Neue Erkenntnisse zur schrecklichen Bluttat in Hamm

Tödlicher Stich: Darum darf sich der Beschuldigte weiter frei bewegen

+
Hier in der Nassauerstraße wurde ein 51-jähriger Mann im Verlauf einer Schlägerei am Freitagnachmittag lebensgefährlich verletzt. Die Hintergründe sind noch nicht bekannt, die Polizei ermittelt.

Rund um das blutige Geschehen in der Hammer Innenstadt am Freitagnachmittag drehen sich immer noch etliche Fragezeichen. In Sachen Tatwerkzeug gibt es inzwischen aber Klarheit. Die Ermittlungen der Polizei laufen auf hoher Flamme.

Hamm - Ein 51-jähriger Mann erlag am Samstagmorgen einer Stichverletzung, die ihm wenige Stunden in der Nähe des Marienhospitals zugefügt worden war. Anders als zunächst vermutet handelte es sich bei dem Tatwerkzeug nicht um ein Messer, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Schraubendreher. Nach Angaben von Felix Giesenregen, des mit diesem Fall betrauten Staatsanwalts, wurde ein solcher im Tatumfeld gefunden.

Bei dem des Stichs Beschuldigten handelt es sich nach Informationen von Montag um einen 25-jährigen Afghanen aus einer Gruppe von Freunden und Bekannten, die kurz zuvor mit Familienmitgliedern des späteren Opfers aneinandergeraten war. Ersten Ermittlungen zufolge reagierte der 25-Jährige instinktiv auf brutale Dachlattenschläge des älteren Mannes. Die Reaktion werde derzeit als Notwehr eingestuft, sagt Giesenregen. Der Stich traf den Oberkörper offenbar im Herzbereich; schon am Freitagabend war von "Lebensgefahr" die Rede.

Die "Notwehr"-Einschätzung erklärt, warum der junge Mann gemeinsam mit zwei weiteren vorläufig Festgenommenen nach nur wenigen Stunden bereits wieder auf freiem Fuß war - und es nach wie vor ist. Für Staatsanwalt Giesenregen ist hier nach jetzigem Wissensstand der Paragraf 32 des Strafgesetzbuches (StGB), der so genannte "Notwehrparagraf", erfüllt. "Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig", heißt es darin. Und weiter: "Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden."

Kein Haftbefehl, keine Auflagen - und keine Anklage?!

Weil die Ermittler keinen "dringenden Tatverdacht" erkennen, könne sich der 25-Jährige weiterhin frei bewegen; daher gebe es keinen Haftbefehl und keine Auflagen. Sollte sich das Geschehen am Ende so bestätigen, gebe es auch keine Anklage, und der Mann werde juristisch nicht belangt, erklärt der Staatsanwalt. Sollte sich die Kenntnislage hin zu "Totschlag" - unter diesem Stichwort wird der Vorgang formal noch geführt - verändern, sei aber auch eine mehrjährige Haftstrafe möglich.

Das Ermittlungsverfahren ist laut Giesenregen grundsätzlich "ergebnisoffen"; zu konkreten weiteren Ermittlungsmaßnahmen will er sich nicht äußern.

Früherer Vorfall bei der Polizei nicht aktenkundig

Ziemlich zügig nach dem Vorfall vom Freitag hatten Polizei und Staatsanwaltschaft eine Verbindung zu einem Vorfall "vor einem halben Jahr" gezogen. Schon damals hätten sich beide Gruppierungen in Hamm eine Auseinandersetzung geliefert, die offenbar der Anlass für den neuerlichen Streit gewesen ist.

Worum es dabei ging und ob die beiden Hauptbeteiligten von Freitag dabei waren, ist laut Giesenregen unklar. Was auch daran liegt, dass der erste Vorfall weder datiert noch bei der Polizei aktenkundig sei und es daher auch kein Ermittlungsverfahren gegeben habe. Ein solches sei nun ja eingeleitet und werde hoffentlich die fehlenden Hintergründe auch für den früheren Vorfall ans Licht bringen.

Streit mit hässlichem Ende gegen 16.30 Uhr

Die Auseinandersetzung spielte sich am Freitagnachmittag im Bereich der Lutherviertels ab. Nachdem sie zwischenzeitlich aufgelöst schien, flammte sie kurz darauf wieder auf - mit dem bekannten hässlichen Ende gegen 16.30 Uhr. Als Schauplätze gelten die Nassauerstraße und die Lutherstraße in Höhe des Enchilada.

Zur These, dass die Tatbeteiligten - insgesamt sollen es zwischen 10 und 15 gewesen sein - in Hamm wohnen, schweigt sich der Staatsanwalt aus.

Federführend für die Recherchen ist eine Mordkommission der Dortmunder Polizei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare