Kritiker melden sich zu Wort

Konterkariert der "Erlebensraum Lippeaue" den Naturschutz?

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Baggereinsatz für den Erlebensraum Lippeaue, hier im Bereich der "Schweinemarsch" westlich der Münsterstraße.

In den Applaus des Nabu für den „Erlebensraum Lippeaue“ stimmen nicht alle Hammer Umweltschützer ein. Sie kontern mit teils scharfer Kritik. Die Planer überrascht das; sie beklagen fehlerhafte und falsche Darstellungen.

Hamm – Man gestehe der Gesamtplanung zwar auch sinnvolle Aspekte zu, doch es sei leider „nicht alles Gold, was glänzt“, beklagen Verbandsvertreter des BUND und des LNU. Dabei zielen sie vor allem auf das künftige Plateau ab.

Tatsächlich solle ein Erlebensraum auf Kosten des Naturschutzes geschaffen werden. „Hier sollte die Biotopentwicklung Vorrang genießen, nicht der Spaßfaktor für Menschen, die die Aue nutzen wollen“, findet Ulrich Schölermann, der die Landesgemeinschaft für Naturschutz und Umwelt (LNU) in Hamm bei der Beurteilung von Bebauungsplänen vertritt.

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"Überschwemmungsfläche fällt weg"

„Durch das Aufschütten (...) wird der Lippeaue eine fünf Hektar große Überschwemmungsfläche genommen. Hochwasserschutz war aber bisher Sinn der Planung“, argumentiert Schölermann gemeinsam mit Paul Ortmann und Michael Walterscheid von BUND in einer gemeinsamen Stellungnahme. Das Argument, dass 18.000 Lkw-Fahrten zur Verbringung des Bodenaushubs auf Deponien nun nicht mehr nötig seien, zeige auf, wie umweltschädlich für das Klima die bisherige Planung gewesen sei. Und weiter: „Jetzt wird dieses Argument benutzt, um die aktuelle Planänderung schön zu reden.“

Kritiker der Planung: Ulrich Schölermann.

Diese sei sogar so erheblich, dass der Lippeverband ein neues Plangenehmigungsverfahren bei der Bezirksregierung Arnsberg beantragen müsste, wettern die Umweltschützer. Ein so „umfassendes Planverfahren mit Hinterzimmergesprächen mit einigen Vereinsvertretern“ dürfe es nicht noch einmal geben. „Dieses Vorhaben besitze ein Geschmäckle, das es in sich hat“, so die Naturschutzexperten.

Stadt: "Großes Plus an Naturnähe"

Die Stadt Hamm, gemeinsam mit dem Lippeverband für die Projektentwicklung verantwortlich, weist die Kritik grundsätzlich und im Detail zurück. „Die Maßnahmen gehen nicht zu Lasten der ökologischen Werte der Lippeaue“, meint der Hammer Umweltamtschef Dr. Oliver Schmidt-Formann. Im Gegenteil: „Die großflächigen Verbesserungen, allein schon und insbesondere die Umwandlung von intensiv landwirtschaftlich genutzten Äckern und Grünland in extensiv bewirtschafteten Wiesen, bringen ein großes Plus an Naturnähe in die Aue.“

Eindrücke vom Erlebensraum Lippeaue im Herbst 2019

Schmidt-Formann schränkt zugleich ein: „Klar ist aber, dass wir aufgrund der Förderbestimmungen der EU und des Landes NRW eben kein reines Naturschutz-Projekt analog der beiden Life-Projekte auf den Weg bringen konnten, sondern den Freizeitwert für die Menschen in Hamm angemessen berücksichtigen. Mit dem 'Erlebensraum' schaffen wir diesen Spagat.“ Die Lippeaue mit Freizeitwert zu erleben, schaffe bei den Menschen ein Bewusstsein für Ökologie und den Stellenwert der Natur.

"Keine Hinterzimmergespräche“

Falsch sei auch, dass durch das Plateau Überschwemmungsgebiet verloren gehe, sagt der Umweltfachmann der Stadt: „Die Fläche, auf der das Plateau angelegt wird, (...) liegt außerhalb des bestehenden Überschwemmungsgebietes", sagt er. Korrekt sei allein, dass ohne die ursprünglich geplante Deichverlegung ein Zugewinn von Überschwemmungsfläche ausbleibe.

Mitverantwortlich für die Planung: Oliver Schmidt-Formann.

Verständnislos reagiert Schmidt-Formann auf die „Hinterzimmergespräche“-Vorwürfe. Tatsächlich sei „kaum ein Projekt und Genehmigungsverfahren in der Öffentlichkeit in dieser Detailtiefe bekannt gegeben wie der 'Erlebensraum'“, findet der 50-Jährige. Zudem sei das Projekt mehrfach im Beirat bei der Unteren Naturschutzbehörde vorgestellt worden. In diesem seien alle Naturschutzvereine, also auch der BUND und der LNU, vertreten. Mehrere Angebote für Gespräche und Diskussionen seien von diesen Verbänden wiederholt nicht wahrgenommen worden.

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