„Es kann ganz schnell gehen“

Nachts ist alles in Ordnung: Ein Wohnungsloser aus Hamm erzählt

Die Innenstadt und der Hammer Süden – hier fühlt sich Manfred Müller am wohlsten.
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Die Innenstadt und der Hammer Süden – hier fühlt sich Manfred Müller am wohlsten.

Auf den ersten Blick ist das Leben von Manfred Müller ein ganz normales. Was den Endfünziger aber von anderen unterscheidet: Er ist einer von aktuell 362 Wohnungslosen in Hamm, die keine eigene Bleibe haben. WA.de erzählt er von seinem Alltag.

Hamm – Er ist ordentlich gekleidet, kommt völlig unauffällig herüber, grüßt freundlich und ist auch ansonsten einfach sehr nett und höflich: Mit unserer Zeitung hat Manfred Müller (Name geändert) darüber gesprochen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, wie er seine Zukunft sieht und warum er verstehen kann, dass pöbelnde Obdachlose bei Passanten ein Gefühl des Unbehagens und der Unsicherheit auslösen können.

Rückblick: Viele Jahre lang lebte Müller wie jeder andere auch – und das glücklich. Er, der auch gebürtig aus Hamm kommt, hatte eine Wohnung, einen Job und eine Frau, die ihn liebt und mit der er Nachwuchs erwartete. Mit einem fatalen Seitensprung zerstörte er das scheinbar perfekte Familienleben jedoch. Als später auch noch sein Arbeitgeber starb, verlor er schließlich seinen Job. Ohne Geld konnte er sich keine Wohnung leisten. Zwölf Jahre ist das nun her. „Es kann ganz schnell gehen“, sagt Manfred Müller.

Seither schlägt er sich in Hamm durch. Wo er hingeht, wenn er unterwegs ist, verrät er nicht. Dabei ist Müller ein sogenannter verdeckter Wohnungsloser, der zum Schlafen bei Bekannten unterkommt. Anlaufstellen hat der Endfünfziger mehrere, wobei hierbei seine frühere Lebensgefährtin eine wichtige Rolle spielt. „Ich bin oft dort“, sagt Müller und fügt hinzu, dass sie auch sein Geld – er bekommt Hartz IV – verwaltet und für ihn einteilt. Ein eigenes Konto hat er schließlich nicht. „Das Geld ist knapp“, findet Müller, für den das Finanzielle aber nur einer von mehreren Gründen ist, warum er seit nun mehr vielen Jahren keine eigene Bleibe hat.

330 Menschen verdeckt wohnungslos

In Hamm leben über 330 Menschen verdeckt wohnungslos, die nicht im Stadtbild auffallen, da sie zum Schlafen meist vorübergehend bei Freunden, der Familie oder auch Behelfsunterkünften wie Gartenlauben unterkommen. Dazu leben in Hamm etwa 25 bis 30 Obdachlose – deren Präsenz vor allem in der Innenstadt zuletzt für viele Diskussionen um das Sicherheitsgefühl von Passanten gesorgt haben – offen auf der Straße, in Parks, Kellern, Garagen oder Parkhäusern. Oft sind die Betroffenen nicht freiwillig in dieser Situation. Allerdings gibt es auch Menschen, die – aus verschiedenen Gründen – die Hilfsangebote nicht annehmen wollen. „Obdachlosigkeit ist ein Phänomen, nicht nur in Hamm“, sagt Martina Denter von der Sozialberatungsstelle der Evangelischen Perthes-Stiftung, die mit ihren zwei Kolleginnen rund 120 wohnungslose Menschen berät. Neben der Perthes-Stiftung kümmern sich in Hamm auch der Katholische Sozialdienst, der Arbeitskreis für Jugendhilfe und der Caritasverband in Kooperation mit der Stadt um Wohnungslose.

Ein Aspekt, der sich aus seiner Sicht nicht mit einer eigenen Wohnung verträgt: „Ich bin ein Nachtmensch“, sagt er, der deshalb nachts oftmals spazieren geht – und das in ganz Hamm. „Ich fühle mich frei“, erklärt er näher, warum es ihn zu später Stunde oftmals nach draußen zieht. Dabei sei er oft alleine und damit kein Teil der Szene von offenen Obdachlosen.

Wohnungslos in Hamm: mit der Situation abgefunden

Manchmal wäre es schon schön, eine Wohnung zu haben, sagt Manfred Müller. So richtig vermisse er eigene vier Wände aber auch nicht. Denn so etwas wie einen Rückzugsort brauche er nicht. Was es aber auch schwierig macht: Wenn, dann müsste die Wohnung im Hammer Süden sein, denn daran hängen sein Herz und seine Kontakte. Deshalb hat Müller auch das Angebot seines mittlerweile erwachsenen Kindes nicht angenommen, zu ihm in ein anderes Bundesland zu ziehen.

Es entsteht aber auch der Eindruck, dass sich Manfred Müller nach so vielen Jahren mit der Situation abgefunden hat. Ob er überhaupt noch aktiv nach einer Wohnung sucht? „Ich höre mich oft um, auch für andere“, sagt der früher Arbeitstätige, der sich damit aber vielleicht sogar manchmal selbst im Weg steht. Denn sich mehr um andere, als um sich selbst zu kümmern, habe ihn aufgrund von Schicksalsschlägen in der Kindheit frühzeitig geprägt.

Wohnungslos in Hamm: Absagen bis heute nicht vergessen

Doch es gibt weitere Aspekte, die mittlerweile zu einer gewissen Resignation bei der Wohnungssuche geführt haben. „Wenn Vermieter hören, dass ich obdachlos bin, winken die ab“, erzählt Manfred Müller über seine Erfahrungen. Ein anderer Aspekt: Um Informationen über Unterstützungsangebote zu bekommen, würde man sich meist an ebenfalls Betroffene anstatt an die entsprechenden Stellen bei der Stadt oder den freien Trägern wenden. So kommt es zu Missverständnissen und falschen Infos, wie ein Beispiel zeigt: Ein Bekannter habe ihm gesagt, dass die Stadt nur einen Kredit für eine Erstausstattung einer Wohnung gebe, wie Müller im Gespräch erzählt. Das ist allerdings so nicht richtig, denn wer bisher noch gar keine Möbel hat, der bekommt eine finanzielle Hilfe, die er nicht zurückzahlen muss. Dazu kommt: Die Absagen bei der Wohnungssuche in der Vergangenheit hat Manfred Müller bis heute nicht vergessen.

Lösungen finden: Martina Denter (links) und Stefanie Börste arbeiten in der Sozialberatungsstelle der Perthes-Stiftung.

Dabei ist es nicht so, dass Müller keine Hilfe bekommt. Um günstig zu essen, nutzt er die Franziskusküche der Caritas und die Hammer Tafel. Auch hält er Kontakt mit der Sozialberatungsstelle der Evangelischen Perthes-Stiftung, deren Hauptaufgaben aber darin liegen, den Obdachlosen eine Posterreichbarkeit zu bieten. Denn nur so können sie Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Auch die Geldverteilung an die Betroffenen übernehmen die Perthes-Mitarbeiter, sofern dies gewünscht ist. Trotz des regelmäßigen Kontaktes sieht Manfred Müller die Hilfsangeboten in Hamm grundsätzlich kritisch. „Ich habe noch nie einen Streetworker in Hamm gesehen“, sagt er, der aber zumeist nachts unterwegs ist.

Wohnungslos in Hamm: „Ich werde immer gut behandelt“

Beim ihm ist die Mischung aus Resignation, schlechten Erfahrungen und ein für ihn undurchsichtiger Bürokratie-Dschungel aber nur eine Seite. Denn grundsätzlich über seine Situation klagen möchte der Endfünfziger nicht. „Mir geht es gut“, sagt er und meinte dies sowohl körperlich als auch vom seelischen Wohlbefinden. Dass in seinem Leben allerdings auch eine Erkrankung in Form einer Alkoholsucht eine Rolle spielt, verschweigt er. Wichtig ist ihm aber, dass er in der Öffentlichkeit nicht großartig auffällt. „Ich werde immer gut behandelt“, sagt er hinsichtlich der Reaktionen.

Ihm sei aber auch bewusst, dass dies vor allem bei offen Obdachlosen anders ist. „Ich kann verstehen, wenn sich Menschen unsicher fühlen“, erklärt er in Bezug auf Obdachlose, die aggressiv und fordernd sind. Da fühle selbst er sich manchmal unwohl, wenn jemand im Drogenrausch pöbelt.

Was sich der Hammer wünscht? Dass auch Obdachlose respektvoll angesprochen und behandelt werden. Er findet es jedenfalls besser, miteinander statt übereinander zu reden. Nur so könne auch eine Lösung für die aktuelle Debatte in Hamm gefunden werden. Er selbst wird dabei auch weiter seinen Weg gehen – egal, wie sich sein Leben noch gestalten wird.

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