Interview zur Initiative „Echte Männer reden“

Nicht zum Täter werden: „Rausgehen, bevor der Kragen platzt“

Ein Mann hebt die Hand gegen ein Kind.
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Ein Mann hebt die Hand: In Hamm gibt es eine Beratungsstelle für Männer: Sie soll helfen, bevor es zur Gewalteskalation kommt.

Kurzarbeit, keine Rückzugsmöglichkeiten, Angst vor dem Virus: Oft wurde in den vergangenen Monaten davor gewarnt, dass die Zahlen häuslicher Gewalt in Deutschland explodieren könnten. Krisen- und Gewaltberater Markus Brauckmann aus Hamm möchte gegensteuern. Im Interview sagt er uns, welche Strategien helfen können.

Hamm – Die bundesweite Initiative „Echte Männer reden“ soll Männer in Konfliktsituationen unterstützen. Markus Brauckmann ist das örtliche Gesicht der Kampagnet seit mehr als zehn Jahren für den Katholischen Sozialdienst und ist das örtliche Gesicht der bundesweiten Initiative „Echte Männer reden“ – ein Angebot von Männern für Männer. WA-Mitarbeiterin Sharin Leitheiser hat ihn und KSD-Geschäftsführer Andreas Thiemann zum Interview getroffen.

Was ist „Echte Männer reden“ für ein Angebot und was ist sein Ziel?
Andreas Thiemann: Ursprünglich ging es uns dabei um Beratungen zu häuslicher Gewalt. Wir wissen, dass jede vierte Frau in Deutschland mindestens einmal im Leben Opfer von Gewalt durch ihren Partner wird. Und es gab damals einfach relativ wenige Angebote – jedenfalls für die „Täter“. Heute kommen viele Männer zu uns, weil sie häusliche Gewalt ausüben oder Sorge haben, dass sie es tun werden. Aber es gibt eben auch ganz viele andere Themen drumherum. Und so ist dieser etwas allgemeinere Slogan entstanden.
Markus Brauckmann: Unserer Erfahrung nach haben Männer häufig Schwierigkeiten, sich zu öffnen – vor allem bei Themen, die sehr schambehaftet sind. Und genau da kommen wir ins Spiel. Gewalt ist oft ein Symptom von einer Krise – wir wollen den Männern dabei helfen, herausfinden, wie sie damit auf friedliche Weise fertig werden.

Markus Brauckmann berät Männer, die fürchten, ihre Kinder oder Frauen zu schlagen - oder das schon einmal getan haben.

Was für ein Typ Mann wendet sich denn an Sie?
Brauckmann: Es gibt gar nicht den einen Typ. Zu uns kommen Männer aus allen Schichten und Altersklassen – der Vielverdiener genauso wie der Arbeitslose. Man kann sich vorstellen: Wenn Sie im Bus sitzen, gibt es dort statistisch gesehen mindestens einen Täter häuslicher Gewalt. Aber Sie erkennen ihn wahrscheinlich nicht.

Wie oft werden Sie denn vor Gewaltausbrüchen angerufen und können präventiv eingreifen?
Brauckmann: Meistens klappt es leider erst danach. Bis der Mann sich in seiner Ratlosigkeit spürt, muss meiner Erfahrung nach viel passieren.
Thiemann: Wir bemühen uns aber, den Leuten zu signalisieren, dass sie zu uns kommen können, bevor es so weit kommt.

Wie läuft denn ein Gespräch ab, wenn Sie jemand damit konfrontiert, dass er den Drang hat, seiner Partnerin oder seinem Kind etwas anzutun?
Brauckmann: Wir versuchen, möglichst schnell einen Termin für ein persönliches Erstgespräch zu machen. Das ist mir sehr wichtig, um einen ganzheitlichen Eindruck von dem Klienten zu bekommen – auch zu Pandemiezeiten. Und bei dieser ersten Sitzung gebe ich dann gern schon erste Verhaltenstipps mit.

„Gewalt ist in der Regel eine Spirale, sie hört nicht von selbst auf“

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Brauckmann: Manchmal sind das ganz banale Sachen: Wenn ich glaube, dass mir der Kragen platzt, kann ich zum Beispiel einfach rausgehen und die Situation verlassen. Das ist keine langfristige Lösung, für den Moment allerdings ein probates Mittel. Aber natürlich geht es nicht nur darum: Wir klären in dem Gespräch auch, wie gefährdet die Frau oder die Kinder wirklich sind – also ob ein richtiges Schutzkonzept nötig ist, ob der Mann vorübergehend lieber bei Freunden unterkommen sollte und so weiter. Im Regelfall sind anschließend mehrere Sitzungen nötig, bis sich etwas verändern kann. In welchen Abständen wir uns treffen, ist aber sehr unterschiedlich.
Thiemann: Wir wissen, dass Gewalt in der Regel eine Spirale ist, also hört sie nicht von selbst auf. Und es kommt immer wieder zum gleichen Punkt. Erst denkt der Mann „Das passiert mir nicht noch mal“, aber das kippt irgendwann. Das Abwerten beginnt, das Opfer zieht sich zurück und der Täter fühlt sich immer hilfloser. Bis er diese Hilflosigkeit im wahrsten Sinne des Wortes wegschlägt. Es ist keine Therapie, was wir machen, aber es ist ein intensiver Prozess der Auseinandersetzung.

Andreas Thiemann ist Geschäftsführer des KSD in Hamm.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Angebot – insbesondere in dieser besonderen Zeit?
Brauckmann: Im Schnitt melden sich vielleicht zwei bis drei neue Interessenten pro Woche – wobei es natürlich Phasen gibt, in denen mehr oder weniger Anrufe kommen. Eine Sonderstellung nimmt dieses Jahr ein, vor allem durch die Lockdowns: Erst kommt da das große Schweigen, mit Beginn der Lockerungen auf einmal die Welle von Anrufen. Einfach formuliert ist die Corona-Pandemie ein Brennglas für häusliche Gewalt – insbesondere da, wo die Wohnverhältnisse sehr beengt sind, wo finanzielle Probleme auftreten, wo viel Konfliktpotenzial ist. Deswegen macht mir die Aussicht auf die kommenden Monate erhebliche Sorge. (News zum Coronavirus)

Bis jetzt haben wir hauptsächlich darüber geredet, wie es ist, wenn Männer zu Tätern werden. Kommt es denn auch vor, dass sich die Ausgangslage andersherum darstellt – also dass Männer anrufen, weil sie von ihren Partnerinnen tätlich angegangen werden?Brauckmann: Das passiert deutlich seltener – wenn, dann meist wegen psychischer Gewalt. Permanente Abwertung ist ein gutes Beispiel: Wenn ein Mann ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis nach einer Partnerschaft hat, dann erlebe ich oft, dass er in einer Art Abhängigkeit gehalten und ausgenutzt wird – teils auch finanziell. Gewalt passiert nicht selten auf beiden Seiten. Und ich habe durchaus auch Männer, die mir ihre körperlichen Verletzungen zeigen – von dem, was sich gegenseitig angetan wird.
Thiemann: Derartige Gewalt lässt sich dabei natürlich leichter definieren und messen. Wenn sich das Paar aber gegenseitig anschreit, ist das dann Gewalt? Eine schwierige Frage.

„Wenn jemand Spaß an Gewalt hat, kann Beratung nicht gut funktionieren“

Gibt es Situationen, in denen Sie an Ihre Grenze kommen?
Brauckmann: Die gibt es sicherlich, bis jetzt ist es aber noch nicht passiert. Nur insofern, als dass sich manche Probleme nicht so einfach bearbeiten lassen: Einer meiner Klienten zum Beispiel ist Hooligan. Und wenn jemand Spaß daran hat, sich was auf die Mappe zu hauen, dann kann Beratung nicht gut funktionieren. Momentan wäre eine meiner Grenzen außerdem der Missbrauch von Kindern. Da mache ich zurzeit eine Fortbildung. Bis jetzt ist aber auch noch niemand zu mir gekommen, der sexualisierte Gewalt ausübt.
Thiemann: Professionell ist ja, zu wissen, wo seine Grenze ist. Dann können wir immer noch verweisen, zum Beispiel an Therapeuten. Erst einmal dürfen die Männer bei uns aber alles ansprechen. Und dann schauen wir gemeinsam, wie es weitergehen kann.

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