Was bleibt dem Uentroper Dorf an Infrastruktur?

Getränkemarkt „Fels in der Brandung“: So kann Nahversorgung im Dorf gelingen

Nahversorger im Uentroper Dorf: Der Getränkemarkt in Hamm Uentrop ist eines von drei Standbeinen des Familienunternehmens Landhandel Wiesendahl , hier Björn (von links), Erich und Steffen Wiesendahl.
+
Traditionelle Nahversorger fürs Uentroper Dorf: Der Getränkemarkt ist eines von drei Standbeinen des Familienunternehmens Landhandel Wiesendahl , hier Björn (von links), Erich und Steffen Wiesendahl.

Mit der Infrastruktur im Uentroper Dorf geht es in rasantem Tempo abwärts. Entgegen dem Trend halten sich dennoch Geschäfte, die sich wie ein Fels in der Brandung behaupten. Wie machen sie das?

Hamm - Die Diskussionen um die Infrastruktur und Nahversorgung im ländlichen Osten der Stadt drehen sich in der Regel um die, die das Uentroper Dorf verlassen. Ein Supermarkt dürfte wohl ein Wunsch bleiben. Uentrop blutet im Eiltempo aus - Was bleibt überhaupt noch?, hieß es vor wenigen Tagen. Ein Beispiel, wie ein Teil der Nahversorgung im Ort bleiben kann, zeigt die Familie Wiesendahl. Sie hat eine Mischung aus Landhandel, Spedition und Getränkemarkt etabliert. Ohne die besonderen Zutaten würde sie aber sicherlich nur halb so gut funktionieren: unternehmerischer Sinn, „Wagnis“ und ein nicht abreißender Strom von „Herzblut“.

Startups in Garagen schreiben Geschichte. Noch bevor der Technologieriese Apple 1976 in beengten Verhältnissen begann, bewiesen Irmgard und Günter Wiesendahl, dass eine Garage ein guter Startplatz sein kann. Auf der Suche nach einer weiteren Einkunftsquelle neben dem Futterhandel eröffneten sie vor rund 50 Jahren auf dem Hof im Uentroper Dorf den Getränkehandel. „Das war damals ein gewagtes Spiel“, erinnert sich die heute 88-jährige Irmgard Wiesendahl an die Anfänge Auf dem Südfelde/Ecke Kranstraße.

Garagenfirma

„Uentrop ist ein kleines Dorf, eigentlich am Rande der Welt“, sagt sie über die damalige Ausgangslage. Daran und an der Randlage zwischen Siedlung und Gewerbegebiet hat sich bis heute wenig geändert. Und trotzdem: „Es ging direkt am Anfang richtig los.“ Daran hatte die Getränkehändlerin entscheidenden Einfluss.

„Die Kunden kamen zur Unterhaltung“, sagt sie. „Das ist im Dorf wichtig.“ So war und ist der Markt ein soziales Netzwerk – ein analoger Vorläufer der digitalen Angebote. Dabei erweisen sich die modernen technischen Möglichkeiten nicht immer als Vorteil. Wie sonst wäre zu erklären, dass Irmgard Wiesendahl den Ruf hat, schneller zu rechnen als jede Maschine? Bis 1986 war sie allein im Getränkehandel, und es ist noch gar nicht so lange her, dass die 88-Jährige das Geschäft den Jüngeren überlassen hat.

Expansion

Wie bei Apple, war die Getränke-Garage kurze Zeit später zu klein. Es folgten mehrere Expansionen: in eine Scheune und dann in eine neue Halle, die zunächst auch als Lager für Futtermittel diente, das aber letztlich den nachgefragten Getränken weichen musste. Für eine erneute Erweiterung wichen die schon vorher teils abgerissenen Behelfsheime auf dem Hofgelände. Heute stehen rund 570 Quadratmeter Verkaufsfläche vor allem für den Getränke- und, daneben, für den Futtermittelmarkt zur Verfügung.

Die Wiesendahls betreiben den Markt in Selbstständigkeit, lassen sich aber fast seit Beginn vom Getränkefachgroßhandel Schürmann beliefern. Deshalb trägt das Geschäft den Namen Getränkekoase. Die Geschäftsbeziehung schafft Preisvorteile.

Kundschaft

Konkurrenz belebt das Geschäft, heißt es. In einem Dorf wie Uentrop gilt das allerdings nicht. Der Einzugsbereich ist zu klein. Gut, dass der Getränkemarkt ein Alleinstellungsmerkmal im Dorf hat. „Ein Großteil der Kunden im Markt sind Uentroper“, sagt Björn Wiesendahl, der zusammen mit seinem Bruder Steffen als vierte Generation im Familienbetrieb wirkt. Viele kämen auch aus Vellinghausen-Eilmsen, Norddinker und Dinker, wo es um die Nahversorgung noch schlechter bestellt sei, als in Uentrop.

Durch die Kombination mit dem Futterhandel wird der Markt vor allem samstags zum Ziel von „Familienausflügen“. Dabei werden neben Futter für Hühner, Hamster, Pferde & Co. Getränke gekauft. Auch Beschäftigte aus dem Gewerbegebiet nutzen die Versorgung in unmittelbarer Nähe. Ein Lieferservice für beide Produktbereiche erweitert den Einzugsbereich. Im Umfeld Uentrops befinden sich zudem diverse größere Kunden, wie die Freilichtbühne und Schützenvereine.

Als sie ihren Getränkemarkt eröffneten, hätten sie zu den ersten in der Umgebung gehört, sagt Irmgard Wiesendahl. Alsbald fanden sich Nachahmer. Die sind aber zum Teil wieder verschwunden.

Tradition und Herzblut

„Wir machen weiter, weil es Tradition ist“, sagt Björn Wiesendahl. Die Familiengeschichte spornt an. Seit mehr als 100 Jahren sind die Wiesendahls auf dem Hof. Sein Urgroßvater Wilhelm legte den Grundstein für das Familienunternehmen. Er war Bergmann und hatte als solcher enge Kontakte zu den Kumpel. Kleinvieh zu halten, auch mal ein Schwein, zählte zur Selbstversorgung. Um die 1920er Jahre begann er, Futtermittel zu verkaufen. Das Geschäfts gedieh in den Jahren der Wirtschaftskrise. So wie damals, gibt es im Grunde noch heute den ersten Verkaufsschlager: die Zehn-Kilogramm-Packung Futtermittel.

Daraus entwickelte sich der Landhandel, der zunächst zusammen mit Bauern aus der Umfeld als Genossenschaft geführt wurde. Erich Wiesendahl übernahm von seinem Vater Günter die Aufgaben und löste die Genossenschaft 1998 auf. In Selbstständigkeit baute er das Unternehmen aus. Sojaschrot aus Holland zu holen und eine Strecke als Leerfahrt zu verbuchen, war nicht sinnvoll. Die Spedition war geboren. Neben dem 7,5-Tonner hat Wiesendahl den Fuhrpark von einem auf sieben 40-Tonner erweitert.

Drei Standbeine

Futterhandel, Spedition und Getränkemarkt quasi unter einem Dach: „Wir sind ein Unternehmen, mit mehreren Bereich, die ineinander greifen“, sagt Björn Wiesendahl. „Das funktioniert.“ Dass er dafür im Dauereinsatz ist, nimmt nicht nur der 31-Jährige in Kauf. „Es ist ein Familienunternehmen. Da steckt viel Herzblut drin, viel Fleiß, aber das machen wir gern.“ Insgesamt hat das Unternehmen 20 Beschäftigte, davon 13 in Vollzeit.

Die Mischung des Unternehmens macht‘s und hilft auch in Krisenzeiten wie diese, unternehmerisch zu überleben.

Corona-Krise und Zukunft

Der Getränkemarkt „ist ein wichtiges Standbein“. Er steht für etwa 30 Prozent des Gesamtumsatzes. „Von ihm allein, könnten wir aber nicht leben“, sagt er. In den vergangenen rund zehn Jahren wuchs neben dem Getränke-Verkauf im Markt das Eventgeschäft. Zwei Zapfwagen und sechs Kühlwagen stehen für Veranstaltungen zur Verfügung. „Durch Corona ist die Nachfrage bei null“, erklärt er. „Wir hoffen, dass die Pandemie bald vorbei ist und es zum Ende des Frühjahrs wieder mit den Veranstaltungen losgehen kann.“

Die Familie Wiesendahl schaut optimistisch nach vorn. „Wir verschwenden keine Gedanken daran, irgendetwas zu stoppen“, sagt der 31-Jährige mit Verweis auf die schwindende Versorgung im Dorf. Ganz im Gegenteil: „Wir warten darauf, dass es weitergeht und wir wieder investieren können.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare