Sense ist insektenfreundlicher

Mortalitätsrate bei fast 100 Prozent? Kritik am Mulchen von Grünflächen

Aufgesammelt und zu Ballen gepresst: Das Schnittgut von Teilen der Wiesen rund um die Trainingsstrecke auf Radbod wird entsorgt und bleibt nicht liegen.
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Aufgesammelt und zu Ballen gepresst: Das Schnittgut von Teilen der Wiesen rund um die Trainingsstrecke auf Radbod wird entsorgt und bleibt nicht liegen.

Zweimal im Jahr sollte eine Wiese gemäht und das Mahdgut anschließend entfernt werden, um eine große Artenvielfalt an Blühpflanzen hervorzubringen und damit eine Grundlage für viele Insekten zu bieten. Das ist nicht überall der Fall.

Bockum-Hövel – Als Jürgen Hundorf, 1. Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) Hamm, sich die städtische Mähaktion auf dem Gelände der Trainingsstrecke für Rollsport ansah, war er zunächst verwundert. Denn hier war ein Teil des Geländes nicht geschnitten, sondern gemulcht worden. Auf das Abmähen der blühenden Wiese hatte WA-Leserin Tanja Frankenfeld aufmerksam gemacht.

Mähen mit einer Sense ist insektenfreundlicher

Und Hundorf gibt ihr angesichts der angewandten Methode Recht. „Das Mulchen ist die kostengünstigste Variante, aber nicht dazu geeignet blüten- und insektenreiche Flächen zu entwickeln. Die Mortalitätsrate liegt bei fast 100 Prozent. Da bleiben keine Insekten mehr übrig. Alle Metamorphosen werden vernichtet. Die werden alle geschreddert. Eine kleine Chance haben die flugfähigen Insekten. Aber nur, wenn man es nicht bei feuchtem, schlechtem Wetter macht, bei dem die Insekten ihre Flügel nicht richtig entfalten können.“ Hinzu komme, dass der Mulch dann oft auch noch liegen bleibe. So würden auf der Wiese immer mehr Nährstoffe angereichert. Außerdem decke der Mulch alles ab und schränke das Wachstum ein.

Ideal wäre aus seiner Sicht das Mähen mit einer Sense. Hier liege die Mortalitätsrate bei rund fünf Prozent. Doch auch Hundorf meint, dass eine solche Pflege aufgrund der Flächengröße nicht durchführbar ist. Balkenmäher oder Kreiselmäher wie in der Landwirtschaft könnten auf der Fläche zum Einsatz kommen. Sie sei ökologisch sehr wertvoll. Dort habe zum Beispiel auch schon die Feldlerche gebrütet.

Abfall und Hundekot machen Mahdgut unbrauchbar

Merkwürdig sei allerdings, dass auf dem Gelände die Wiesen nicht nur gemulcht worden sei, sondern große Teile auch geschnitten, wundert sich Hundorf. Aus seiner Sicht wäre es wichtig, das Mahdgut immer zu entfernen. Ein Problem sei, dass man es gerade von solchen Flächen nicht mehr verwenden könne, zum Beispiel als Viehfutter. Dafür befinde sich zu viel Abfall und vor allem zu viel Hundekot darin. Der sei für Nutzvieh gefährlich, so Hundorf.

Auf Nachfrage, welche Maßnahmen genau rund um die Trainingsstrecke auf dem Radbodgelände durchgeführt wurden, teilte Stadtsprecher Tobias Köbberling mit, dass von der Stadt nur ein Teil der Fläche mit geringem Aufwuchs gemulcht worden sei. Der Rest der Fläche sei an einen Lohnunternehmer vergeben worden, da der über die erforderlichen Geräte zum Aufnehmen des Materials verfüge. Das aktuell noch auf der Fläche liegende Schnittgut werde noch gepresst und abgefahren, wenn die Pflanzen nachgereift seien und ausgesamt hätten, so Köbberling.

Stadt müsste Fuhrpark umstellen oder Arbeiten extern vergeben

Das ist inzwischen passiert. Der Unternehmer hat das Schnittgut aufgenommen, in Ballen gepresst und abgefahren. Zum Thema Mulchen teilte Köbberling mit, dass in der Tat auf einem Großteil der Rasen- und Wiesenflächen der Stadt Hamm bisher so verfahren werde. Das Aufnehmen des Materials sei mit hohem Personal- und Maschinenaufwand verbunden und es müsse anschließend über den Abfall- und Stadtreinigungsbetrieb Hamm (ASH) entsorgt werden.

„Da wir selbst nicht über den erforderlichen Maschinenpark verfügen, müsste dieser entsprechend neu ausgerichtet oder eben das Mähen der Flächen extern vergeben werden. Bei der Vielzahl an Rasen- und Wiesenflächen ist eine Umstellung also nicht kurzfristig umsetzbar, sondern wäre eine größere Umstellung mit vielfältigen personellen und finanziellen Auswirkungen“, so Köbberling.

Lobende Worte zum Schluss: „Stadt tut etwas“

Zur Trainingsstrecke auf Radbod teilte er mit, dass es zur Unterhaltung einen Nutzungsvertrag zwischen der Montan Immobilien GmbH der RAG und der Stadt Hamm aus dem Jahre 2012 gebe. Der übertrage die Unterhaltung und Verkehrssicherungspflicht für dieses Landschaftsbauwerk auf die Stadt. Die Zuständigkeit der Stadt bezieht sich nur auf das Landschaftsbauwerk, auf dem die Radstrecke liege. Die Halde Radbod selbst sei vor Kurzem ebenfalls gemäht worden. „Damit haben wir aber nichts zu tun“, so Köbberling.

„Die Stadt tut etwas, das muss man anerkennen. Die Bemühungen sind im Stadtbild inzwischen deutlich erkennbar, und man muss der Verwaltung Zeit geben, um die Pflege umzustellen“, findet Hundorf am Schluss auch lobende Worte.

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