Neues Personal, neue Möglichkeiten

Mehr Schlagkraft gegen Schlaganfälle im Marienhospital

Der neue Chefarzt auf der Baustelle.
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Der neue Chefarzt auf der Baustelle: Die Schlaganfall-Abteilung des St.-Marien-Hospitals wird für 700.000 Euro umgebaut und erweitert. Prof. Dr. Marcus Müller ist als neuer Chefarzt für die Neurologie des Krankenhauses verantwortlich.

Das St.-Marien-Hospital in Hamm erweitert seine Stroke Unit und hat einen neuen Chefarzt für Neurologie.

Hamm - Aus dem Universitätsklinikum Bonn ist Prof. Dr. Marcus Müller im Juli nach Hamm gewechselt. Müller löste Priv.-Doz. Dr. Klaus Rieke ab, der in den Ruhestand verabschiedet wurde (mehr dazu unten im Artikel).

Schwerpunkt Multiple Sklerose

Mit Müller holt sich das Hammer Krankenhaus einen Experten für Multiple Sklerose (MS) und andere entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems ins Haus. 13 Jahre lang hat Müller den Schwerpunkt der Uniklinik Bonn zur MS geleitet, im Laufe seiner Karriere unter anderem in Sydney dazu geforscht. „Früher hat man den einen oder anderen Schub toleriert“, sagt Müller. „Heute ist das Ziel, Patienten frei von Krankheitszeichen zu haben oder zumindest Behinderungen zu vermeiden.“ Moderne Medikamente hätten die Behandlung der Erkrankung deutlich verändert, erzählt der 50-Jährige.

Müller plant, einen Schwerpunkt zur Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose in Hamm zu etablieren. „Bisher gibt es hier noch keine Schwerpunktpraxis“, sagt er. Patienten würden immer nach Dortmund oder Münster fahren, um optimal therapiert zu werden – Müller will eine Therapie vor Ort anbieten.

Prof. Dr. Marcus Müller stammt aus Bad Homburg und hat in Frankfurt Medizin studiert. Er arbeitete unter anderem an der Uniklinik in Münster und zuletzt an der Universitätsklinik in Bonn. Müller ist auf die Behandlung von entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems spezialisiert. Er hat mehrere Lehraufträge, unter anderem an der Uni in Bonn. Müller hat eine erwachsene Tochter.

Schwerpunkt Schlaganfall

„Der Schlaganfall ist der akute Notfall in der Neurologie“, sagt Müller. „Die ersten Stunden entscheiden darüber, ob ein Patient schwere Behinderungen zurückbehält oder wenig bis gar keine Einschränkungen hat.“ Das St.-Marien-Hospital verfügt über die einzige Stroke Unit in Hamm und näherer Umgebung, eine auf die Behandlung von Schlaganfällen spezialisierte Abteilung. Die Klinik hält dazu eine Reihe von Untersuchungsmöglichkeiten sowie geschultes Personal vor.

Ausbau der Stroke Unit

Sechs Betten gibt es in der Stroke Unit aktuell, etwa 700 Patienten werden dort pro Jahr behandelt. Die Abteilung wird nun für 700 000 Euro erweitert, Ende des Jahres sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Acht Betten hat die Einheit dann. Mithilfe von Computertomografie, MRT und Ultraschallgerät lassen sich dann unter anderem verschiedene Formen von Schlaganfällen unterscheiden: „In 80 bis 90 Prozent sind Blutgerinnsel ursächlich für den Schlaganfall“, sagt Müller. Diese werden mithilfe einer Lyse aufgelöst, also dem Einsatz gerinnungshemmender Medikamente. Zu 10 bis 20 Prozent der Schlaganfälle kommt es dagegen infolge einer Blutung. „Wenn man die Lyse bei einer Hirnblutung einsetzt, ist das kontraproduktiv“, sagt Müller – schließlich blutet der Patient dann noch mehr.

In der Stroke Unit können auch schwere Schlaganfälle behandelt werden. Dazu gibt es in der Klinik die Thrombektomie, eine Operation, bei der ein Blutgerinnsel aus einem Gefäß entfernt wird. Ein Mikrokatheter wird in verschlossene Arterien des Gehirns manövriert und das Gerinnsel mechanisch herausgezogen. Möglich ist dies erst seit wenigen Jahren.

Zeit ist Hirn

„Time is brain“, Zeit ist Hirn: Dieser Grundsatz gilt bei Schlaganfällen. Anzeichen für den Hirninfarkt sind vor allem plötzlich einsetzende Symptome, darunter: Sehstörungen, Sprach- und Sprachverständnisprobleme, Schwindel, starker Kopfschmerz, Lähmungen und Taubheitsgefühle, bei Frauen aber auch ungewöhnliche Symptome wie Schluckauf in Verbindung mit Brustschmerzen.

„Wenn jemand zu mir kommt und seit 20 Stunden seine rechte Seite nicht mehr bewegen kann und dachte, es geht von alleine weg – dann können wir nichts mehr machen“, sagt Neurologe Müller. Bei zügiger Behandlung ist das anders. Bei dem Verdacht auf einen Schlaganfall sollten Patienten oder Angehörige deshalb unverzüglich den Notruf 112 wählen.

Entwicklung der Neurologie

1998 hat Müller seine Facharztausbildung als Neurologe begonnen. Ihn reizt an dem Fach die Vielzahl der unterschiedlichen Fälle, die Suche nach Ursachen und passenden Therapien. „In der Neurologie bleiben immer Patienten, bei denen die Diagnose schwierig ist und man wirklich gefordert ist“, sagt Müller.

Ihn fasziniert zudem die rasante Entwicklung seines Fachs. Früher habe man als Neurologe viel diagnostizieren und wenig behandeln können, anders als Herzspezialisten. „Da hat man immer ein bisschen den Kopf gesenkt, wenn ein Kardiologe vorbeikam“, sagt Müller, es ist ein Witz mit wahrem Kern. Heute sei das anders. Viele Erkrankungen wie die MS könne man zwar nach wie vor nicht heilen. „Aber sowohl bei Schlaganfällen und den Entzündungen im Nervensystem kann man Patienten jetzt wirklich helfen.“

Abschied und Begrüßung im Kurhaus

Ohne seine Aufbauarbeit hätten viele Hammer ihre Schlaganfälle nicht überlebt: Priv. -Doz. Dr. Klaus Rieke hat am St. Marien-Hospital die Schlaganfall-Station Stroke Unit aufgebaut. Ein Vierteljahrhundert lang stand der 64-Jährige als Chefarzt der Klinik für Neurologie vor und war 15 Jahre lang auch Ärztlicher Direktor des gesamten Krankenhauses. Jetzt trat er in den Ruhestand und wurde zusammen mit seinem Chefarzt-Kollegen Dr. Thomas Weber mit einer feierlichen Verabschiedung im Kurhaus vor über 100 geladenen Gästen geehrt.

Dr. Thomas Weber war federführend dabei, als sein Fachbereich für Angiologie im April 2016 im Rahmen des Gesundheitsverbundes mit ihm und weiteren Kräften aus dem Evangelischen Krankenhaus im St. Marien-Hospital zur Klinik für Angiologie konzentriert wurde. Der 66-Jährige leitete seitdem die neu entstandene Klinik. Insgesamt war er 15 Jahre als Chefarzt tätig, davon zehn im EVK. Die Kooperation von EVK und St. Marien-Hospital führte zu einem höheren Spezialisierungsgrad der beiden Krankenhäuser und hat sich für die Stadt Hamm bewährt.

Der Festakt für Kollegen, Freunde, Familien und Wegbegleiter der verdienten Mediziner war gleichzeitig das Willkommen für ihre beiden Nachfolger, die ihre Dienste bereits angetreten haben. Seit 1. Juli 2021 leitet Prof. Dr. Marcus Müller die Klinik für Neurologie. Thomas Goroncy ist seit 1. Oktober 2021 neuer Chefarzt der Angiologie.

Der 57-Jährige war leitender Arzt für Angiologie am Klinikum Dortmund und hat vor ein paar Tagen eine zusätzliche Facharztausbildung für Hämostaseologie, also die Lehre von der Blutgerinnung, abgeschlossen. Er wird weiterhin eng mit der Klinik für Gefäßchirurgie des St. Marien-Hospitals zusammenarbeiten.

Der Festakt im Kurhaus war für alle auch eine Möglichkeit, einen Blick auf den bisherigen Stand der Weiterentwicklung der Stadt Hamm zu einem Gesundheitsstandort für die Region zu werfen.

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