Wenn das Amt sich stur stellt

Hammer Mutter durchlebt nach Geburt unglaubliche Behörden-Odyssee

Klaudie und Alexander Schrutek aus Hamm warten auf die Geburtsurkunde.
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Klaudie und Alexander Schrutek warten auf die Geburtsurkunde.

Als die Hammerin Klaudie Schrutek (41) am 4. August ihren kleinen Sohn Alexander nach einer Kaiserschnittgeburt im Ahlener St.-Franziskus-Hospital endlich in den Armen hält, glaubt sie, dass das Schlimmste vorbei ist. Tatsächlich steht die frischgebackene Mutter am Anfang einer Ämter-Odyssee, die bis heute andauert.

  • Eine frisch gebackene Mutter erlebt eine Behörden-Odyssee.
  • Es gibt beim Standesamt Probleme bei der Geburtsurkunde für Sohn Alexander.
  • Das Problem: der Nachname der Frau aus Hamm, die gebürtig aus Tschechien kommt.

Hamm – Da Alexander in Ahlen geboren wurde, muss auch in Ahlen die Geburtsurkunde ausgestellt werden. Die Geburtsanzeige vom Krankenhaus trifft am 11. August beim dortigen Standesamt ein. Am 17. August haben Klaudie Schrutek und der Kindsvater einen Termin beim Ahlener Standesamt, zu dem sie die Geburtsurkunde des Kindsvaters, die Vaterschaftsanerkennung und Klaudie Schruteks Geburtsurkunde mitbringen. In letzterer steht der Nachname „Schrutková“, die in Tschechien gebräuchliche weibliche Form des Nachnamens Schrutek, denn Klaudie Schrutek ist im tschechischen Bezirk Nachrod zur Welt gekommen.

Junge Mutter durchlebt Ämter-Odyssee: Sie muss ihre Identität beweisen

Die Erklärung, dass in Tschechien automatisch bei Frauen an jeden Nachnamen ein „ková“ gehängt wird, genügt nicht. Die Unstimmigkeit wird zum Problem: Klaudie Schruteks Personalausweis-Daten stimmen nicht mit denen in der Geburtsurkunde überein, sie sieht sich damit konfrontiert, ihre Identität beweisen zu müssen. Ohne Klärung keine Geburtsurkunde auf den Namen „Alexander Schrutek“.

An diesem Punkt kommen Klaudie Schruteks Eltern ins Spiel. Die Mutter, gebürtige Tschechin, und der Vater, Deutscher, haben im Juli 1979 in Tschechien geheiratet. Eine Heiratsurkunde, die im November 1979 ausgestellt wurde, belegt das. In der Urkunde ist auch vermerkt, dass alle Kinder künftig den Namen „Schrutek“ tragen sollen. Die Geburtsurkunde von Klaudie Schrutek wurde noch in Tschechien ausgestellt – und zwar vom selben Amt, das auch die Eheschließung und die Familiennamensgebung dokumentierte. Aber: auf den Namen Schrutková.

Junge Mutter durchlebt Ämter-Odyssee: Staatsbürgerschaft nicht rechtens?

Kurze Zeit später ging es für den Vater samt Familie zurück nach Deutschland. Der Vater habe sie ordnungsgemäß beim Amt als sein Kind und eben „Klaudie Schrutek“ angemeldet, so die Tochter heute. Die Mutter habe die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. „Kinderausweis, Personalausweis – alles läuft unter dem Namen Schrutek. Ich spreche kein Wort Tschechisch und habe meine Ausbildung und auch mein Biologie-Studium unter dem Namen Schrutek absolviert“, sagt Klaudie Schrutek. Die gelernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte versteht die Welt nicht mehr.

Da Alexander in Ahlen geboren wurde, muss auch in Ahlen die Geburtsurkunde ausgestellt werden. Damit nehmen die Probleme ihren Lauf.

Auf dem Standesamt sei sogar angezweifelt worden, dass die deutsche Staatsbürgerschaft rechtens sei. Sie hat mittlerweile neue Übersetzungen von Geburtsurkunde und Heiratsurkunde beigebracht und steht im Kontakt mit der tschechischen Botschaft. Dort habe man ihr mitgeteilt, dass man gar nicht für Klaudie Schrutek tätig werden könne, da sie ja keine Tschechin sei. Einzige Option: Klaudie Schrutek müsste die tschechische Staatsbürgerschaft beantragen, um dann zu versuchen, die Geburtsurkunde ändern zu lassen. Der zuständige Botschaftsmitarbeiter riet allerdings davon ab – der Ausgang eines solchen Verfahrens sei ungewiss und fast schon absurd.

Junge Mutter durchlebt Ämter-Odyssee: Verfahren existenzgefährdend

In Ahlen verlangte man dann von Schrutek, dass sie eine sogenannte 47er-Erklärung beibringen müsse – damit gemeint ist der Antrag auf eine Namensangleichung nach Artikel 47 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch (EGBGB) in ihrer Heimatstadt Hamm. In Hamm wurde ihr erklärt, dass das nicht gehe, da es sich in Schruteks Fall nicht um eine Einbürgerung handele. Die Hammer Verwaltungsmitarbeiter versprachen, zu helfen, soweit sie können, und beruhigten Schrutek, dass es sich um einen Standardfall handele.

„Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft automatisch durch meinen Vater bekommen“, sagt Schrutek. „Ich habe einen deutschen Pass, also bin ich Deutsche.“ Das Amt in Ahlen forderte einen Beleg aus Tschechien, wie Schrutek die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt habe. Allerdings: „Einen solchen Beleg gibt es in Tschechien nicht“, fasst Schrutek das Ergebnis ihrer Recherchen zusammen. Sie wirkt verzweifelt.

Trotz des Zuspruchs empfindet die alleinerziehende Mutter das Verfahren mittlerweile als existenzgefährdend. Sie hat Anspruch auf Kindergeld, Elterngeld und Mutterschaftsgeld. Um das beantragen zu können, ist eine Geburtsurkunde des Kindes erforderlich. Das Amt in Ahlen habe – nach mehreren Nachfragen und der Androhung rechtlicher Schritte – stellte zwischenzeitlich mehrere vorläufige und kostenpflichtige Bescheinigungen wegen Zurückstellung der Beurkundung zur Vorlage bei den entsprechenden Stellen aus.

Junge Mutter durchlebt Ämter-Odyssee: Anspruch auf Kindergeld gefährdet

Am Freitag erreichte Schrutek ein Brief, dass die ID-Steuernummer des Kindes benötigt werde und die vorläufige Bescheinigung nicht ausreiche. „Wenn ich die nicht beschaffen kann, verfällt womöglich mein Anspruch. Und die ID gibt es erst, wenn ich eine richtige Geburtsurkunde vorlege“, weiß Schrutek, die mittlerweile völlig überfordert ist, ebenso wie die restliche Familie.

Der Vater setzte sich in dieser Woche ins Auto und fuhr nach Tschechien, in der Hoffnung, weitere Beweise dafür beschaffen zu können, dass Klaudie Schrutek eben Klaudie Schrutek ist. Auch hofft er, eine neue Geburtsurkunde erwirken zu können. In Ahlen forderte man eine Kopie der Geburtsregistrierung in Tschechien. „Das sei auf der Internetseite der Tschechischen Botschaft zu beantragen, hat man mir im Ahlener Standesamt gesagt“, berichtet Klaudie Schrutek. „Über drei Stunden lang quälte ich mich durch das Formular, was sowohl in deutscher, also auch in tschechischer Sprache ausgefüllt werden muss. Zudem wurde natürlich wieder eine Gebühr fällig.“

Die Mühen zeitigten nicht das gewünschte Ergebnis: Telefonisch habe die tschechische Botschaft ihr mitgeteilt, dass mit besagtem Formular nur wieder eine Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunde beantragt werden könne. Einen Auszug aus dem Geburtenregister kenne man in Tschechien nicht. Klaudie Schrutek hat sich an den Ahlener Bürgermeister Dr. Alexander Berger gewandt, der ihr versichern ließ, dass „seitens der Stadt Ahlen alles getan wird, was im Rahmen der Gesetzeslage auch möglich ist“.

Junge Mutter durchlebt Ämter-Odyssee: „Ich schaffe das nicht mehr“

Sie hat nun einen Anwalt eingeschaltet, ist traurig und erschöpft: „Ich schaffe das nicht mehr. Ich bin Kaiserschnittpatientin, kann nicht einmal das Kind, geschweige denn den Kinderwagen heben. Wie soll ich denn von einem Amt zum nächsten kommen?“ Auch die Kosten summieren sich. Sie habe mittlerweile rund 250 Euro für Dokumente und Übersetzungen ausgegeben, die 25 Euro für die Zurückstellung der Beurkundung mussten per Blitzüberweisung beglichen werden. „Und dann noch die vielen Telefonate ins Ausland, bei denen mein Vater übersetzen musste“, sagt Schrutek. „Andere Mütter können sich erst mal erholen und sich die ersten Wochen ganz auf ihr Kind konzentrieren. Das ist Zeit, die ich nicht zurückbekomme.“

Auf Nachfrage räumt die Stadt Hamm ein, dass man Schrutek weiterhin alle Unterstützung angedeihen lassen wolle. Allein – die Geburtsurkunde müsse in Ahlen ausgestellt werden. Und die Ahlener Verwaltung versichert: „Sobald die Namensführung der Kindesmutter Klaudie Schrutek dem Standesamt durch die Vorlage einer neuen Urkunde (Geburtsurkunde oder beglaubigter Geburtsregisterauszug) mit deutscher Übersetzung oder als mehrsprachige Urkunde nachgewiesen ist, wird die Geburt mit dieser Namensführung beurkundet.“

Der Kampf mit Ämtern, Versicherungen und Gerichten

Für Hanna Moritz aus Hamm geht eine jahrelange Gerichts-Odyssee zu Ende: So lange dauerte es, bis ein betrügerischer Anwalt eine ihr zustehende hohe Geldsumme zahlte. Ein Schlusspunkt ist trotzdem noch nicht gesetzt. Die Posse um den Hammer Corona-Helfer Michael Hesse ist auch beendet: Er wollte eigentlich nur helfen, als er sich freiwillig für Dienste am Corona-Mobil meldete. Dieser Einsatz kam ihn jetzt (fast) teuer zu stehen. Der Grund: eine falsch verschickte Mail des Jobcenters.

Hartz-IV-Bezieher bekommen vom Jobcenter Gutscheine, um Elektro-Geräte oder Möbel zu kaufen. Die Kriterien dafür sind streng. In einem Fall in Hamm war es nicht einmal möglich, die Summe aus eigener Tasche aufzustocken, um eine tauglichere Waschmaschine zu erstehen.

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