Metaller in der Kuschelecke: Delirious-Gitarrist Andreas Supplie leitet hauptberuflich eine Kita

Die Gitarre ist immer dabei: Andreas Supplie, Mitglied der Band Delirious, leitet das Familienzentrum Kita Roncalli-Haus.
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Die Gitarre ist immer dabei: Andreas Supplie, Mitglied der Band Delirious, leitet das Familienzentrum Kita Roncalli-Haus.

Fährt Andreas Supplie zur Arbeit, bleiben die Totenköpfe im Kleiderschrank. Metalshirts mit krassen Motiven, die trägt er lieber in seiner Freizeit. „Das ist nix für die Kita“, sagt der 47-Jährige, der seit 2016 das Ahlener Familienzentrum Kita Roncalli-Haus leitet.

Hamm/Dolberg – Wenn man Andreas Supplie dort so sitzen sieht, mit der Akustikgitarre auf den Knien und umringt von Kindern, fällt es schwer, in ihm den Typen zu erkennen, der auf der Bühne mit grimmiger Miene die Songs der Thrash-Metal-Band „Delirious“ vorandrischt.

Schnell, laut, wuchtig und wütend lässt sich der Sound der Formation auf den Punkt bringen. Delirious sind Kult und zählen zu den Urgesteinen der Ruhrgebiets-Metal-Szene. An den Instrumenten eher ein Vernichtungsschlag, werden die Musiker von Fans und Freunden ob Herz, Humor und Bodenständigkeit geschätzt.

Metall-Band besteht seit 30 Jahren

Der Trupp aus Bockum-Hövel hat sich die Bühnen mit Szene-Größen wie Testament, Death Angel, Suicidal Tendecies oder Ektomorf geteilt, etliche Festivals, darunter Wacken, Turock und Rock Hard, bestritten und eigene Events auf die Beine gestellt. „Es gibt uns jetzt seit 30 Jahren. Trennen werden wir uns wohl nicht mehr“, sagt Gründungsmitglied Supplie und fügt hinzu: „Und solange uns noch jemand hören will, werden wir auch spielen.“

Auch Delirious sind von Corona zur Pause gezwungen worden. Dennoch geht das Training weiter: Als Gitarrist zuständig für Soli und Präzisionstechnik in beeindruckender Geschwindigkeit muss Supplie weiterhin diszipliniert proben, um das Tempo halten zu können. Das tut er allein in seinem kleinen Probenkeller.

Proben laufen trotz Corona weiter

Die Band nehme es gelassen, ändern könne man die Situation ohnehin nicht. Dafür sei man sich darin einig, dass im November der 30. Bandgeburtstag öffentlich gefeiert werden soll. „Dazu laden wir ein, zwei Bands ein – und unsere ehemaligen Mitmusiker, die dann hoffentlich den einen oder anderen unserer Songs mit uns spielen werden.“

Möglich, dass an einem solchen Abend auch wieder der eine oder andere harte Kerl mit weichem Kern nach Supplies Beruf fragt. „Da fühlt man sich dann manchmal nicht so ganz ernst genommen, wenn der eine vom richtigen Umgang mit der C2-Fräse erzählt und ich dann von einem Tag mit der Wichtelgruppe berichte“, sagt Supplie und lacht.

Über den Zivildienst ins Familienzentrum

Der „Metaller“ ist Erzieher mit Leib und Seele, auch wenn er zu seiner Berufung erst auf Umwegen fand. Nach der Ausbildung zum Gärtner musste Supplie den Zivildienst absolvieren. Eher zufällig landet er im Kindergarten, ausgerechnet in eben jener Einrichtung, die er heute leitet. „Ich wollte da gar nicht hin. Als junger Mensch, der keine Kinder hat, ist einem das Thema ja recht fern.“

Nach dem Ende des Zivildienstes gibt sich Supplie ein paar Monate Bedenkzeit und schult letztlich um. So lernt er auch seine heutige Frau Biene kennen, die ebenfalls im Roncalli-Haus arbeitet. Haben die beiden es geschafft, auch ihre beiden Töchter (19 und 24) für Heavy Metal zu begeistern? „Leider nein, da ist wohl ‘was schiefgegangen. Kinder machen ja immer das Gegenteil von dem, was ihre Eltern gut finden. Vermutlich hätten wir Volksmusik hören müssen, um das zu erreichen.“

Von der Geige zur E-Gitarre

Die Musik zieht sich wie ein roter Faden durch Supplies Leben. Seinen späteren Bandkollegen begegnet er früh – er besucht die gleiche Grundschule wie Delirious-Frontmann Markus Bednarek. „Freunde waren wir da noch nicht, das kam später.“ Auch Drummer Markus Keller läuft er in dieser Zeit erstmals über den Weg. Man trifft sich an und im Jugendhaus in Bockum-Hövel, die Chemie stimmt. Der Musikgeschmack auch. Nach acht Jahren Geigenunterricht sattelt Supplie um auf E-Gitarre.

Auf der Zeche Radbod, wo sie bis heute ihren Proberaum haben, können Delirious die Regler ordentlich aufdrehen. „Als wir dort angefangen haben zu proben, war Radbod noch in Betrieb. Wir mussten den Schlüssel beim Pförtner holen und abgeben. Wenn unsere Probe beendet war, sind wir oft der Frühschicht begegnet, die Arbeitsbeginn hatte.“

Auf der Bühne drischt Andreas Supplie mit seiner Gitarre die Songs seiner Band voran.

Zu laut für kleine Feiern, aber beliebt bei Kindern

Bis heute können Delirious am besten „großes Besteck“. „Das ist der Grund, warum wir nie auf Geburtstagen und ähnlichem gespielt haben. Wir sind einfach zu laut für kleinere Veranstaltungen. Mit einem Kofferverstärker wären wir nie gegen das Schlagzeug angekommen“, so Supplie und lacht erneut.

Das Songwriting ist bei Delirious Gemeinschaftsarbeit. Auch aktuell entstehen erste Ideen zu Melodiefolgen und Grundgerüst in Supplies Keller, später steuern die übrigen Bandmitglieder ihr Scherflein bei. Bei Delirious habe man nie etwas forciert, es habe sich eins aus dem anderen ergeben, und die Musik sei immer ein Hobby geblieben. In 30 Jahren hat sich viel verändert, vor allem technisch.

„Heute bastelt man eine ganze CD am PC zusammen. Unser erstes Demo haben wir auf Kassette aufgenommen. Wir hatten im Jugendzentrum Südstraße den Bandwettbewerb und einen Tag im Studio gewonnen. Wir haben vier Tage draus gemacht und hatten somit vier Songs auf einem Tape. Auflage: 100 Stück.“ In der Kita muss Supplie immer wieder Fragen zu seinem Hobby beantworten. „In meinem Büro halten sich oft Kinder auf – sie malen dort, spielen was oder beobachten das Aquarium. Und ich höre bei der Arbeit Musik. Oft fragen die Kinder dann: ‘Andreas, bist du das, der da spielt?“ Auch beim Autofahren werde öfter die Bitte geäußert, Songs noch einmal zu spielen.

Headbangen mit und ohne Haare

Die Melodic-Death-Metal-Band komme bei den Kids derzeit gut an, auch wenn der Umstand, dass der maskuline Gesang von einer blauhaarigen Frau stammt, für Irritationen sorgt. Ohnehin ist Metal ja auch eine haarige Angelegenheit: „Als ich in der Kita angefangen habe, hatte ich ja noch lange Haare und die Kinder haben ständig gefragt ‘Andreas, bist du eine Frau?’ Jetzt wollen sie wissen, warum ich eine Glatze habe.“

Ein wunder Punkt – denn ohne Mähne kein Headbangen. Auch Supplie ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Aber: „Ich wollte nicht enden wie Guildo Horn.“

Kindgerechte Cover in Kita

Es kommt vor, dass Kinder Supplie Lieder vorsummen, die ihnen gefallen haben. So schaffte es zum Beispiel eine kindgerechte Cover-Version von „Smoke on the Water“ auf die Abschieds-CD künftiger Schulkinder. „Ich finde es traurig, wenn mit Kindern Lieder ohne instrumentale Begleitung gesungen werden“, so Supplie, der die Gitarre immer dabei hat.

Eine seiner ersten Amtshandlungen als Chef des Roncalli-Hauses mit 19 Mitarbeitern und 90 Kindern: Er schaffte für jede Gruppe eine Gitarre an. Derzeit ist jeder Kita-Tag eine Corona-Herausforderung. Kuschelecken bleiben geschlossen, Kindergruppen dürfen sich nicht begegnen und schrittweise läuft der Betrieb wieder an. „Das Gitarrenspiel ist wegen Corona ein wenig eingeschlafen. Aber das werden wir bald ändern.“

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