St.-Stephanus-Leiter Jens Jörger im Interview

„Meilenstein“: So lief das Impfen im größten Hammer Altenheim

Seniorenheim St. Stephanus und dessen Einrichtungsleiter Jens Jörger.
+
Stolz auf Mitarbeiter und Bewohner: Die Pandemie ist noch nicht vorbei, für das Seniorenheim St. Stephanus und dessen Einrichtungsleiter Jens Jörger ist mit dem ersten großen Impfdurchgang aber ein Meilenstein geschafft.

Auch im größten Altenheim in Hamm, dem Seniorenheim St. Stephanus am Rande des Heessener Waldes, wurde Bewohnern und Mitarbeitern die Corona-Impfung angeboten. Wird jetzt alles gut?

Hamm – Die Corona-Schutzimpfung läuft in den Seniorenheimen. Für das St.-Stephanus-Heim in Heessen freut sich dessen Leiter Jens Jörger: „Im Ergebnis sind über 92 Prozent der Bewohnerschaft und 82 Prozent der Mitarbeiterschaft geimpft.“ Er sagt aber auch: „Dass jüngere Menschen die Impfung kritischer sehen als ältere Menschen, entspricht unseren Beobachtungen.“ (News zum Coronavirus in Hamm)

WA.de erkundigte sich bei Jörger nach der Impfquote, den Auswirkungen der Impfung und den Perspektiven.

Corona-Impfen im St. Stephanus in Hamm - hier unser Interview:

Die Impfungen gegen das Coronavirus haben in Hamm begonnen. Wie läuft‘s bei Ihnen im Seniorenheim?
Die Impfungen laufen insgesamt sehr gut durch. Der Impfstoff ist planmäßig am 2. Januar hier eingetroffen und wir haben mit der Verimpfung dann auch unmittelbar begonnen. Da wir über die Kassenärztliche Vereinigung im Vorfeld informiert waren, konnten wir die notwendigen Vorbereitungen treffen. Der Impfstoff muss gekühlt und erschütterungsfrei gelagert werden. Soweit es ging, wurden schon im Vorfeld die ärztlichen Aufklärungsgespräche geführt. Jede Impfung setzt natürlich die Einverständniserklärung des Impflings voraus. Bei Bewohnern, die über eine rechtliche Vertretung, zum Beispiel einen Betreuer, verfügen, musste Kontakt aufgenommen werden. Die Reihenfolge für die Impfungen war vorzubereiten und alle mussten gut informiert werden, sodass Spritze und Oberarm auch zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort zusammenfinden.
In der Öffentlichkeit wird von einer sehr niedrigen Impfquote in den Altenheimen besprochen. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Es bestehen natürlich Zweifel, dass die Impfung aufgrund der schnellen Zulassung sicher sind. Angehörige des Pflege- und Gesundheitsdienstes sind natürlich sehr kritisch. Das kann man keinem verübeln. Die Fachkräfte haben über die Jahre Erfahrung mit Gesundheitsschäden durch langjährige Einwirkungen von Arzneimitteln. Kein Medikament ist frei von Neben- beziehungsweise Wechselwirkungen. Es bewirkt ja auch etwas. Auch die Impfung soll ja wirken, und zwar gegen eine Corona-Infektion.
Ich bin eher stolz darauf, dass die Mitarbeiter sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen, denn das Vertrauen in die Pharmakologie ist an einigen Stellen nicht grundlos getrübt. Aber wir müssen auch den Nutzen der Arzneimittel anerkennen. Viele Menschen würden ohne Medikamente gar nicht mehr leben. Erfreut hat mich die fachliche Auseinandersetzung mit dem Impfarzt, der die Mitarbeitenden konkret auf ihre persönliche Situation beraten konnte. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das Angebot der Einzelberatung wahrgenommen und genau nachgefragt. Daran ist nichts auszusetzen.
Im Ergebnis sind über 92 Prozent der Bewohnerschaft und 82 Prozent der Mitarbeiterschaft geimpft. Das bietet einen großen Schutz.
Ist es richtig, dass jüngere Menschen die Impfung kritischer sehen als ältere Menschen?
Das entspricht unseren Beobachtungen. Betrachten wir das Phänomen aus der Perspektive des Risikos. Alte Menschen sind erheblich mehr gefährdet durch das Coronavirus. Die Crux ist nur, dass selbst bei jüngeren Menschen Risiken bestehen, dass die Erkrankungen mit Langzeitfolgen oder tödlich verlaufen. Ältere Menschen schenken dem Impfstoff mehr Vertrauen und sehnen sich nach mehr Schutz. Wichtig finde ich, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema sachlich bleibt. Wer sich ernsthaft mit den Risiken der Impfung auseinandersetzt, begibt sich auf medizinisches Gebiet, und das ist natürlich auch anspruchsvoll. Die Brücke schlägt der Impfarzt oder der Hausarzt, der das Risiko für den einzelnen Impfling bewertet. Anhand des Gesundheitsstatus‘ wird das Risiko einer Impfkomplikation dem Risiko einer Erkrankung gegenübergestellt. Letzlich ist es eine höchstpersönliche Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht. Das gilt für Bewohner und Mitarbeitende gleichermaßen. Die Entscheidung ist zu respektieren. Wir sind sehr froh, dass der allergrößte Teil der Mitarbeiterschaft und Bewohnerschaft geimpft werden kann, denn Impfung bedeutet Sicherheit.
Und wie steht es mit dem Aspekt der Solidarität? Nichtgeimpfte Personen gefährden doch auch wieder andere Personen, auch in Ihrem Haus.
Die Frage der Solidarität stellt sich nicht direkt, denn bis zur Stunde wissen wir nicht, ob die geimpfte Person die Erkrankung trotzdem weiterreichen kann oder nicht. Wir wünschen uns das natürlich, denn das würde ein zusätzliches Maß an Sicherheit bringen. Wir müssen uns mit einer Antwort dazu aber noch gedulden. Indirekt stellt sich die Frage aber dann doch wieder, denn: Aus der Erfahrung wissen wir, dass die Versorgung erkrankter Bewohner und Personalausfälle erkrankter Mitarbeiter die Systeme an die Grenzen des Machbaren treibt. Eine unkontrollierbare Ausbruchssituation führt regelmäßig zu Todesfällen in der Bewohnerschaft und erheblichen Überlastungen der Belegschaft. Es hat in NRW auch Todesfälle unter dem Pflegepersonal gegeben. Das dürfen wir nicht vergessen. Daher ist die Bereitschaft zur Impfung indirekt auch immer ein Beitrag zur Stärkung des Pflege- und Gesundheitssektors.

Größtes Altenheim in Hamm

Das Seniorenheim St. Stephanus im Heessener Dorf ist das größte Seniorenheim Hamms. Derzeit betreuen 230 Mitarbeiter die 180 Bewohner. An diesen Zahlen orientiert sich die im Interview genannte Impfquote.

Mit der Impfung erwarten viele Menschen, dass sich das Leben normalisiert. Wie ist es im Seniorenheim – können Pflegekräfte darauf hoffen, ziemlich bald Schutzkleidung und Mundnasenschutz beiseite zu legen?
Da sind wir natürlich wieder beim Thema der Übertragbarkeit. Wir brauchen belastbare Aussagen aus der Medizin. Wenn wir wissen, ob beziehungsweise wie effektiv die Impfung vor Keimweitergabe schützt, werden die Hygienemaßnahmen angepasst. In dieser Hinsicht stehen wir noch am Anfang der Pandemie. Natürlich sehnen sich alle danach, in die Gesichter der Menschen zu blicken und mittels ausdrucksvoller Gestik zu kommunizieren. Die Mitarbeiterschaft hat im letzten Sommer bei Temperaturen über 36 Grad in den Schutzkitteln die körperlich anstrengende Arbeit verrichtet. Da gibt es große Hoffnungen auf eine Normalisierung.
Und die Normalität im Gemeinschaftsleben – wie steht es damit?
Ein ganz wichtiger Punkt. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Bewohnerinnen und Bewohner ein Gemeinschaftsleben brauchen. Die Begegnung mit anderen Menschen und das Erleben in Gemeinschaft ist genauso wichtig wie Essen und Trinken. Durch die aktuellen Hygieneregeln ist das Gemeinschaftsleben zwar nicht abgeschafft, aber eben doch eingeschränkt. Das belastet Bewohner, Angehörige und die betreuenden Mitarbeiter. Aber wir können die Situation nicht zu sehr pauschalieren. Nach wie vor besteht die Möglichkeit, sich unter entsprechenden Schutzregeln in Kleingruppen zu begegnen. Auch für Besuche durch Angehörige sind großzügige Regeln geschaffen worden. Der Betreuungsdienst ist sehr bemüht, Angebote anzubieten, die auf die neue Situation angepasst sind. Ein schönes Konzert mit seinem Sitznachbarn in einer Stuhlreihe mit anderen Menschen zu genießen, ist eine andere Sache, das ist uns allen klar.
Welche Perspektiven sehen Sie für die stationäre Altenpflege?
Durch die flächendeckenden Impfungen gewinnen wir gerade ein großes Maß an Schutz. Für mich ist das in der Pandemie ein Meilenstein des Erfolgs. Wie effektiv und wie lange der Impfschutz besteht, muss sich zeigen. Wichtig ist mir noch einmal zu erwähnen, was wir bisher alles erreichen konnten. Im internationalen Vergleich wurde die Pandemie vergleichsweise gut gesteuert.
Das Gesundheitssystem ist handlungsfähig, die Pflegeeinrichtungen werden durch einen Rettungsschirm unterstützt und die Einschränkungen im öffentlichen Raum werden von der Mehrheit der Bevölkerung getragen. Jeder tut, was er kann. Gefühlsmäßig kann ich nur sagen: Der Einsatz hat sich bis jetzt gelohnt. Die Pandemie wird uns noch so manche Herausforderung bringen, aber ich bin mir sicher, dass wir damit umgehen können.

Corona in Hamm - das interessiert Leser aktuell:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare