Neue Vorwürfe gegen Jobcenter: "In Ansehen beschädigt"

HAMM - Jetzt haben sich weitere Betroffene zu Wort gemeldet, die sich von der Stadt Hamm über den Tisch gezogen fühlen. Martina Zapf (51) und Christoph Kutsche (46) haben von 2009 bis 2011 im Bürgeramt Pelkum gearbeitet. Nach eigener Aussage wussten beide nicht, dass sie über eine Fördermaßnahme des Jobcenters eingestellt worden waren.

Von Detlef Burrichter

Auch bei der Stadt Hamm war man offensichtlich lange Zeit davon ausgegangen, dass beide ganz normale befristete Arbeitsverträge haben. Denn fast bis zum Ende der Laufzeit ihres Arbeitsvertrags zahlte die Stadt Hamm für beide auch die vollen Beiträge in die Arbeitslosenversicherung ein.

Christoph Kutsche und Martina Zapf

„Ich fühle mich in meinem Ansehen beschädigt. Deshalb wage ich mich jetzt an die Öffentlichkeit“, sagte Martina Zapf am Dienstag. „Genauso fühle ich auch“, sagte Christoph Kutsche. Die beiden ärgern sich maßlos über die Äußerungen des stellvertrenden Leiters des Jobcenters, Reinhard Fohrmann. Fohrmann hatte gesagt, dass Teilnehmer an Maßnahmen nach Paragraf 16e des Sozialgesetzbuches II immer mindestens zwei gravierende Vermittlungshemnisse mitbrächten. In der Regel seien die Personen, die für solche Maßnahmen in Betracht kämen, länger als ein Jahr arbeitslos und hätten körperliche Behinderungen oder Alkohol- oder psychische Probleme.

„Das lassen wir nicht auf uns sitzen“, sagten Zapf und Kutsche. „Ich bin weder behindert, noch habe oder hatte ich jemals Alkohol- oder Drogenprobleme. Ich war einfach nur arbeitslos und nichts weiter“, sagte die gelernte Kauffrau Zapf. „Und ich war ebenfalls nur arbeitslos. Mein alter Arbeitgeber war in der Krise in Insolvenz gegangen“, sagte der gelernte Elektroniker Kutsche. „Wir lassen uns von niemandem in diese Ecke stellen.“ Ihre Erfahrungen mit der Stadt seien für sie auch so schon bitter genug gewesen. Beide legten der Redaktion ihre befristeten Arbeitsverträge vor. Darin fehlt jeder Hinweis darauf, dass sie Teilnehmer einer Fördermaßnahme des Jobcenters waren.

Lange Zeit war das auch nicht an ihren Gehaltsstreifen zu erkennen. Denn über 14 Monate zahlte die Stadt Hamm alle Sozialversicherungsbeiträge – auch den Arbeitslosenversicherungsbeitrag. „Wir sind aus allen Wolken gefallen, als wir dann zufällig feststellten, dass die Beiträge an die Arbeitslosenversicherung auf Null gesetzt worden waren“, sagte Zapf. Das sei klammheimlich geschehen. „Auch ich wurde darüber nicht informiert“, so Kutsche. Beide zogen deshalb vor Gericht. Doch das Arbeitsgericht habe sich als nicht zuständig erklärt und ans Sozialgericht verwiesen. Auf Anraten ihrer Anwälte hätten sie dann einen Vergleich geschlossen. „Wir wollen aber erreichen, dass nicht noch mehr Menschen unter Vortäuschung falscher Tatsachen in dieselbe Falle laufen“, sagen die früheren Arbeitskollegen. - dfb

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