THTR Hamm: Radioaktivität absichtlich freigesetzt?

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Wahrzeichen des THTR: Der Trockenkühlturm wurde am 10. September 1991 gesprengt.

Hamm. Eines der größten Geheimnisse des THTRs in Uentrop ist möglicherweise gelüftet. Dr. Ing. Hermann Schollmeyer, 1986 in dem Hammer Atomkraftwerk zuständig für die Abschaltstäbe und die fünf Dampfturbinen der 4 Milliarden D-Mark teuren Anlage, widerspricht der seit drei Jahrzehnten von offizieller Seite verbreiteten Version, dass der Austritt von Radioaktivität am 4. Mai 1986 versehentlich geschah.

„Das war Absicht“, sagt der mittlerweile 83-jährige THTR-Experte und bringt den stillgelegten Reaktor damit wieder ins Rampenlicht.

„Wir hatten Probleme mit der Anlage, und ich war bei ein paar Sitzungen dabei“, erinnert sich Schollmeyer im Gespräch mit unserer Zeitung an die Zeit von vor 30 Jahren. Am 26. April 1986 war es in Tschernobyl zum Super-Gau gekommen, und eine gigantische radioaktive Wolke trieb damals auf Westeuropa zu. Im THTR war es in jenen Tagen immer wieder zu Problemen beim Transport der radioaktiven Brennelemente gekommen. Die Kugeln verklemmten sich in den Leitungen. „Irgendein Schlaumeier ist dann auf die Idee gekommen, dass wir die Leitungen mit Helium freiblasen sollten. Wegen der Tschernobyl-Wolke würde das doch ohnehin niemand bemerken“, sagt Schollmeyer, betont aber, dass er bei dieser entscheidenden Sitzung nicht zugegen gewesen sei. Trotzdem gebe es keine andere Erklärung: „Das Gas wurde von Hand abgelassen“, sagt er.

Schollmeyer will mit seinen Aussagen nicht den Umweltschützern nach dem Mund reden, sondern ein Plädoyer für die THTR-Technologie halten. „Es gab keinen Störfall in der Anlage. Ich stehe diesem Reaktor immer noch sehr positiv gegenüber. Man hätte damals einfach nur warten müssen. Die Filteranlagen waren doch schon bestellt. Aber man wollte den Reaktor nicht noch weitere zwei oder drei Wochen abschalten.“

Bereits im März 2015 hat der Atom-Experte seine These auf der Wikipedia-Diskussionsseite zum THTR veröffentlicht, was aber erst jetzt von der BI Umweltschutz bemerkt wurde. Dort wird der 83-Jährige übrigens noch deutlicher und weist dem damaligen Hauptinbetriebnehmers Dr. Daoud die Verantwortung zu. Es sei eine „eigenverantwortliche Entscheidung“ des Mannes gewesen, „die dieser gegen jede Warnung durchführte und wegen fehlender Fachkompetenz zu verheimlichen suchte“, so Schollmeyer.

Warum er so lange mit seiner Enthüllung gewartet habe? „Mich hat ja nie jemand gefragt“, sagt Schollmeyer.

Die Piratenfraktion im NRW-Landtag richtete am Donnerstag sogleich eine Anfrage an die Landesregierung für die Sitzung des Umweltausschusses am 15. Juni. Unter andertem wird gefragt, seit wann den zuständigen Behörden in NRW der komplette Verlauf vom 4. Mai 1986 bekannt war und ob der Vorfall eine strafrechtliche Relevanz habe.

Durch den Störfall vor 30 Jahren sind angeblich nur geringe Mengen an Radiaktivität ausgetreten. Der Vorfall sei noch nicht einmal meldepflichtig gewesen, wurde immer wieder von offizieller Seite betont.

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