Aufklärung nur im Dunstbereich

Missbrauch, Monsignore! Weiterer „Einzelfall" in Hamm

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Hamm – Wer die Hoffnung hegt, die katholische Kirche würde als Reaktion auf den Missbrauchs- und Vertuschungsskandal in die Offensive gehen und die von Übergriffen ihrer Kleriker betroffenen Gemeinden aktiv informieren, befindet sich auf dem Holzweg.

„Wir haben uns dazu entschieden, Tatorte nur im Einzelfall zu nennen“, teilt das Erzbistum Paderborn auf Anfrage unserer Zeitung mit und begründet dieses Vorgehen mit dem Schutz der betroffenen Opfer. Ferner habe das Erzbistum auch „eine Verantwortung gegenüber den Gemeinden, diese nicht zu verunsichern“.

Einer dieser von Erzbistums-Sprecher Thomas Throenle erwähnten „Einzelfälle“ ist nun eingetreten. WA-Recherchen haben ergeben, dass sich ein weiterer Geistlicher in Hamm und einer benachbarten Stadt mehrfach an Kindern vergangen hat. Das Erzbistum bestätigt das. Es ist nach dem Fall Pottbäcker in Bockum-Hövel und einem weiteren aus einer anderen Gemeinde, die der WA derzeit noch nicht namentlich benennt, der dritte Kleriker, dessen Übergriffe bekannt werden. Seit November haben sich insgesamt fünf Opfer persönlich in der Redaktion gemeldet, in diesem neuen Fall kam der Hinweis aus dem Umfeld eines weiteren Opfers.

Bereits 2010 bundesweit Schlagzeilen gemacht

Prekär an diesem neuen Fall ist, dass er für Vergehen außerhalb Hamms bereits 2010 bundesweit Schlagzeilen machte, damals allerdings nur ein Bruchteil der Übergriffe bekannt wurde – und zwar obwohl das Erzbistum den Medien eine „rückhaltlose Aufklärung“ zugesichert hatte. Zum Sachverhalt: Der Geistliche bekleidete in den 1980er Jahren außerhalb Hamms eine führende Position an einem kirchlichen Internat und hatte sich dort an einem unter 14-jährigen Jungen vergangen. 22 Jahre später konfrontierte das Opfer den Geistlichen damit; dieser wandte sich daraufhin an den damaligen Erzbischof Degenhardt, und dieser zog den Kirchenmann wenig später aus dem Internat ab. Aus „gesundheitlichen Gründen“, wie es damals hieß.

Dass tatsächlich ein sexueller Übergriff stattgefunden hatte, wurde erst 2010 bekannt. Der „Spiegel“ berichtete als Erster. Ein weiteres Opfer aus dem Internat meldete sich im Nachgang zu den Veröffentlichungen ebenfalls wegen eines zwei Jahrzehnte zurückliegenden Übergriffs. Paderborn schaltete die Staatsanwaltschaft ein, welche das Ermittlungsverfahren gegen den damals schon über 80-jährigen Geistlichen aber wegen Verjährung einstellte. Ein Brief wurde im April 2010 vom Bistum an alle Internatsschüler verfasst, in dem sie aufgefordert wurden, mögliche sexuelle Übergriffe zu melden. Mitte Mai verkündete ein Bistumssprecher, dass es „keine weiteren Fälle“ gebe.

Geistlicher: Fall wurde "aufgebauscht"

Der Geistliche selbst erklärte damals in einem Interview, dass sein Fall „aufgebauscht“ worden sei, und der Bischof ihm gesagt habe, dass er es nicht verdient habe, dass sein Name beschmutzt werde. „Wir werden Dich so gut es geht schützen“, zitierte er den Bischof.

Was damals nicht bekannt wurde – jetzt aber im Zuge der WA-Recherche eingeräumt wird: Ebenfalls im April 2010 hatte sich ein mutmaßliches Opfer aus Hamm beim Erzbistum gemeldet. Als neunjähriges Kommunionkind soll dieses von dem Geistlichen 1974 in dessen Zeit in Hamm missbraucht worden sein. Er wisse noch von mehreren weiteren Opfern, hatte der Mann mitgeteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte auch in dieser Angelegenheit, stellte das Verfahren aber wegen Verjährung ein.

Geldzahlungen "in Anerkennung des Leids“

Zwei weitere Internatsschüler meldeten sich ebenfalls noch. Drei der fünf nun in Rede stehenden Opfer erhielten zwischenzeitlich „in Anerkennung des Leids“ Geldzahlungen vom Erzbistum. Die Übergriffe des Geistlichen wurden der Glaubenskongregation in Rom gemeldet. Der Geistliche wurde verpflichtet, die an die Betroffenen geleisteten Anerkennungszahlungen aus eigenen Mitteln zu tragen. Über die Höhe der Zahlungen machtPaderborn keine Angaben.

Der Priester trägt bis heute den ihm Mitte der 1980er Jahre vom Papst verliehenen Ehrentitel „Monsignore“. Dieser wurde ihm nicht aberkannt. Er ist um die 90 Jahre alt und wurde später als Hausgeistlicher an ein Altersheim für Nonnen versetzt. Wo er heute lebt, war für den WA nicht herauszufinden. Zwei der hier geschilderten Fälle werden aktuell noch staatsanwaltschaftlich geprüft.

Erzbischof Becker zum Missbrauchs-Skandal:

„Durch Vertuschung und Verdrängung hat die Kirche jahrzehntelang schwere Schuld auf sich geladen. (...) Dies wollen und werden wir konsequent ändern: Wir arbeiten nicht erst seit der MHG-Studie mit den staatlichen Ermittlungsbehörden zusammen und haben der Staatsanwaltschaft zwischenzeitlich Zugang zu allen von dort angefragten Unterlagen verschafft. Im Erzbistum Paderborn werden wir die konkreten Handlungsschritte, die die Studie empfiehlt, umsetzen und fortführen. (...) Wir intensivieren damit die bereits 2010 getroffenen Maßnahmen sowie unsere umfangreiche Präventionsarbeit. Wir werden diesen eingeschlagenen Weg weitergehen und die Öffentlichkeit über die Fortschritte informieren.“

(Quelle: Hans-Josef Becker zum Jahreswechsel im Brief an alle Katholiken im Erzbistum)

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