut zu gehen. Doch bei all der Unterstützung: Kontakte fehlen ihr. Sie hat zwar eines ihrer zwei Kinder in der Nähe leben, Enkelkinder, aber die können nicht immer, Freundinnen, eine Nachbarin, die mal nach ihr schaut, auch eine Selbsthilfegruppe, aber „manchmal fühle ich mich schon einsam“, sagt sie. Ich bin ein Mensch, der gern mit anderen Leuten zusammen ist. Mir fehlt das.“

So seltsam wie es klingt, aber damit ist sie nicht allein. Deshalb gibt es im Quartier das Projekt „Miteinander und nicht allein“. Projektleiterin Elisabeth Manteufel hatte ihr vor Weihnachten den Kontakt zu einer 66-jährigen Ehrenamtlichen vermittelt. Diese geht mit ihr spazieren und sorgt für Unterhaltung. „Das muss natürlich passen“, sagt Manteufel über die Kontakte.

Selbstbestimmt leben im Alter: „Corona hat die Situation verschärft“

Und sonst: Wie steht es um die Senioren im Osten der Stadt? Jutta Jeretzky hat einen guten Über- und Einblick. Seit Oktober 2017 ist sie die Quartiersentwicklerin mit Sitz im DRK-Senioren-Stift Mark. Ihr lokaler Schwerpunkt ist Hamm-Osten, Mark und die nähere Umgebung. Sie ist aber durch ihre Arbeit weit darüber hinaus vernetzt. Sie schildert die Situation so:

Wie die Senioren im Hammer Osten versorgt sind? „Ich kann das natürlich nur anhand meiner Kontakte beurteilen“, sagt Jeretzky. „Da glaube ich sagen zu können, dass es den Senioren im Hammer Osten soweit gut geht. An Versorgungseinrichtungen ist hier alles vorhanden. Das Angebot ist gut. Auch die Busanbindungen. Meine Kontakte reichen zwar über meinen eigentlichen Zuständigkeitsbereich hinaus bis nach Werries, wo ich mit dem Stadtteilzentrum zusammenarbeite. Der Blick weiter nach draußen ist aber für mich nicht zu schaffen. Ich habe den Eindruck, die Situation ist dort schwieriger. Über die ehrenamtliche Einkaufshilfe in der Corona-Zeit habe ich vereinzelte Fälle bis aufs Land und ins Uentroper Dorf gehabt. Dort ist die Versorgung eine Herausforderung.“

Und das Thema Einsamkeit? Klagen darüber sind ein Thema, sagt Jeretzky, „besonders durch die Kontaktbeschränkungen in der Coronazeit. Ich habe erst vor Kurzem eine Anfrage über einen Pflegedienst erhalten. Es geht um eine vereinsamte Seniorin. Corona hat die Situation verschärft, aber die Einsamkeit von Senioren ist ein allgemeines Problem. Schwierig ist es, an die Menschen heranzukommen. Alle Quartiersentwicklerinnen und Quartiersentwickler sprechen davon. Es gibt immer Senioren, die sehr zurückgezogen leben. Wir als Hauptamtliche sind auf Hinweise angewiesen, wie auf den vom Pflegedienst. Ich bin dankbar dafür.“

Sagen Sie uns hier Ihre Meinung:

Bitte schreiben Sie maximal 3 Sätze pro Frage. (Mindestens 50 Zeichen.)

Mit Ausfüllen und Abschicken dieses Formulars erkläre ich mich einverstanden, dass ich mit meinem Statement im Westfälischen Anzeiger namentlich genannt werde.

Das Thema kommentieren können Sie außer über das Formular auch unter dem passenden Post auf der WA-Facebookseite und per Mail an uentrop@wa.de.

Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 24. Juni. Der nächste Schwerpunkt unserer Serie „Was braucht Uentrop?“ erscheint am 8. Juli im Print und Online. Dann geht es um das Thema „Sicherheit und Kriminalität“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare