In Bockum-Hövel

Flugplatz „knapp“ verfehlt: Wieso Stefaan Deroover (78) irrtümlich auf einem Feld landete

Stefaan Deroover holte sein Flugzeug am Dienstag vom Feld in Bockum-Hövel ab.
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Stefaan Deroover holte sein Flugzeug am Dienstag vom Feld in Bockum-Hövel ab.

Mehrere Tage lang gab ein Flugobjekt Spaziergängern in Bockum-Hövel Rätsel auf: Dort stand ein Ultraleichtflugzeug verlassen auf einem Feld. Jetzt ist klar, dass es dem Belgier Stefaan Deroover gehört (78).

Hamm – Was machen drei belgische Rentner in der Mittagssonne auf einem Feld in Bockum-Hövel? Was wie der Beginn eines schlechten Witzes klingt, ist das Ende einer skurrilen Geschichte rund um einen besonderen Touristen und sein Flugzeug.

Die Odyssee beginnt am Samstagnachmittag auf dem Flugfeld im belgischen Weelde unweit der holländischen Grenze. Dort startet Hobbypilot Stefaan Deroover mit der Sonne im Rücken sein Ultraleichtflugzeug. Das Ziel: Hamm. „Ich habe in den zurückliegenden Jahren eigentlich jeden Flugplatz in NRW gesehen. In Hamm war ich aber noch nicht“, erklärt der 78-Jährige.

Zusammen mit dem „weltbesten Nachbarn“ (links) und einem Cousin seiner Frau kam Stefaan Deroover noch einmal nach Hamm.

197,6 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem verschlafenen Örtchen in Belgien und den Hammer Lippewiesen. „Das reicht mir mittlerweile als Strecke für einen Tag.“ Einen ähnlichen Trip hatte er erst kürzlich Wochen ins französische Arras absolviert. In Hamm will Deroover eigentlich „Sightseeing“ machen und sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen, wie er sagt. „Dafür hatte ich dann aber leider keine Zeit.“

Landung auf Feld: Tief stehende Sonne blendet routinierten Flieger

Als Deroover nach rund drei Stunden in Hamm ist, bekommt er nicht sofort eine Landeerlaubnis. „Ein Segelflugzeug sollte erst noch hochgeschleppt werden“, erklärt er. Also setzt er zu einer Schleife an. „Dann bekam ich plötzlich ein Signal, dass ich doch runter kommen soll.“

Das Problem: Deroover ist da schon über den Kötterberg in Bockum-Hövel geflogen. Durch die tief stehende Sonne kann er die Piste vor ihm nur schlecht erkennen. Und sieht deshalb nicht, dass er gar nicht den Flugplatz ansteuert, sondern ein Feld in der Nähe von Haus Ermelinghoff. Erst als Deroover knapp über der Grasnarbe ist, bemerkt er seinen Irrtum. „Ich wollte noch durchstarten, aber da war es schon zu spät.“ Das Bugrad gräbt sich in das Feld, und das Flugzeug kommt unsanft zum Stehen.

Handyakku mitten in der Bockum-Höveler Wildnis leer

So mitten in der Bockum-Höveler Wildnis – zwischen Hochsitzen und Forstwegen – steht Deroover erst einmal ratlos da. Sein Handyakku ist leer, und ein Fußmarsch bis zum Tower kommt nicht infrage. „Eine Spaziergängerin mit Kinderwagen hat letztlich für mich am Flugplatz angerufen. Die schicken jemanden, haben sie gesagt.“ Als auch nach zwei Stunden noch niemand kommt, hält Deroover einen alten Land Rover an. Der Fahrer ist zwar nicht vom Flugplatz, bringt den 78-Jährigen kurzerhand aber trotzdem dorthin.

Über Stunden ist dann nicht klar, was mit dem Flugzeug passieren soll und ob es Konsequenzen für die missglückte Landung gibt. „Sicherheitsaußenlandung“ nennen Piloten das, was Deroover etwas unfreiwillig gemacht hat. Solche Landungen kommen immer mal wieder vor – auch in Hamm. Sie verlaufen zumeist glimpflich und sind keine große Sache. Auch, weil die Piloten meistens aus der Gegend kommen und die Flieger schnell abtransportiert sind.

Deroover über seinen Irrtum: „Ich bin einfach ein Dummkopf“

Deroover kann nach Gesprächen mit dem Flugplatz-Team und der Polizei am Abend ins Hotel Dietrich einchecken, wo er sich ohnehin ein Zimmer reserviert hatte. Sanktionen hat er wohl nicht zu befürchten. „Die Nacht habe ich trotzdem nicht so gut geschlafen. Ich bin einfach ein Dummkopf“, sagt der Rentner, während er sich gegen die Stirn schlägt.

„Piccolo“ stammt ursprünglich aus Deutschland. Deshalb klebt auch noch eine Deutschland-Flagge am Heck.

Wirklich aus der Bahn hat ihn sein Malheur aber nicht geworfen. Am Sonntag organisiert er in Seelenruhe den Abtransport des Fliegers mit dem Namen „Piccolo“, der 1987 gebaut wurde und den Deroover um 2000 herum einem Mann aus Bonn abkaufte. Umgemeldet hat er ihn nie. Zu teuer ist ihm das immer gewesen. Deshalb trägt das Flugzeug auch noch eine deutsche Kennung, ist hier registriert und mit einer Deutschland-Flagge am Heck versehen.

Belgier lässt Entschuldigungszettel für Landwirt zurück

Zusammen mit dem Schwiegersohn kann Deroover sein Flugzeug am Sonntag dann doch nicht mitnehmen. Behördenkram ist noch zu erledigen. Also bleibt es eben weiter auf dem Acker in Bockum-Hövel stehen. Ins Cockpit des Einsitzers legt er kurzerhand einen handgeschriebenen Zettel. „Entschuldige. Ich komme es morgen Nachmittag mit Anhangwagen am 6-9-2021 und Hilfe demontieren und abholen“, steht darauf. Auch Anschrift und Telefonnummer hinterlässt Deroover für den Landwirt.

Notlandung eines Piloten aus Belgien in Hamm Am Kötterberg

Notlandung Am Kötterberg
Notlandung Am Kötterberg
Notlandung Am Kötterberg
Notlandung Am Kötterberg
Notlandung eines Piloten aus Belgien in Hamm Am Kötterberg

Am Montag klappt es aber zeitlich nicht. Erst Dienstagmittag ist es soweit. Zusammen mit Karel Vermeiren – „dem besten Nachbarn der Welt“ – und Jean-Pierre Maesfrancx – einem Cousin seiner Frau – kommt Deroover erneut nach Hamm. Beide haben mit der Fliegerei nichts zu tun, und bauen das erste Mal ein Flugzeug auseinander.

„Wenn ich noch nicht gestorben bin, komme ich vielleicht noch einmal nach Hamm“

Die drei Männer zerlegen „Piccolo“ in seine Einzelteile und verladen das Flugzeug in einen Anhänger. „Bloß nichts anfassen“, sagt Deroover immer wieder, während er in aller Ruhe Schraube um Schraube löst. Seine beiden Helfer verdrehen die Augen, packen aber dann doch an, wenn es nötig ist.

Schraube für Schraube demontierten die Männer das Flugzeug am Dienstag.

Als das Flugzeug mit der Deutschlandflagge verstaut ist, wird die Kühlbox auf dem Rücksitz geöffnet. Belegte Brötchen hat Deroover für seine Helfer geschmiert. „Soll ja keiner sagen, das wäre ein schlechter Ausflug gewesen“, scherzt er. Ob er noch einmal nach Hamm kommen wird? „In diesem Jahr sicher nicht. Das Flugzeug muss erst repariert werden, damit fliege ich so schnell nicht wieder.“

Allein das Abmontieren des beschädigten Bugrades dauere einen Tag. Und wenn das Flugzeug wieder flott ist? „Wenn ich dann noch nicht gestorben bin, komme ich vielleicht doch noch einmal nach Hamm“, sagt Deroover und verabschiedet sich mit einem Lachen.

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