Marc Herter, künftiger OB der Stadt Hamm, im Interview

Marc Herter will anfangen: „Der Aufbruch findet in mir sein Gesicht“

Die Zeit des Redens ist vorbei: Marc Herter wird in schon bald zum OB der Stadt Hamm vereidigt.
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Die Zeit des Redens ist vorbei: Marc Herter wird in schon bald zum Hammer OB vereidigt.

Seit knapp drei Wochen ist Marc Herter designierter Oberbürgermeister der Stadt Hamm. Es ist an der Zeit, dem SPD-Politiker mal nachhaltig den Puls zu fühlen.

Hamm - Bei der Stichwahl gewann Marc Herter eindrucksvoll gegen den Amtsinhaber Thomas Hunsteger-Petermann. Am 3. November wird er vereidigt. In den zurückliegenden Wochen wurden erste Weichen gestellt und Sondierungsgespräche geführt. WA.de sprach mit dem 46-Jährigen über die zurückliegenden Wochen und darüber, wie er den propagierten Aufbruch schaffen will.

Vor knapp drei Wochen wurden sie zum Oberbürgermeister gewählt. Wie geht es Ihnen heute?
Marc Herter: Mir geht es gut. Es ist immer noch ein bisschen ungewohnt, aber es fühlt sich gut und richtig an. Es ist ein schönes Gefühl und ich bin dankbar, dass mir die Bürger so viel Vertrauen entgegen gebracht haben. Hinter diesem Vertrauen steckt eine Menge Hoffnung und die Zuversicht, dass es reale Verbesserungen für unsere Stadt gibt.
Wie wollen Sie diese Hoffnungen nicht enttäuschen?
Herter: Indem ich persönlich und wir alle hart arbeiten. Die Punkte, die wir in unserem Wahlprogramm und dem 100-Tage-Programm benannt haben, werden wir zügig angehen. Aber das ist nicht alles: Wir wollen den Aufbruch – da können wir nicht nur ein Programm abarbeiten. Aufbruch heißt auch, eine andere politische Kultur in die Stadt zu bringen und ein anderes gesellschaftliches Klima in der Stadt zu initiieren. Dieser Aufbruch findet nicht in der 2. Etage des Rathauses statt, sondern findet dann statt, wenn die Vielen dabei sind und Initiativen starten; wenn wir die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Dazu gehört, dass Stadtverwaltung, Oberbürgermeister und Ratspolitik die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Am Ende kommt es auf uns alle an.
Da geben Sie auch den Bürgern wieder viel Verantwortung zurück.
Herter: Ja. Ich habe aber den Eindruck, dass genau dazu der Wille da ist. Das zeigt sich auch im Wahlergebnis, aber auch daran, was ich im Wahlkampf gespürt habe. Viele, mit denen ich gesprochen habe, wollen mehr wagen. Sie wollen aktiv mitmachen. Ich spüre auch jetzt nach dem Wechsel viel Tatkraft. Das ist das, was unsere Stadt nach vorne bringen wird.
Über welche Glückwünsche haben Sie sich am meisten gefreut?
Herter: Über die unerwarteten. Über die von Leuten, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Worüber ich mich auch sehr gefreut habe, ist die Tatsache, dass die Freude über den Wechsel die ganze Breite der Stadt erfasst hat. Es waren nicht die üblichen Glückwunschschreiben. Es waren viele Bürger dabei, die sich das erste Mal politisch betätigt haben. Das rührt mich heute noch. Da ist mir ein großer Vertrauensvorschuss zuteil geworden.
Was bedeutet das für Sie?
Herter: Es ist uns gelungen, die Menschen in ihrem Leben zu erreichen. Die Menschen wollen Teil der neuen Bewegung sein und merken, dass sich etwas verändern kann. Das spüre ich – der Aufbruch ist längst da und er findet in der Mitte der städtischen Gesellschaft statt. Der Aufbruch findet in mir sein Gesicht. Ich spüre aber auch den Anspruch, dass es jetzt losgehen muss.
Sie müssen aber auch Impulsgeber sein.
Herter: Ja, ich will Schrittmacher für diese Entwicklung sein. Dem stelle ich mich gerne. Entscheidend ist: Sie zeigt nach vorne und nicht zurück, wir wollen etwas Neues schaffen und nicht etwas Altes abwickeln.
Gleichwohl gibt es viele Sachen, die in den vergangenen Jahren angestoßen worden sind und in den nächsten Jahren realisiert werden. Die werden so weiter geführt?
Herter: Wir wollen den Aufbruch, das soll aber kein Bruch mit laufenden Projekten und Projektlinien dieser Stadt sein. Es wird allerdings eine deutliche Akzentverschiebung geben.
Haben Sie ein Beispiel?
Herter: Wir wollen familienfreundlichste Stadt Deutschlands werden. Das ist explizit kein neues Politikfeld, sondern eine andere Perspektive. Das, was in Sonntagsreden gerne gesprochen wird, werden wir ernst nehmen und am Montag umsetzen. Einen klaren Cut wird es in der Wirtschaftspolitik geben. Wir werden das, was wir zugesagt haben, einhalten: Statt zusätzlicher neuer Logistikhallen an der Autobahn setzen wir auf Innovationen. Deshalb werden wir unsere Schwerpunkte auf die Wasserstoffinitiative, auf den Rangierbahnhof, das Creativ-Revier und die vielen Betriebe des Mittelstands und des Handwerks setzen.
Wird die Wirtschaftsförderungsgesellschaft neu aufgestellt?
Herter: Ja. Wir gründen eine Impulsgesellschaft, um in ihr die vielfachen Verästelungen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, unter einem Dach zusammenzuführen. Das betrifft die Wirtschaftsförderung, das Stadtmarketing, das Hamtec und andere mehr. Am Ende wird eine schlagkräftige Wirtschaftsförderung stehen, die strategisch besser aufgestellt sein wird, als es jetzt der Fall ist.
Gibt es schon personelle Entscheidungen?
Herter: Ich rede hier nicht über Personal.
Der Aufbruch soll sich auch im Rathaus widerspiegeln. Im OB-Büro wurden in den vergangenen Jahren viele Vertraute des amtierenden OB beschäftigt. Wie werden Sie damit umgehen – auch vor dem Hintergrund, dass viele der Mitarbeiter im Wahlkampf sich hinter „HP“ stellten?
Herter: Es hat in Deutschland eine gute Tradition, die Administration nicht komplett auszutauschen, wenn ein neuer Chef gewählt wird. Das wird auch hier so sein. Wir schauen gemeinsam im Einzelfall, ob und wie die Zusammenarbeit weiter geht. Wir werden am Ende sehen, wie das zusammenpasst. Ein anderer Punkt ist viel entscheidender: Wir wollen in der Verwaltung einen Prozess starten, der unter dem Stichwort „mehr Wertschätzung und mehr Beteiligung“ steht. Mitarbeiter sollen ihre Kompetenzen, ihr Engagement und ihre Kreativität besser einbringen können. Das ist wichtiger als sich darüber zu unterhalten, welcher Kopf wem nicht passt.
Nur reden hilft aber nicht.
Herter: Genau. Daher wird es einen Organisationsentwicklungsprozess geben, der sich über die gesamte Verwaltung erstreckt. Da steht nicht die Frage der Dezernatszuschnitte im Mittelpunkt. Wir wollen vielmehr einen tief greifenden Prozess starten, der die Mitarbeiter im Blick hat und deren Potenzial fördert.
Sie werden in der kommenden Woche mit den Koalitionsverhandlungen beginnen...
Herter: Am Montag geht es los. Wir haben uns zehn Tage Zeit gegeben, einen entsprechenden Vertrag zu erarbeiten. An der knappen Zeitschiene können Sie schon sehen, dass wir in den Sondierungsgesprächen eine große Übereinstimmung gefunden haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir einen guten Koalitionsvertrag erarbeiten werden. Ich habe bereits bei der Aufnahme der Sondierungsgespräche gespürt, dass die drei Parteien die Stadt wirklich und nachhaltig verändern wollen. Das wird eine Koalition des Aufbruchs.
Welche Positionen sind denn aus Sicht der SPD nicht verhandelbar?
Wir werden mit den Grünen und der FDP verhandeln und nicht über die Zeitung. Das bringt nichts. Ich bin mir sicher, dass die drei Partner in allen Bereichen offen und fair diskutieren können.
Wie bewerten sie den Streit bei den Grünen. Ist damit eine Koalition gleich zu Beginn geschwächt?
Herter: Ich nehme alle Mandatsträger bei den Grünen als Kollegen wahr, die an einer gemeinsamen Zusammenarbeit interessiert sind. Wir haben bislang bereits gute Gespräche geführt. Alles andere habe ich nicht zu kommentieren.
Der propagierte Aufbruch kann keine Worthülse sein. Die Menschen müssen merken, dass sie etwas tut. Wie gelingt das?
Herter: Daher haben wir ein 100-Tage-Programm entwickelt, in dem wesentliche Punkte umgesetzt, andere eingeleitet werden. Die Kita-Beiträge werden sofort halbiert und darüber hinaus wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Menschen werden zusammengebracht, die dann gemeinsam Projekte umsetzen. Hier wird der Aufbruch konkret und die Dinge Stück für Stück Realität: Wenn wir eine Entwicklungsagentur für den Rangierbahnhof einrichten, dann ist das ein klares Signal. Wenn wir Menschen zusammenbringen, die sich für den Wasserstoffstandort in Uentrop engagieren und das als Chance begreifen, dann wird aus der Chance eine Perspektive. Solche Perspektiven zu schaffen wird die Herausforderung für das erste Jahr sein. Wir machen uns auf den Weg und werden die Stadt jeden Tag ein wenig besser machen. Ich bin mir sicher, dass das gelingen wird.

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