"Kurzer Oppeln"

Ins Museum: Ehemaliger KZ-Waggon aus Hamm tritt letzte Reise nach Panama an

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Mit dem Kran auf den Schwertransporter, dann im Frachtschiff ab Bremerhaven weiter nach Panama. Ein jüdisches Museum in Lateinamerika hat ein besonderes Holocaust-Zeugnis vom Hammer Museumseisenbahnverein erworben. Am Montag ging der zehn Tonnen schwere Waggon auf die Reise.

Hamm - Im Schuppen der Museumseisenbahn stehen zahlreiche historische Loks und Waggons. Ein besonders geschichtsträchtiges Modell hat jetzt eine aufwendige Reise angetreten.

Einmal in die Hände spucken und dann mit „Hau ruck“ und vereinten Kräften zum Anheben ansetzen, hätte in diesem Fall nichts genützt. Zehn Tonnen bringt der Güterwagen auf die Waage, der am Montagvormittag am Lokschuppen im Hammer Süden auf den Schwertransporter verladen wurde. Da musste schon ein stattlicher Schwenkkran herhalten, ehe sich der Koloss aus Stahl und Holz auf seine rund 10.000 Kilometer lange Reise begeben konnte.

Ein „gutes“ Stück Eisenbahngeschichte hing da am Haken. „Gut“ bezieht sich auf den historischen Wert des Güterwagens und dessen einst fortschrittliche Bauweise. Weniger auf die Art, wie tausende dieser Wagen vom Typ „kurzer Oppeln“ in der ersten Phase nach ihrer Fertigstellung eingesetzt wurden: Millionen Juden, die zwischen 1941 und 1945 in die Wagen gekarrt wurden, stiegen in Konzentrationslagern wieder aus – und fanden einen grausamen Tod.

Eine neue Bestimmung

Nun soll der Güterwagen mit der Nummer 52153 eine neue Bestimmung finden, als mahnendes Zeugnis des Holocaust. Denn der Abnehmer, der den Wagen vom Hammer Museumseisenbahn-Verein erworben und die Überführung nach Lateinamerika veranlasst hat, ist das „Museum für Freiheit und Menschenrechte“ in Panama-Stadt, das im vergangenen Jahr eröffnet worden ist – als erstes seiner Art überhaupt in Mittelamerika.

Walter Schönenberg.

„Der Kurator war bei uns, hat sich den Waggon angeschaut und ihn für sein Museum erworben“, erzählt Walter Schönenberg, der Vorsitzende der Museumseisenbahn Hamm. Diesen Güterwagen habe man ausgesucht, sagt Schönenberg, „weil er äußerlich noch immer dem Originalzustand entspricht“.

Nur noch wenige Wagen existieren

Dass der in die Jahre gekommene Güterwagen „in hohem Maße reparaturbedürftig“ sei, habe den Hammer Verein veranlasst, sich von dem Güterwagen, der hier zuletzt „als rollendes Lager“ Verwendung fand, zu trennen.

Rund 30.000 Reichsbahn-Güterwagen seines Bautyps mit der offiziellen Bezeichnung „Oppeln - Gms 30“ wurden seit Beginn des Zweiten Weltkriegs produziert. „Heute gibt es weltweit nur noch ein, zwei Handvoll Exemplare davon“, verrät Schönenberg. Und nicht ohne Stolz auf den großen Fuhrpark an traditionellen Eisenbahnfahrzeugen fügt er an: „Zwei davon standen bisher hier in Hamm. Wir haben noch ein weiteres Modell.“

Eisenbahn-Kontakte in die ganze Welt

50 historische Fahrzeuge sind im Besitz der Museumseisenbahn, darunter drei Dampfloks, sieben Dieselloks, zudem neun Reisezugwagen und circa 30 Güterwagen.

Nach dem Krieg kam Wagen 52153 laut Schönenbergs Schilderung zunächst regulär als Güterwagen zum Einsatz, ab Mitte der Siebziger Jahre diente er in Hamm als Bahnhofswagen zum Transport von Ersatzteilen im Ortsgüterbahnhof im Hammer Süden zum Wagenwerk II in Wiescherhöfen.

Bis zur Ankunft in Panama dauert es etwas. „Im Laufe dieses Jahres“, vermutet Schönenberg grob, werde der Güterwagen seinen neuen Bestimmungsort dann erreichen.

9,10 Meter lang, 2,60 Meter breit und 4,10 Meter hoch ist der Güterwagen 52153. Trotzdem ist beim Verladen Millimeterarbeit gefragt.

Der Kontakt kam übrigens unter anderem über den panamaischen Botschafter in Deutschland und den Honorarkonsul in Uganda zustande. Um internationale Kontakte ist man bei den Hammer Eisenbahnfreunden halt nicht verlegen. Das bewies schon ein anderer „Deal“ vor zwei Jahren. „Da hat ein Flachwagen von uns eine noch weitere Reise angetreten“, sagt Walter Schönenberg. Der Wagen kommt heute in Thailand zum Einsatz, als Bauzugwagen im Gleisbau für die S-Bahn in Bangkok.

Aktuell keine Sonderfahrten

Großen Reibach wollte der Hammer Verein nicht mit dem Geschäft machen. Dennoch hilft die Einnahme natürlich – gerade jetzt, wo der Verein seine Sonderfahrten mit den Dieselloks nicht durchführen kann. Corona-bedingt rechnet Schönenberg für die kooperierenden Vereine Museumseisenbahn und Eisenbahnfreunde mit fehlenden Einnahmen im laufenden Kalenderjahr in Höhe von 75.000 Euro.

„Mal sehen, vielleicht geht es ja ab Herbst oder Winter wieder, das kann man aktuell ja gar nicht abschätzen“, so Schönenberg. Besonders bitter sei es, dass dieses Jahr ein besonderes für die Museumseisenbahn sei: Vor genau 30 Jahren habe sie die Strecke zwischen Hamm Süden und Lippborg-Heintrop erworben. „Das hätten wir schön feiern können.“

Transport allein kostet über 25.000 Euro

Wie viel die Museumseisenbahn nun für den Güterwagen erhalten hat? „Wir haben uns fair geeinigt, in etwa auf den doppelten Schrottpreis“, nennt Schönenberg eine Hausnummer. „Wir sind aber vor allem froh, dass der Güterwagen in gute Hände gekommen ist. Es sagt ja auch viel aus, dass das Museum allein für den Transport ein Vielfaches des Kaufpreises bezahlen musste! Allein dafür rechne ich mit 25.000 bis 30.000 Euro.“

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