Mentor, Förderer, Freund

Nach dem Tod von „Milli-Vanilli-Stimme“: Hammer erinnert sich an seine Zeit mit John Davis

Experten am Mischpult: John Davis war öfter zu Gast im Studio von Oliver Frerichmann in Hamm.
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Experten am Mischpult: John Davis war öfter zu Gast im Studio von Oliver Frerichmann in Hamm.

Der Sänger, Bassist und Songschreiber John Davis aus South Carolina wurde der breiten Öffentlichkeit als eine der echten Stimmen des Frank-Farian-Fakes „Milli Vanilli“ bekannt. Er starb am 24. Mai Fürth mit 66 Jahren in Folge einer Covid-19-Infektion. Im Laufe seiner Karriere machte er auch in Hamm Station.

Hamm – „Ohne ihn wäre mein Leben definitiv anders verlaufen“, sagt der bekannte Hammer Musiker und Produzent Oliver Frerichmann über John Davis.

Der vielseitige Musiker, der für Milli Vanilli auch den Hit „Baby, don’t forget my number“ textete, trat mit vielen bekannten Künstlern wie Marianne Rosenberg, Sasha, Eric Burdon, Robin Beck und Uwe Ochsenknecht auf. 1984 wurde er für einen damals 15-jährigen Nachwuchsmusiker aus Hamm Auslöser für eine erfolgreiche Karriere. Oliver Frerichmann sagt über ihn: „Er war mein Mentor, Förderer und Freund.“

Oliver Frerichmann trifft John Davis bei einem Auftritt

Frerichmann erinnert sich an die Zeit, in der er nach Gitarre, Schlagzeug und Klavier auch das Bassspielen startet: „Jürgen Manteufel von City Music machte mich in seinem Laden auf einen Auftritt in der Dorfeiche aufmerksam. Da würde ein fantastischer Bassist das neue Equipment von Warwick vorstellen. Da müsste ich unbedingt hingehen.“

Der Auftrittsort machte den jungen Musiker skeptisch, er rechnete mit älterem Publikum. Aber er ging an dem Dienstagabend hin, war zu früh und geriet in den Soundcheck hinein. John Davis, für andere Musiker immer offen, fragte ihn, ob er auch Bass spiele und drückte ihm spontan ein Instrument in die Hand. Was der Amerikaner zu hören bekam, gefiel ihm so gut, dass er Frerichmann beim Gig auf die Bühne holte. Und der griff gekonnt in die Saiten.

„Gerade Bassisten waren bei den hiesigen Bands damals selten und gefragt“ erinnert sich Frerichmann. Noch am Abend bekam er die Rufnummern einiger Musiker in die Hand gedrückt. Aber die wichtigste Nummer gab ihm Davis, er könne jederzeit anrufen, solle sich dann als „15 year old bass player“ melden.

Musikmesse 1987: Oliver Frerichmann und John Davis präsentierten Instrumente von Yamaha.

Frerichmann stieg in der Folge bei der Hammer Band „Kodiak“ ein. Gleichzeitig blieben der erfahrene und der junge Bassist in Kontakt. 1987 präsentierten Davis und Frerichmann bei der Frankfurter Musikmesse gemeinsam Instrumente und Ausrüstung von Yamaha. „Yamaha hatte damals eine Halle für sich“, erinnert sich Frerichmann.

Frerichmann: „John Davis war mein Mentor, Förderer und Freund“

1987 war auch das Jahr, in dem er mit seinen eigenen Ideen durchstartete. So führte er in Hamm erstmals das Konzept der Hausband ein – unter anderem im Hoppe-Garden und im Bootshaus. Gerade sein Kontakt zu Davis wirkte sich auf die Hammer Szene aus, die Frerichmann mit Funk und Soul bereicherte.

Über Davis kam der Hammer mit zahlreichen Künstlern in Kontakt, so war der Amerikaner auch Bassist in der Formation des berühmten Schlagzeugers Curt Cress.

Dass Davis mehr war als eine der Stimmen hinter Milli Vanilli, bewies er nicht nur in TV-Shows wie „Wetten dass?“ mit Thomas Gottschalk, der RTL-Chartshow und bei Jürgen von der Lippe. Er schrieb erfolgreich Filmmusiken und überzeugte bei seinen unzähligen Auftritten durch seine Vielseitigkeit. Seine Bandbreite reichte über Rock und Pop bis zu Jazz. Diese Vielseitigkeit bewies er 2011 auch im Hammer Kurhaus.

Überraschungsgast auf der Caritas-Gala

Frerichmann berichtet darüber: „Mit meiner Band Kabellos bespielte ich die Caritas-Verbands-Gala. Da John zeitgleich bei mir im Jabbamusic- Studio war, um sein Album bei mir zu mixen, fragte ich ihn, ob er am Samstagabend als Überraschungsgast dazustoßen könnte, was er auch tat. Mein Kunde, die Caritas, konnte es kaum glauben. Wie ich damals hörte, war das wohl noch Monate danach Gesprächsthema.“ Rund 700 Leute erlebten den Überraschungsauftritt mit. Es wurde eine besondere Party.

Damals war Frerichmanns Tonstudio noch in Pelkum, John Davis war bei seinem damaligen Aufenthalt nicht nur Gast am Mischpult, sondern auch in Frerichmanns Privatwohnung. In vielem ist Oliver Frerichmann seinem Mentor gefolgt – so war auch Davis als Produzent und Förderer von Talenten tätig.

Der Musik-Skandal

Milli Vanilli war ein von Frank Farian produziertes Discopop-Duo, das aus Fab Morvan und Rob Pilatus bestand. Der anfangs große Erfolg des Duos endete 1990 in einem Skandal, als bekannt wurde, dass sie keines ihrer Lieder selbst gesungen hatten. Ihr Part bestand lediglich darin, die per Playback abgespielten, von anderen Künstlern gesungenen Lieder tänzerisch zu begleiten und synchron die Lippen zu bewegen.

Der Hammer besuchte den älteren Freund und Kollegen auch in dessen Wahlheimat Fürth. Davies’ erwachsene Tochter Jasmin, die jetzt die traurige Nachricht zuerst auf Facebook veröffentlichte, kennt er noch als vier, fünfjährigen Stöpsel.

Frerichmann erfuhr über die Jahre von Davis auch viel Hintergründiges über Milli Vanilli. So bekam Davis als Texter für den bereits genannten Hit einmal Tantiemen von 97.000 DM für die ersten Wochen nach der Veröffentlichungen – als Stimme im Hintergrund wurde er dagegen mit einer Gage von 21.000 DM abgespeist. Die Frontmänner bewegten nur ihre Münder zum Playback. 1990 flog die Mogelei dann auf. Vorteil für Davis – Stimme und Gesicht konnten zusammen auftreten. Frank Farian hatte das Konzept der Fremdstimmen auch schon bei Boney M. eingesetzt.

Nicht nur, dass Oliver Frerichmann seinen Mentor und Freund musikalisch vermissen wird – besonders traurig macht es ihn, dass John Davis sich wohl für eine gute Sache, bei einem Benefizauftritt in einer Klinik, mit dem Virus infizierte. Frerichmann: „Er wollte den Leuten eine Freude machen.“

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