Opfer schildern Martyrium und setzen Belohnung aus

Hammer Ehepaar nachts überfallen: „Wenn Du schreien, ich schießen“

Über diesen Zaun gelangten die Männer auf das Grundstück.
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Über diesen Zaun gelangten die Männer auf das Grundstück. Peter R. zeigt die Stelle, will aber selbst für Dritte nicht erkennbar sein.

Brutale Gangster haben ein Ehepaar im Hammer Süden stundenlang in ihren Fängen gehabt - eine schreckliche Vorstellung. WA.de hat mit den Opfern gesprochen.

Hamm – Wer es in seinem Leben zu Wohlstand gebracht hat, braucht einen Tresor. Nicht, um Schmuck oder Bargeld in Sicherheit zu wiegen, sondern um das eigene Leben zu retten. „Die schneiden dir im Zweifel die Finger ab“, sagt Peter R. mit ziemlicher Bestimmtheit. „Die“, das sind Einbrecher, und solche waren vor zwei Wochen bei ihm eingestiegen. Der Geschäftsmann wurde in seinem Haus im Hammer Süden nicht nur ausgeraubt. Er wurde gefesselt, eingesperrt und massiv bedroht.

Zweieinhalb Stunden befand sich Peter R. (er ist im Ruhestandsalter) mit seiner Ehefrau in den Fängen von vier Gangstern. „Wo sein Tresor? Wo sein Rolex?“, hatte deren Anführer immer wieder gefragt. Peter R. führte die Täter zu seinem Safe und musste mitansehen, wie sie alles darin Befindliche in Säcke stopften. Uhren, Geld, Schmuck, Geschäftspapiere, Datenträger. Seine These heute: Hätte er keinen Tresor gehabt – so hätten ihm die Täter das nicht abgenommen und noch mehr rohe Gewalt angewendet, als es ohnehin schon der Fall gewesen ist.

Gangster rauben Eherpaar in Hamm aus: Pistole an der Schläfe

Das Martyrium beginnt weit nach Mitternacht. Peter R. wird wach, weil er etwas Kaltes an seiner Schläfe spürt. Als er die Augen öffnet, stehen zwei Männer vor ihm. Der eine drückt ihm eine Pistole an den Kopf. „Wenn du schreien, ich schießen“, sagt der Mann in gebrochenem Deutsch. Offensichtlich versteht er keinen Spaß.

1.30 Uhr ist es da an jenem 28. August. R. war im Wohnzimmer eingeschlafen, seine Frau befindet sich zehn Meter weiter im Schlafzimmer. Auch dort sind zwei Männer.

Klebeband wird hervorgeholt. Durchsichtiges, breites Paketklebeband. Die Männer haben es mitgebracht. Peter R. und seine Frau werden damit an Armen und Beinen gefesselt. Die Männer tragen Handschuhe und Sturmmasken, einer von ihnen eine Kappe und eine schwarze Corona-Maske.

10.000 Euro Belohnung ausgesetzt

Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, haben Peter R. und seine Frau eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt.

Der Haupttäter ist 1,70 bis 1,75 Meter groß, schlank und spricht mit osteuropäischem, vermutlich polnischem Akzent. Ein zweiter Täter ist etwa 1,90 Meter groß und spricht deutlich besser Deutsch, gleichwohl mit Akzent. Die Männer waren dunkel gekleidet. Gegen 1.30 Uhr drangen sie in das Haus ein, hatten möglicherweise ein Fluchtfahrzeug an der Pappelallee, der Forstlandwehr oder der Akazienallee abgestellt.

Vermutlich zwischen 3 und 4 Uhr wurde der VW Beetle auf dem Mitfahrerparkplatz an der Werler Straße in Rhynern (Höhe A2) abgestellt. Möglicherweise wurde hier die Beute in ein anderes Fahrzeug geladen.

Hinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 02381/9160 entgegen.

Ferner weist die Polizei darauf hin, dass Einbrecher üblicherweise nur dann zuschlagen, wenn niemand zu Hause ist. Sie scheuen grundsätzlich das Risiko, erkannt zu werden. Raubüberfälle, wie sie Peter R. und seine Frau erlebt haben, sind selten. Unter anderem im Juni 2010 gab es einen vergleichbaren Fall im Hammer Osten , im Juni 2014 in der Bodelschwinghstraße.

„Tue alles, was sie sagen. Bloß nichts provozieren“, schießen die Gedanken durch R.s Kopf. Die Fußfesseln werden ihm wieder durchgeschnitten. R. muss mit den Tätern durch alle Räume seines Hauses gehen. „Mehr Schmuck. Du haben mehr Schmuck“, fordert der Anführer.

Mal muss sich Peter R. hinknien, mal wird ihm ein Stück Stoff über den Kopf geworfen, damit er nichts sehen kann. Statt mit der Pistole, wird er nun mit der Schere bedroht. Der Anführer scheint seinen Auftritt über alle Maßen zu genießen.

„Haben wir noch mehr Schmuck? Wo?“, fragt R. verzweifelt seine Frau. Doch auch sie weiß keine weiteren Aufbewahrungsorte mehr. Selbst das Parfüm im Badezimmer haben die Räuber bereits einkassiert. Auch die Handtaschen der Ehefrau werden von den Männern mit Beute gefüllt.

Gangster rauben Eherpaar in Hamm aus: „Ich zünde Haus an“

Das Ende naht, so scheint’s. R. und seine Frau haben einen etwa ein Meter breiten begehbaren Kleiderschrank. Darin werden sie eingesperrt. Mit einem spitzen Teil von einem Kleiderbügel gelingt es ihnen, die Fesseln durchzuhacken. Immer wieder sticht die Ehefrau dabei auf die Klebefolie an den Handgelenken ihres Mannes ein. Endlich reißt das transparente Band.

Warten! Das Paar lauscht, ob sich draußen noch etwas bewegt. Nichts ist zu hören. Die Tür des Schranks geht nur nach innen auf. Alles Rütteln ist vergebens. Aus einen Kleiderbügel baut sich R. einen Dietrich und versucht, das Schloss zu knacken.

Die Tür öffnet sich – zum Entsetzen des eingesperrten Ehepaars. Einer der Täter steht vis-à-vis vor Peter R. „Was du machen?“, sagt der Mann mit der Maske. Wo Benzin ist, will er wissen. Und Chlor ebenfalls. „Ich zünde Haus an und du in Schrank.“

Gangster rauben Eherpaar in Hamm aus: alles wieder von vorn

Peter R. hat weder Benzin noch Chlor im Haus. Dafür haben die Kidnapper aber noch mehr Klebeband. Wieder werden R. und seine Frau gefesselt, wieder in den Schrank gesperrt. Alles beginnt von vorn.

Immerhin wird kein Feuer gelegt. Als das Ehepaar sich ein zweites Mal von den Fesseln befreit hat, ist es bald 4 Uhr. Wieder warten beide und lauschen in die Stille. „Wir machen es jetzt anders“, sagt Peter R. schließlich zu seiner Frau.

Toilette!“, rufen sie immer wieder und trommeln gegen die Tür. Sollte noch jemand im Haus sein, so wird derjenige vielleicht kommen, um sie zur Toilette zu lassen. Geschieht das nicht, hätte man ein wenig mehr Gewissheit. Niemand antwortet, niemand kommt.

Peter R. nimmt allen Mut zusammen. Im Schrank steht ein kleiner Koffer aus Metall. Er nimmt ihn und schlägt damit gegen das Türblatt. Holz splittert. Die Tür gibt nach.

Als er seien Kopf ins Freie streckt, steht diesmal niemand Fremdes mehr im Raum. R. eilt durch Schlafzimmer zum Fenster, öffnet dieses und klettert ins Freie. Er hetzt zu einem Nachbarn, klingelt an dessen Haustür Sturm. Als der Nachbar öffnet, geht alles ziemlich schnell. Die Polizei wird alarmiert und ist auch bald vor Ort. Die Täter sind wohl über alle Berge.

Gangster rauben Eherpaar in Hamm aus: Warum den VW?

Zunächst treffen die Streifenpolizisten am Tatort ein. Sie stellen viele Fragen. Peter R. und seine Frau antworten, so gut es geht. Sie stehen beide neben sich, haben aber immerhin keine ernsthaften Verletzungen davongetragen.

Um 6 Uhr ist Schichtwechsel. Neue Beamte fahren zu dem Haus, das in der Nähe des Pilsholz’ liegt. Auch sie stellen Fragen – teils dieselben wie ihre Vorgänger. „Kann man so etwas nicht anders regeln?“, fragt sich Peter R. bis heute. Lob spricht er ausdrücklich den Kriminalermittlern aus.

Nicht nur die Wertgegenstände aus dem Haus wurden von den Tätern mitgenommen. Auch der VW Beetle der Ehefrau zählt zur Beute der vier Männer. Er wird einen Tag später am Mitfahrerparkplatz in Rhynern von Zeugen gefunden. Warum stiehlt man ein Auto und stellt es ein paar Kilometer weiter wieder ab? Stand in Rhynern das eigentliche (oder ein weiteres) Fluchtfahrzeug?

Die Polizei geht davon aus, dass die Bande einen Wagen im Bereich Forstlandwehr, Akazienallee oder Pappelallee abgestellt hatte. Passte die Beute nicht mehr komplett in diesen Wagen? Kamen zwei der Männer deshalb (in dem Moment, als sich das Paar das erste Mal aus dem Schrank zu befreien versuchte) noch einmal zum Haus zurück, um den VW Beetle zu holen? Warum wurde der weitaus wertvollere BMW von Peter R. nicht auch entwendet? Wussten die Täter, dass in diesem ein Ortungssystem verbaut ist?

Fragen über Fragen, die auch die Ermittler vom Kriminalkommissariat 2 beschäftigen. Fest steht, dass die Männer von „hinten“, über den Garten kamen. Lautlos und professionell brachen sie die Terrassentür auf und verschwanden auch wieder durch den Garten. Eine heiße Spur gibt es bis heute nicht.

Gangster rauben Eherpaar in Hamm aus: ein ganz schlechter Film

Warum wir, warum gerade bei uns?“ Seit mehr als zwei Wochen geistert diese Frage durch die Köpfe von Peter R. und seiner Frau. „Natürlich hatten die einen Tippgeber“, ist der Geschädigte überzeugt. „Aber wer ist das gewesen?“

Immer und immer wieder laufe das Erlebte in seinem Kopf ab. „Das ist bislang die Art und Weise, auf die ich das kompensiere. Wie in einem ganz schlechten Film.“ Seine Frau sei aber noch viel stärker von den Ereignissen gezeichnet. Sie sei auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen.

Dass er nun eine Belohnung von 10.000 Euro ausgelobt habe (siehe Info weiter oben), geschehe nicht, um den materiellen Schaden auszugleichen. Peter R.: „Nein, darum geht es nicht. Ich will, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Solche Menschen dürfen nicht davonkommen.“

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