Es geschah nicht nur in Bockum-Hövel

Auch bekannter Pastor verging sich an Kindern

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Symbolbild

Hamm - Heinz Pottbäcker war wohl nicht der Einzige. So wie der pädophile Kaplan soll sich zur etwa gleichen Zeit auch in einem anderen Stadtteil Hamms ein katholischer Geistlicher an Kindern vergangen haben.

Anders als Pottbäcker, der nur für drei Jahre in Hamm war, hat dieser Pastor lange Zeit in der Stadt gewirkt und ist auch heute noch vielen Hammern ein Begriff. Der Geistliche verstarb vor mehreren Jahren; gegen ihn wurde nie ein Strafverfahren eingeleitet. Was sexuelle Übergriffe angeht, war in seinem Bistum bis dato nichts bekannt – so die Auskunft eines Bistumssprechers gegenüber unserer Zeitung. Das dürfte sich nun aber ändern.

Eines der mutmaßlichen Opfer dieses Pfarrers vertraute sich vor wenigen Tagen unserer Zeitung an. Die heute 67-jährige Frau hatte die Pottbäcker-Berichterstattung im WA verfolgt. Vier von dessen Opfern aus Hamm hatten sich seit November 2018 an die Redaktion gewandt. „Aber das war doch nicht nur in Bockum-Hövel“, lauteten eingangs ihre Worte.

Bei Eltern zuhause angerufen

Zwischen 12 und 13 Jahre alt sei sie damals gewesen, streng katholisch erzogen und eine regelmäßige Kirchgängerin. Der in Rede stehende Geistliche habe zu jener Zeit auch den Religionsunterricht an ihrer Schule erteilt. Mädchen, auf die er ein Auge geworfen hatte, seien von ihm zur nochmaligen Beichte in dessen Büro beordert worden. Dazu habe er zu Hause bei den Eltern angerufen und die Wahrnehmung dieser Termine als dringend nötig dargestellt.

„Unangenehm“ sei allein das schon gewesen, denn schließlich habe man den Pastor wenige Tage zuvor bei der normalen Beichte in sein Seelenleben eingeweiht und ihm unter anderem auch von den heimlichen Gedanken zum Thema Jungs berichtet.

Forscher setzen Kirche im Missbrauchsskandal unter Druck

Für das, was dann in den nachmittäglichen „Beichtstunden“ folgte, ist die Bezeichnung „unangenehm“ dann viel zu harmlos. Der Pastor habe unter Berufung auf die letzte Beichte erklärt, dass er sich nun ein Bild von der körperlichen Entwicklung des Mädchens machen müsse und habe damit begonnen, sie an den intimsten Stellen zu untersuchen.

„Aber das dürfen Sie doch nicht“, habe sie anfangs noch gesagt und zur Antwort erhalten: „Doch, das darf ich.“

Tortur zieht sich über ein Jahr hin

Mehr als ein Jahr habe sich die Tortur hingezogen, etwa einmal im Monat habe der Geistliche sie zur „Nach-beichte“ einbestellt und sei dabei zusehends schneller zur Sache gekommen. Bald schon habe sie sich ihm nähern und ihn befühlen müssen.

Versuche, die eigene Mutter ins Vertrauen zu ziehen, seien damals fehlgeschlagen. Diese sei selbst streng religiös gewesen und habe den Worten des eigenen Kindes nicht geglaubt. Mit Sätzen wie „Was erzählst du für einen Quatsch. Ein Pastor tut so etwas nicht“, seien ihre Schilderungen abgetan worden.

In der Not Plan mit Freundin geschmiedet

In ihrer Not habe sie sich schließlich an eine Freundin gewandt und mit dieser einen Plan geschmiedet. Beide Mädchen seien beim nächsten Mal gemeinsam zur „Beichtstunde“ gegangen, wo sich der Pastor dann tatsächlich – wie von ihnen erwartet – nicht gescheut habe, seine gynäkologischen Erkundungen an beiden gleichzeitig vorzunehmen. „Und ab da war dann Schluss. Wir haben ihm anschließend gesagt, dass wir jetzt zur Polizei gehen könnten, weil wir ja gegenseitig Zeugen geworden waren“, so die heute 67-Jährige.

Zu einer Anzeigenerstattung sei es aber nie gekommen. „Tatsächlich hatten wir große Angst, dass uns auch bei der Polizei niemand glauben würde. Dieser Mann war schließlich bestens angesehen.“

Sicher weitere Mädchen missbraucht

Die Bürde der Beweisbarkeit lastet bis heute auf ihrer Seele. Auf die Freundin von damals kann sie sich nicht berufen, denn diese ist seit vielen Jahren tot. Die Hammerin ist sich aber sicher, dass der Pastor zu jener Zeit auch noch weitere Mädchen missbraucht hat. Dies bestätigt zu bekommen, würde die Verarbeitung des eigenen Schicksals erheblich erleichtern, entsprechend hofft sie darauf, dass sich nun weitere Opfer melden werden.

Sie selbst sagt, dass ihr gesamtes Leben ohne diese Übergriffe komplett anders verlaufen wäre. Sie habe sich damals von der Kirche abgewandt, sei zu einem rebellischen Teenager geworden und habe über viele Jahre auch mit ihrem Elternhaus gebrochen. Als viele Jahre später bei ihr eine chronische Darmerkrankung ausbrach, überraschten die Mediziner sie mit folgender Frage: „Sind Sie in ihrer Jugend eventuell einmal sexuell missbraucht worden?“

Sechs Jahre in Behandlung

Die Ärzte deuteten die Übergriffe als Ursache und empfahlen ihr, sich therapieren lassen. Sechs Jahre sei sie danach in Behandlung gewesen, habe in dieser Zeit auch versucht, rechtliche Schritte gegen den Pastor einzuleiten und sich in Hamm an die Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ gewandt.

Deren Vorsitzender, der auf Strafrecht spezialisierte Hammer Rechtsanwalt Ralph Reckmann, erinnert sich auch heute noch gut an die Treffen mit der Frau. Die Schilderungen seien sehr glaubwürdig gewesen, es sei auch schon damals darum gegangen, weitere Opfer ausfindig zu machen. Weil der Pastor aber in dieser Phase verstarb, seien die Bestrebungen bald wieder eingestellt worden.

"Entsetzen, Wut, Trauer“ bei Pfarrer Mönkebüscher

Heute ist vieles anders. Die Bistümer haben die Devise ausgegeben, den Missbrauchsskandal nicht weiter kleinreden zu wollen. Den Opfern soll nun grundsätzlich geglaubt werden, externe Ansprechpartner wurden für sie engagiert, und die katholische Kirche ist auch bereit, in Anerkennung des Leids materielle Leistungen zu erbringen.

Die 67-jährige Hammerin kündigt gegenüber unserer Zeitung an, sich an die vom Bistum benannten Missbrauchs-Experten wenden zu wollen. Ohne den Namen der Frau zu kennen, hatte dies auch das Bistum selbst im Zuge der WA-Recherche zu diesem Fall dringend empfohlen. Sie fühle sich einigermaßen gefestigt, wenngleich ein Restrisiko bestehe, dass die Wunden von damals wieder aufgerissen würden, sagt die 67-Jährige.

Einige der Hammer Pottbäcker-Opfer wollen diesen Schritt ebenfalls tun – und möglicherweise ja auch einige der Mädchen, die sich in diesem Artikel wiederfinden.

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