Nähmaschinen und Baumwolle ausverkauft

Nadelstiche gegen Corona: Bedarf an Stoffmasken löst in Nähzentrum Boom aus

Tausende Meter Baumwolle gebunkert: Mechthild Aufermann zeigt im Nähzentrum den Stoff, aus den Mund-Nasen-Bedeckungen genäht werden. Im Frühjahr fand er so reißenden Absatz, dass sie ausverkauft war.
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Tausende Meter Baumwolle gebunkert: Mechthild Aufermann zeigt im Nähzentrum den Stoff, aus den Mund-Nasen-Bedeckungen genäht werden. Im Frühjahr fand er so reißenden Absatz, dass sie ausverkauft war.

Das Coronavirus ist weiter auf dem Vormarsch. Nähen aber auch. Das ist eine Kampfansage. Mehr noch: Mechthild Aufermann und das Team ihres Nähzentrums haben sich gewappnet.

Werries – „Ich weiß nicht, wie viel tausend Meter Baumwolle wir haben, aber das passiert mir nicht mehr: Ich hatte kein Schwarz, Blau und Grau mehr“, sagt sie über ihr Stofflager im Frühjahr. Als die Einwegmasken überteuerte Mangelware waren, begann das Nähen zu boomen. Die Menschen fertigen seitdem selbst Mund-Nasen-Bedeckungen an.

Nähgeschäfte sind selten geworden. Kunden des Nähzentrums kommen laut Aufermann aus einem Umkreis von 50 Kilometern. Dann kamen mit dem Lockdown im März noch die Gelegenheitsnäher hinzu und die, die das Handwerk für sich entdeckten. Sie brauchten für ihre Masken mehr Baumwollstoffe in neutralen Farben, als das Lager am Alten Uentroper Weg hergab. „Europaweit waren die drei Farben ausverkauft“, sagt sie. Dann hat ihr doch noch ein dänischer Großhändler helfen können. Sie verwendet nicht irgendwelche Materialien, sondern biozertifizierte Baumwolle. Es gebe zwar auch andere, aber Stoffe, die 40 Mal mit Gift besprüht worden seien, gehörten nicht vor den Mund. „Jetzt habe ich die Baumwolle gebunkert“, sagt sie.

Stoffe und Nähmaschinen gefragt

Auch wenn es mittlerweile genug Einweg-Masken gibt, der Bedarf an handgefertigten Mund-Nase-Bedeckungen scheint mit den Infektionszahlen wieder hochzugehen. Nur jetzt sind die Nähprofis und Amateure vorbereitet – auch technisch. Mechthild Aufermann muss lachen, wenn sie an die defekten „Museumsmaschinen“ denkt, die ihr Leute im Frühjahr in den Hof gestellt hatten. Das Geschäft war wie andere auch geschlossen. Der Lieferservice für Ersatzteile und Stoffe war davon ausgenommen. „Die Leute brauchten ja Baumwolle und Gummiband“, sagt sie. Das geht ohne hautnahen Kontakt. Die Kunden kamen. Sie stellte die Ware vor das Geschäft und zeigte hinter der Scheibe die Rechnung mit dem zu überweisenden Betrag. Fertig.

Als das Nähzentrum nach etwa sechs Wochen wieder öffnete, gab es einen „Run“ auf Nähmaschinen. „Wir waren zeitweise ausverkauft“, sagt Aufermann. Die Maschinen, die sie im April und Mai bestellte „trudeln erst jetzt alle nach und nach ein. Ich frage mich, wie viele brauche ich noch, wie viel Platz habe ich, und kriegen wir die alle noch verkauft? … Ich denke schon.“

Die Maske als modisches Accessoire

Als der Lieferengpass bei Einwegmasken vorbei war, fuhren die Menschen ihre heimische Produktion merklich runter. Zu spät für die trendigen Stoffe für die Frühjahrs- und Sommer-Bekleidung. Sie drohen zum Ladenhüter zu werden. „Wir haben in den ersten Monaten nur Baumwolle für die Masken verkauft“, sagt Aufermann.

Jetzt ist etwas Normalität eingekehrt. Die sechs Mitarbeiter machen keine Kurzarbeit mehr. „Die Nachfrage im Geschäft ist stark“, sagt die 66-Jährige, auch wenn derzeit weniger Kunden kommen. Sie brauche nicht zu klagen. Muster für Herbst- und Winter-Bekleidung gehen über die Ladentheke. Da bleibt auch mal ein Stoffrest für eine Mund-Nasen-Bedeckung übrig. Was zu erwarten war: Sie ist zum modischen Accessoire geworden und soll passend zur Kleidung sein. Kunden mit Stickmaschinen sticken Sprüche, Monogramme und Bilder, wie ein Mund samt Zunge darauf. „Die Leute werden erfinderisch“, sagt Aufermann.

Anregungen: In einer Box zeigt das Nähzentrum Muster für Mund-Nasen-Bedeckungen, die die Kunden nachmachen können.

Nähkurse und aufbauende Gespärche

Das soll nicht über den Ernst der Lage hinwegtäuschen. Nähen in Coronazeiten ist mehr. Mechthild Aufermann ist die „Psychologin“ im Laden. „Heute schon eine gute Tat begangen?“, wird sie von ihren Kolleginnen gefragt. Der Lockdown, nicht raus zu können, hat manchen Kunden und guten Bekannten depressiv gemacht. „Sie hockten nur zu Hause“, sagt sie und führt mit ihnen aufbauende Gespräche und versorgt sie mit Nähmaterial.

Acht Nähkurse laufen derzeit im Zentrum, coronabedingt mit nur vier bis sechs Personen. Sie sind zwischen 10 und 86 Jahre alt. Die Jüngeren sind froh, wenn sie schon nicht in den Urlaub fahren können, wenigstens in den Nähkurs zu dürfen. „Den alten Mädels fehlt was, wenn sie allein zu Hause sind“, sagt sie. Hygieneregeln, Abstand halten, Maske tragen, all das macht ihnen nur wenig aus. Sie seien froh, wenn sie wöchentlich kommen und mit jemanden reden könnten. „Nähen ist richtig was für die Seele“, sagt Aufermann.

Optimierung der Maskenherstellung

Angesichts der rapide wachsenden Infektionszahlen hält sie es für möglich, dass das Maskennähen bald schon wieder boomt. Sie stellt erste Anzeichen dafür fest. Ein Extraregal für die Baumwollstoffe hatte sie zwischenzeitlich wieder abgebaut. Jetzt steht es wieder. Die Maskenproduktion selbst hochzufahren, dafür hat das Team des Nähzentrums keine Zeit. Das sollen ja die Kunden machen. In einem Kasten bieten sie nur eine Auswahl an Mustern. Maske ist nicht gleich Maske. Mit den Monaten haben die Näherinnen sie optimiert.

Durch das anfängliche, dreilagige Model bekam der Träger kaum Luft. Bei Aufermanns wird dagegen feinfädige Baumwolle vernäht. Als Gummibandersatz verwenden sie sogenannte Jerseynudeln. „Jetzt, wo es mehr wird, nähen wir ein spezielles Vlies ein, das die Luft noch mehr filtert. Es ist aber nicht medizinisch“, sagt sie. Es besteht aus recyceltem Kunststoff. Dass medizinische Masken wieder lieferbar sind, findet sie zwar „super“, aber durch sie entstehe viel Müll. Werden sie feucht, müssten sie ersetzt werden, genauso wie die aus Stoff. Die werden allerdings gewaschen und wieder benutzt. So liegt bei Aufermanns für das ganze Team ein stets gefülltes Säckchen mit sauberen Masken bereit – so lange, bis die Corona-Krise vorbei und die Masken zumindest zum Schutz überflüssig geworden sind.

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