Uni Münster prüft Cevdet Gürles Doktorarbeit

Cevdet Gürle
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HAMM - Wieviel Magisterarbeit darf in einer Dissertation stecken? Dieser Frage muss sich Dr. Cevdet Gürle stellen, der Vorsitzende der Wählergruppe „Pro Hamm“ und Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl am 25. Mai. Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) hat nach einer Anfrage unserer Zeitung ein internes Verfahren zur Prüfung seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 2004 eingeleitet.

Deren Titel „Die Zypernfrage – Im Spannungsverhältnis zwischen Ankara und Athen“ weist eine sehr große inhaltliche Nähe zu dem Titel von Gürles 2002 veröffentlichter Magisterarbeit „Zypern in seinen Beziehungs- und Konfliktverhältnissen zu Türkei und Griechenland“ auf. Wie Recherchen unserer Zeitung ergaben, stimmt etwa die Hälfte der Doktorarbeit wortwörtlich oder – durch Satzumstellungen – inhaltlich mit dem Text seiner Magisterarbeit überein.

In eigener Sache

Darf die WA-Redaktion mitten im Kommunalwahlkampf über fragwürdige Details in der Doktorarbeit eines örtlichen Spitzenkandidaten schreiben, auch wenn der Fall bis zum Wahltag nicht endgültig zu klären ist? Die WA-Redaktion ist überzeugt: Wir dürfen nicht nur über den Fall berichten, wir müssen es sogar tun. Grundsätzlich gilt natürlich, dass der WA kein Urteil über die Dissertation von Cevdet Gürle sprechen kann und will. Die Redaktion hat Fakten gesammelt und zusammengestellt. Sie hat mit Cevdet Gürle ausführlich über seine Arbeit gesprochen. Eine abschließende Bewertung – und damit die Entscheidung über mögliche Folgen – bleibt der Westfälischen Wilhelms-Universität vorbehalten. Dieses Verfahren ist eingeleitet. Die Universitätsgremien brauchen Zeit, viel Zeit. Bis zum Wahltag wird es keine Klarheit geben. Mit einer Veröffentlichung kann der WA allerdings nicht warten. Man würde der Redaktion zu Recht vorwerfen, der Öffentlichkeit eindeutige und unwidersprochene Fakten vorzuenthalten. Fakt ist: Die Doktorarbeit wirft viele Fragen auf, die über Flüchtigkeitspannen deutlich hinaus gehen. Ob dieser Verdacht streng wissenschaftlich mehr hervorbringt als eine „Dummheit“ – die Cevdet Gürle selbst einräumt –, wird die Zeit leider erst nach dem Wahltermin zeigen.

Das hat Gürle weder in der Bibliographie noch an anderer Stelle kenntlich gemacht, nur in seiner Biografie nennt er den Titel der Magisterarbeit. In der zur Dissertation gehörenden Eidesstattlichen Erklärung versicherte Gürle 2004, „dass sie weder ganz noch im Auszug veröffentlicht worden ist“ und dass er die Stellen der Arbeit, „die anderen Werken dem Wortlaut oder Sinn nach entnommen sind, (...) in jedem Fall als Entlehnung kenntlich gemacht“ hat.

Laut Promotionsordnung der WWU darf die Dissertation noch nicht „Gegenstand einer staatlichen oder akademischen Prüfung“ gewesen sein, darf sie „nicht bereits anderweitig als Prüfungsarbeit vorgelegt“ worden sein.

Prof. Dr. Tobias Leuker, Dekan der Philosophischen Fakultät der WWU, zu der der Fachbereich Politikwissenschaft gehört, teilte Gürle mit, dass auch die Frage geprüft wird, inwieweit die Doktorarbeit eine – gemessen an der Magisterarbeit – „hinreichend eigenständige wissenschaftliche Leistung“ im Sinne der Promotionsprüfungsordnung darstellt.

Gürle sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass er „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt habe. Weil er der erste in seiner Familie war, der promoviert hat, sei er vollkommen darauf angewiesen gewesen, dass ihn sein Doktorvater durch das Promotionsverfahren leitet. Sowohl bei der Magister- als auch bei der Doktorarbeit habe ihn der mittlerweile emeritierte Prof. Dr. Karl Hahn betreut, darum könne auch kein Täuschungsversuch vorliegen. Zwischen beiden habe ein Vertrauensverhältnis bestanden. Über die Formulierung der Eidesstattlichen Erklärung habe er sich „nicht den Kopf zerbrochen“.

An der Uni wird nun – wie in solchen Fällen üblich – das Gutachten zur Promotionsschrift gesichtet. Danach befasst sich der Fachbereichsrat mit dem Fall, werden gegebenenfalls die damals Beteiligten angehört. „Der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen“, so Leuker. - san

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