Hakenkreuz, Beleidigungen

Der „Scheißtürke“: Wie ein Mitarbeiter der Stadt monatelang von einem Kollegen drangsaliert wird

Lange Leidenszeit: Zunächst traute sich Hamza Ceran aus Angst um seinen Job nicht, die Diskriminierungen öffentlich zu machen.
+
Lange Leidenszeit: Zunächst traute sich Hamza Ceran aus Angst um seinen Job nicht, die Diskriminierungen öffentlich zu machen.

Im Amt für Asyl- und Flüchtlingsangelegenheiten der Stadt Hamm gärte monatelang eine Auseinandersetzung, bei der es, wie der Westfälische Anzeiger jetzt erfuhr, um Rassismus gegenüber einem Mitarbeiter mit Migrationshintergrund ging.

Hamm – Hamza Ceran, ein 42-jähriger türkischstämmiger Familienvater, der bis vor Kurzem in unterschiedlichen Flüchtlingseinrichtungen der Stadt Hamm als so genannter Hauswart im Bereich der Hausmeisterdienste tätig war, hatte sich wegen wiederholter Beleidigungen bezüglich seiner Herkunft durch einen Kollegen mehrfach mündlich mit dem Hinweis „Der soll das lassen!“ bei seinem Vorarbeiter beschwert.

Da seine Beschwerden ohne Konsequenzen blieben, wandte er sich Ende 2019 schriftlich an seinen obersten Dienstherrn, Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann persönlich, um die Missstände anzuprangern. In dem zweiseitigen Schreiben, das der Redaktion vorliegt, beklagt er unter anderem sexuelle Belästigung gegenüber Flüchtlingen, Rassismus, Vetternwirtschaft und Mobbing.

Beleidigungen und unangebrachte Kommentare

Die Rassismusvorwürfe richten sich vor allem gegen einen der insgesamt rund 40 Hauswarte, die im Bereich „Hausmeisterdienst Übergangswohnheime“ des Amtes tätig sind. Der gut 60-jährige Matteo Rossi*, der gebürtig aus Italien stammt, hat demnach nicht nur Hamza Ceran fortwährend rassistisch beleidigt, er soll sich im Beisein mehrerer Kollegen auch sexuell übergriffig gegenüber mindestens einem Flüchtlingsmädchen geäußert haben („Guck mal ihren Arsch an, wenn sie älter ist, kannst du sie gut fi….“).

Zudem, so bestätigt Cerans Kollege Bassam Al-Hamrawi*, seien gegenüber Flüchtlingen mit dunkler Haut die Begriffe „Bimbo“ und „Nigger“ immer wieder gefallen: „Ich habe das Wort Nigger bestimmt hundert Mal gehört“, sagte Al-Hamrawi* im Gespräch mit dem WA.

Eskalation im Flüchtlingsheim ohne Streitschlichtung

Ein von einem Flüchtling aufgezeichnetes Video, das der Redaktion vorliegt, dokumentiert auf erschreckende Weise die Einstellung Matteo Rossis zu den ihm anvertrauten Schutzbefohlenen. Der im Dunklen aufgenommene, eineinhalb Minuten lange Mitschnitt, der 2018 aufgenommen worden sein soll, zeigt mehrere dunkelhäutige Männer, die in der Flüchtlingsunterkunft an der Schützenstraße aneinander geraten. Die Prügelei wird von zwei Männern weitergeführt und schnell immer brutaler. Der stärkere der beiden Kontrahenten packt den unterlegenen an Kopf und Beinen, hebt ihn hoch und schleudert ihn mit dem nackten Rücken mehrmals auf den Asphalt. Er tritt dem Mann gegen Kopf und Oberkörper. Hauswart Rossi schaut sich die brutale Auseinandersetzung mit lässig in die Hüften gestemmten Armen seelenruhig an, zwei weitere Kollegen sehen ebenfalls zu. Hilfe ruft niemand. Als einer der Schläger eine Glasflasche aus einem Mülleimer in der Nähe zieht, sie zerschlägt – offensichtlich um den Flaschenhals als Waffe einzusetzen – endet das Video.

Die Beleidigungen und Aktionen, die sich gegen Hamza Ceran persönlich richten, beginnen im Juni 2018: In seinem persönlichen Postfach an seinem Arbeitsplatz findet er eine Medaille. Auf der einen Seite sind die Ziffern „1939“ eingeprägt, auf der anderen ein Hakenkreuz. Ceran ist tief gekränkt. Ein Kollege rät ihm, den Vorfall zu melden, doch er hat Angst um seinen Job und schweigt. An einem Morgen im November 2018 treffen sich die Hauswarte im Büro ihres Vorarbeiters zur Bekanntgabe der Schichtpläne. Als Cerans Name und noch ein weiterer türkischer Name verlesen werden, kommentiert Matteo Rossi* das lautstark vor allen Anwesenden: „Was soll das? Es reicht doch, wenn wir einen Scheißtürken in der Gruppe haben!“

Fieses Grinsen im Gesicht

Weihnachten 2018 erhält Ceran über Whatsapp einen rechtsradikalen „Weihnachtsgruß“ seines Kollegen Rossi – mit einem sich drehenden Hakenkreuz als Adventskranz. Ceran behält all das für sich. Auch, als im Frühjahr 2019 in der Flüchtlingsunterkunft am Caldenhofer Weg, dem ehemaligen Glunz-Dorf, eine größere Menge ausgebauter, hochwertiger Kabel verschwindet und er wieder von Rossi angegangen wird („Ey Türke, hast du das Kabel geklaut?“), sagt er nichts. Sein Kollege Al-Hamrawi berichtet: „Es war oft so, dass er (Rossi - Anm. d. Red.) solche Sachen gesagt hat – immer mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. Er sagte immer, er hätte doch nur einen Scherz gemacht. Für ihn war das vielleicht ein Scherz, für uns Ausländer sind das schlimme Beleidigungen.“

Ceran leidet schwer unter dem Arbeitsklima. Als er 2016 seinen Dienst bei der Stadt Hamm antrat, war alles noch ganz anders. Die Stadtverwaltung hatte auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise mehrere Mitarbeiter mit Migrationshintergrund für die Arbeit in den drei städtischen Flüchtlingseinrichtungen gesucht. Die Aufgabe: für Ordnung und Sicherheit zu sorgen und die Menschen in ihrem Alltag zu betreuen. Ceran, ein gelernter Tischler, fühlte sich angesprochen, bewarb sich und wurde eingestellt. Sein Vorarbeiter, der Chef der Hauswarte, war Volker Fuchs. Er galt vor allem unter den Mitarbeitern mit Migrationshintergrund als integrer Kollege. Doch Fuchs war schon 2018 schwer krank und starb im Januar 2019. Danach änderte sich die Situation.

Vetternwirtschaft bei den Hauswarten

Um seinen kommissarischen Nachfolger herum arbeiteten fortan gleich mehrere von dessen Verwandten bei den Hausmeisterdiensten: ein Sohn und drei Schwiegersöhne. Ceran hatte den OB auch auf diese „Vetternwirtschaft“ aufmerksam gemacht. Hubert Müller*, ein inzwischen in Rente befindlicher ehemaliger Mitarbeiter im Amt für Asyl- und Flüchtlingsangelegenheiten, bestätigt im Gespräch mit dem WA die Zustände. „Ich habe den nur noch Schwiegervater genannt, wenn ich ihn angesprochen habe“, sagt er.

Der heute 59-Jährige war nach eigenen Angaben 40 Jahre an verschiedenen Stellen der Stadtverwaltung tätig gewesen. Er findet deutliche Worte für seinen ehemaligen Arbeitsplatz: „Das ist das dreckigste und schmutzigste Amt, das ich je kennengelernt habe.“ Als behinderter Mitarbeiter sei er – vermutlich wegen seiner vielen Fehlzeiten und beschränkten Einsatzfähigkeit – von seinem Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden, bevor er schließlich hinwarf, Erwerbsminderungsrente beantragte und ausschied.

Ekel-Geschenk zur Wiedereingliederung

Hamza Ceran erleidet im Frühsommer 2019 einen Herzinfarkt. Als er nach überstandener Krankheit während seiner Wiedereingliederung im November 2019 eine angebissene Schweine-Salami in seinem Postfach vorfindet – für einen Moslem eine schwere Beleidigung –, reicht es ihm: Am 5.Dezember schreibt er dem OB. Er schildert jeden einzelnen Vorfall.

„Das sind die schlimmsten Sachen, die ich persönlich erleben musste“, schreibt er. „Bitte glauben Sie mir, dass ich nicht der einzige Betroffene bin. Andere sagen nichts, die mit Zeitverträgen lassen sich alles gefallen, weil sie Angst um ihre Arbeitsplätze haben.“ Am 6.Januar wird er zum Gespräch mit einer Vertreterin des Personalamtes und seinen Vorgesetzten gebeten. Man werde sich um ihn kümmern und dafür sorgen, dass es ihm wieder gut gehe, wird ihm dort versichert. Tatsächlich werden Rossi und Ceran fortan dienstlich getrennt, mehr passiert zunächst nicht.

Wegen Diskriminierung Jobwechsel

Nach Wochen deutet sich an, dass die Rassismus-Probleme im Amt unter den Teppich gekehrt werden sollen. Und für Hamza Ceran hat sich die Situation nicht verbessert, im Gegenteil, er spürt das Misstrauen seiner Vorgesetzten. Kollegen werden über sein Auftreten gegenüber Flüchtlingen und anderen Hauswarten befragt. Ist er nicht aufbrausend, manchmal sogar furchterregend? Auch eine Jugendstrafe über zwei Jahre und acht Monate, die er vor vielen Jahren abgesessen hat, wird wieder zum Thema – obwohl er längst rehabilitiert, verheiratet und Vater eines Sohnes und einer Tochter ist.

Im März ruft die Stadtverwaltung schließlich die zum 1.Januar 2008 gebildete „Kommission gegen Mobbing, sexuelle Belästigung und Diskriminierung“ zusammen, um den Rassismus-Vorfällen nachzugehen. Das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten: Rossi wird zweimal abgemahnt und zur „Abfallwirtschaft und Stadtreinigung“ (ASH) versetzt. Hamza Ceran wird ebenfalls versetzt, er arbeitet als Hausmeister im Schuldienst der Stadt Hamm. Sein neuer Job gefällt ihm gut, doch noch lieber würde er mit den Flüchtlingen arbeiten.

*Namen von der Redaktion geändert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion